Keep Surfing Film Trailer
FSK Film: 6 | Länge: 91 Min | Kinostart: 20.05.2010 | Release: 21.09.2010 (DVD)
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Die Story:Bereits vor 35 Jahren stürzt sich der erste Wahnsinnige mit seinem Surfbrett in eine Flusswelle. Frei nach dem Motto people are more interested in people than anything else stehen bei Keep Surfing neben atemberaubenden Surf-Aufnahmen vor allem die ausgefallenen Lebensentwürfe seiner Protagonisten im Mittelpunkt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dabei vermittelt Keep Surfing fast nebenbei, dass die Stadt München viel mehr ist als nur die Heimat von wohlhabenden Bier- und Brezelliebhabern.
Hintergrund:Der Film wirft einen Blick auf das anarchistische Herz der Stadt, zeigt sie als Heimat von Individualisten und einen Ort von dem die Jungs in die weite Welt aufbrechen. Trotz aller Gegensätze führt sie die Welle im Herzen von München immer wieder zusammen. Keep Surfing folgt sechs Ausnahmesurfern auf eine Ausnahmewelle - und zeigt dabei Lebensentwürfe, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Im Wetsuit teilen sie als Sportler die gleiche Leidenschaft, privat aber sind sie Informatiker, Kameramann oder Arzt. Nur einer verdient mit Surfen sein Geld, ein anderer hält sich mit dem Bau von Didgeridoos über Wasser und der letzte im Bunde betreibt einen Barbershop in Oregon. Björn Richie Lob sind atemberaubende Aufnahmen der Wellenreiter gelungen, mit nicht weniger Geschick hat er seinen Protagonisten Geheimnisse entlockt, die sie sonst niemandem erzählen. Denn Lob ist einer von ihnen, selbst ein Flusssurfer und radikaler Individualist, der seinem Filmtraum bedingungslos folgte. Vor Ort war er in fünf Jahren Produktionszeit immer wieder Regisseur und Kameramann zugleich. Keep Surfing ist ein junger Kinofilm über München - das deutsche Mekka des Wellenreitens - und ein mitreißendes Plädoyer für ungebändigte Lebensentwürfe. Björn Richie Lobs Kinodebüt und erster abendfüllender Dokumentarfilm wurde bei seiner Weltpremiere auf dem Filmfest München 2009 mit dem Bayern3-Publikumspreis ausgezeichnet.
Filmmusik:Der Soundtrack kommt von Philip Stegers aka Lee Buddah. Der Score verbindet den typischen Surfsound mit neuen Klängen, und bietet dazu noch einige Entdeckungen wie die deutsch-schwedische Formation anna.luca.
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DIRECTORS STATEMENT
Die Idee zum Film entstand vor 10 Jahren bei meinem ersten Besuch in München, als ich die Flusswelle am „Eisbach“ entdeckte, einem Isarkanal der im Herzen der Stadt München liegt. Für die Eisbach - Surfer ist es das „kleine Hawaii“.
Da ich selbst zu dieser Zeit schon einen Großteil meines Lebens dem Reisen und dem Surfen im Meer gewidmet hatte, verliebte ich mich auf den ersten Blick in das Flusssurfen, die Menschen die ich hier kennen lernte und in die Stadt München, die von nun an meine neue Wahlheimat war. Gleichzeitig wurde meine Leidenschaft für das Filmemachen und Fotografieren immer stärker und ich begann mich auf die Suche nach Gleichgesinnten zu machen.
Der Film reflektiert insofern auch meine eigene Geschichte. Meine Motivation war immer die Liebe zu den Menschen, die Faszination am Surfen, mein Bedürfnis Menschen zu portraitieren, schöne Momente in Bildern festzuhalten und Geschichten zu erzählen. KEEP SURFING ist das Ergebnis all dessen, was ich an meinem Leben liebe.
Björn Richie Lob
Eure Meinung zu "Keep Surfing"

♥: Toll gefilmte Surfaction, interessante Porträts von echten Soulsurfern.
−: In der Flut der Bilder und Themen fehlt manchmal ein bißchen Struktur.
Weit weg vom Meer hat sich in München eine ganz eigene Surfszene entwickelt. Gleich an mehreren Stellen in der Stadt stauen sich die Wassermassen so auf, dass eine Welle entsteht - die man surfen kann. Der berühmteste Spot ist der Eisbach. An der Stelle wo er seinen unterirdischen Verlauf unter der Stadt beendet, türmen sich die Fluten kurz auf. Früher nur bei Hochwasser, inzwischen, jedoch zu jeder Zeit.
Dafür haben die Surfer selbst gesorgt, in dem sie den Wasserlauf mit Eisenbahnschienen eingeengt haben. Das war natürlich illegal, aber trotzdem ist bislang niemand eingeschritten. Denn mittlerweile gehören die Eisbachsurfer zu den Aushängeschildern der Stadt. Ein Status der vielen der Individualsportler zunächst gar nicht recht war. Denn der Bekanntheitsgrad lockt nicht nur Schaulustige sondern vor allem neugierige Surfer , so daß es mitunter eng auf dem Wasser werden kann.
Der Regisseur von "Keep Surfing", Björn Richie Lob gehört selbst zur Szene. Trotzdem musste er lange Überzeugungsarbeit leisten, damit die Sportler sich geduldig filmen lassen und die Geschichte ihres Sports erzählen.
Lob zeigt dazu Super-8-Aufnahmen aus den 70ern und Bilder von einigen Surfevents der Neuzeit, die die gewachsene Popularität zeigen. Aber es wurden auch nagelneue Aufnahmen am Eisbach gedreht, die die Sport aus nächster Nähe zeigen, wie es am Atlantik oder in Hawaii unmöglich ist. Nebenbei wird noch der Lebensweg von ein paar herausragenden Surfern skizziert, die ihr Leben um den Eisbach herum aufgebaut haben, dort einen neuen Lebensinhalt oder auch die Bestimmung ihre Lebens gefunden haben. Dazu kommen noch Ausflüge in die weite Welt, an die französische Atlantikküste, nach Tahiti. Und Lob folgt einem Pionier des Flußsurfen, Eli Mack nach Kananda zu einer besonders beieindruckenden und gefährlichen Welle. Denn Flußsurfen kann man nicht nur in München. Ständig werden neue Stellen in aller Welt entdeckt, an denen man diese Version des Wellenreitens praktizieren kann.
Man merkt schon, Lob hat sich mit seiner Doku viel vorgenommen. Etwas zuviel. Sport-Action, mehrere Porträts, ein Ausflug in die Geschichte und ein philosophischer Blick auf das Surfen als Schule des Lebens. In der Flut der Bilder fehlt aber manchmal ein bißchen Struktur. Und einige Schnitt-Mätzchen, die demn ganzen wohl ein bißchen MTV-Optik verliehen sollen, hätte man sich verkneifen können. Trotzdem ist Lob eine durchweg interessante, manchmal komische, lehrreiche spannende Doku gelungen.
WEITERE INFOS ZUM FILM:
KEEP SURFING zeigt mehr als drei Jahrzehnte Surf-Subkultur in München
auf der Eisbachwelle, an der Floßlände in Taufkirchen und auf der
freien Isar – die bisher noch nie genau unter die Lupe genommen wurden.
Das lag nicht zuletzt an den Surfern selbst: Die wollten ihre Ruhe und
stellten oft genug das Surfen ein, wenn Filmteams an die Eisbachwelle
kamen. Björn Richie Lob hat deshalb Spektakuläres vollbracht. Der
Regisseur, der selber an der Eisbachwelle surft, konnte die Szene
überzeugen, bei seinem Film mitzumachen – nicht nur bei den
atemberaubenden Surfaufnahmen, die man gerade vom Flusssurfen so noch
nicht gesehen hat. Lob hat jahrelang mit den Protagonisten geredet, bis
sie ihm Einblicke in ihr Leben gaben. Die Welle macht sie alle gleich,
wenn sie in Wetsuits auf den Brettern stehen, ob sie jung sind oder alt,
es wird vor allem gesurft – und über das Surfen geredet. Aber Lob
wollte diese Menschen auch ohne Surfanzug kennenlernen: Die Revoluzzer
auf dem Board stehen mitten im Leben, sind Ärzte, Informatiker oder
Filmemacher. Und sie haben es sich nicht nehmen lassen, ihren Traum zu
leben.
DIETER DEVENTER – Familienvater, Kameramann und
leidenschaftlicher Flusssurfer
Dieter Deventer ist Münchner
Flusssurfer der ersten Stunde. Nach seinem abgeschlossenen BWL-Studium
drehte er drei Skifilme, bevor er sich an der Hochschule für Fernsehen
und Film bewarb. Nach dem Studium hatte er zwar 70.000 Mark Schulden,
aber einen Job ausgewählt, mit dem er Surfen und Arbeiten unter einen
Hut bringen konnte – und wurde angesehener Kameramann. „Dieter Deventer
ist selber sehr verschlossen. Der erzählt nichts. Der sitzt da ganz
ruhig und spricht niemanden an“, verrät Lob. Irgendwann kam er mit
Deventer, der ihm sogar Kameratipps gab, ins Gespräch. Dennoch hat es
drei weitere Jahre gedauert, bis sich Deventer von Lob filmen ließ. „Und
dann stellte sich plötzlich raus, dass er schon vor über 30 Jahren die
Anfänge am Eisbach gefilmt hat, die wir dann auch in den Film integriert
haben. Das hat er allerdings erst bei einem Nachdreh so nebenher
erzählt, und ich saß da und dachte: Das kann nicht wahr sein, das
verschweigt der mir bis ganz zum Schluss.“ Einige der schönsten
Filmsequenzen zeigen nun 16mm-Material von den Anfängen des
Flusssurfens. Aber auch viele der emotionalen Momente gehören Deventer.
Er erzählt, wie er seine Tochter Toni einmal fast an die Welle verlor.
„Er hat immer gesagt, er gehöre hinter und nicht vor die Kamera. Auch
wenn ich es am Anfang nicht geahnt habe, hat es sich gelohnt, die Zeit
zu investieren und zu warten, bis er doch wollte, denn Dieter Deventer
ist wirklich eines der Herzstücke des Films“, resümiert Lob.
WALTER
STRASSER – Der „Hausmeister“ der Eisbachwelle
Auch mit dem spät
berufenen Surfer Walter Strasser hat Lob einen nicht minder wichtigen
Mann für die Entstehung der Surfkultur in München vor die Kamera geholt.
Strasser hat die Planken in die Eisbachwelle eingebaut, die das Wasser
überhaupt erst zu einer stabilen Welle stauen. Früher war er
Tankschutzmonteur und reinigte Chemietanks, war Mitglied einer
Motorradrockerbande. Als ihm klar wurde, dass er mit seiner Arbeit seine
Gesundheit ruinierte, hörte Strasser auf – und entdeckte die Floßlände,
eine wasserstandsabhängige kleine und leichtere Isarwelle, wo er zu
surfen anfing. „Zwei Jahre lang haben alle gedacht, der lernt es nie,
und eines Morgens konnte er es einfach“, erzählt Lob. Strasser hatte
noch ein wenig Erspartes von seinem Job als Tankschutzmonteur übrig und
bekam Arbeitslosengeld. Um über die Runden zu kommen, fing er an,
professionell Didgeridoos, Blasinstrumente der australischen Aborigines,
zu bauen. Mittlerweile gehört er zu den renommiertesten
Instrumentenbauern weltweit und lebt auf Sardinien. Früher galt er als
„Hausmeister der Welle“, der neue Surfer stets mit wildem Auftreten vom
Surfplatz vertrieb. Aber er hat immer an der Verwirklichung seines
Traums gearbeitet und die Leute wenig davon wissen lassen. Lob spricht
von ihm als „Surfphilosophen“, dem er mit der Kamera auch nach Sardinien
folgte.
QUIRIN ROHLEDER – Vom Eisbach an die besten
Surfspots der Welt
Für einen anderen Surfer ist Lob sogar noch
weiter geflogen: Quirin Rohleder. Mit 13 Jahren begann Rohleder mit dem
Bodyboard, einem kürzeren Brett, das hauptsächlich im Liegen gesurft
wird, am Fluss und wurde schnell der 9 beste Surfer am Eisbach. Er ist
studierter Übersetzer und Dolmetscher. Aber eine andere Tatsache nötigte
der Szene mehr Respekt ab: Rohleder schlug den vielfachen
amerikanischen Champion und Surflegende Kelly Slater bei einem Contest.
Und er hat es geschafft, vom Surfen zu leben: Er brach kurzerhand die
Zelte in München ab und fuhr nach Hossegor in Frankreich – wo er sechs
Monate im Materiallager arbeitete, bevor er ins Marketing des
Surfausstatters Billabong aufstieg. Dank seiner Sprachkenntnisse fand er
Arbeit als Moderator – er kommentiert die ASP (Association of Surfing
Professionals) Tour live im Internet und arbeitet für Surfmagazine. „Ich
hatte ihn schon vor zehn Jahren zum ersten Mal gefilmt. Er war und ist
eine Legende am Eisbach“, bekräftigt Lob.
FLORIAN KUMMER und
GERRY SCHLEGEL – Ein Mediziner und ein Informatiker und vor allem
passionierte Surfer
Dass der Regisseur nach immer weiteren
Protagonisten für seine intensiven Porträts suchte, zeigt, wie weit sich
KEEP SURFING nach diesen ersten Surfervideos entwickelt hat. „Florian
Kummer und Gerry Schlegel sind eigentlich nachgerückt“, gesteht Lob.
„Gerry war einer der jüngsten und radikalsten Surfer am Eisbach – immer
schon. Er steckte damals in seinem Informatikstudium, und als ich mit
dem Film fertig wurde, machte er sein Diplom. Florian Kummer ist
Orthopäde, er macht gerade seinen Facharzt.“ Kummer hat als Skispringer
angefangen, daraus resultiert auch das Faible von „Mr. No Fear“ für die
hohen Sprünge, die im Film zu sehen sind. Beide Surfer haben es
geschafft, ihr Arbeitsleben um ihre Leidenschaft herum aufzubauen.
Eine
Passion, die nicht ungefährlich ist. In dramatischen Szenen zu Beginn
des Films, die beim Surfen in Hochwassergebieten in Frankreich
aufgenommen wurden, wird Kummer von Strudeln unter Wasser gezogen. Zur
Nachahmung sind ihre waghalsigen Aktionen für die Kamera nicht
empfohlen.
ELI MACK – Von den Straßen San Diegos auf das
Surfbrett und die Eisbachwelle
Für ihre Lebensträume gehen die
Sportler und der Filmemacher hohe Risiken ein. Das gilt auch für Eli
Mack, den sechsten Protagonisten des Films. Der Mann, der über 120
Flusswellen weltweit gefunden hat und sie surfte, ist im Ghetto von San
Diego mit drogenabhängigen Eltern aufgewachsen. Er zog mit 16 von zu
Hause aus und lebte bei einer Gang. Kriminalität, Drogenabhängigkeit,
Alkohol, Raubüberfälle gehörten zu seinem Alltag. Als er Ärger mit einem
Drogenboss bekam, musste er aus San Diego flüchten und ging nach San
Francisco.
Der Regisseur ist auf Eli Mack über das Internet
aufmerksam geworden. „Ich bin über einen Artikel aus der amerikanischen
GQ gestolpert, in dem auch etwas über seine Vergangenheit stand“,
erzählt Lob. Macks Stiefvater hatte demnach immer versucht, einen
besseren Menschen aus ihm zu machen, scheiterte aber. Erst als Eli Mack
in Skookumchuck, einer monströsen Flusswelle in Kanada, die auch im Film
zu sehen ist, beinahe ertrinkt und sein Stiefvater in dem Moment einen
Herzinfarkt erleidet, als die Welle ihn wieder ausspuckt, beschließt
Mack, sein Leben zu ändern. Er macht eine Ausbildung und eröffnet in
einem afroamerikanischen Viertel einen Barbershop. Björn Richie Lob hat
ihn überredet, nach München zu kommen, um dort das Riversurfing
kennenzulernen.
Lob sind großartige Aufnahmen mit
High-Speed-Kameras von den Surfern gelungen, genauso viel Zeit wie dafür
aber verbrachte er damit, sich ihre Lebensgeschichten anzuhören. Dabei
war er immer wieder Regisseur, Kameramann, Produzent zugleich, getrieben
von der Mission, anderen leidenschaftlichen Menschen zu folgen. Mehr
als fünf Jahre lang filmte er mit sehr wenig Geld und schaffte es,
weitere junge Filmemacher für die kostenlose Mitarbeit zu begeistern.
SURFKULTUR
UND MÜNCHEN: ACHTUNG, WILD!
Wenn Surfer sich über ihre
Leidenschaft austauschen, dann muss sich der Außenstehende ziemlich
anstrengen, um bei den Fachsimpeleien mitzukommen. Da geht es um die
richtige Leash (Gummileine, die das Brett am Bein sichert), verschiedene
Tails (Hecks) oder schwierige Fragen: Besser Longboard (groß und breit)
oder Gun (schmal für große Wellen), und von welchem Shaper (Hersteller)
eigentlich? Wer in der Szene etwas auf sich hält, versucht,
gischtspritzende Cutbacks, Aerials und andere Tricks möglichst fett auf
die Welle zu bringen. Es ist wie bei jeder Subkultur: Die eigene Welt
wird in großen Worten abgesteckt. Dabei ist eines ganz leicht zu
verstehen, wenn man den verträumten Blick der Sportler auf den
Wellengang sieht: Surfen verspricht Freiheit, anarchistische Momente,
Einklang mit sich selbst.
Das Gleiten auf dem Wasser hatte schon
eine magische Ausstrahlung, lange bevor es sich als Sport und
Ersatzreligion mit heute schätzungsweise 60 Millionen aktiven Surfern
über den ganzen Globus verbreitete. Seine Ursprünge liegen in
Polynesien. Hawaiianer und Tahitianer streiten sich noch heute, wo genau
in der Südsee alles begann. Vor nahezu 4.000 Jahren jedenfalls sollen
sich die ersten Menschen auf Holzbrettern in die Fluten gestürzt haben.
Der älteste europäische Augenzeugenbericht dazu findet sich in den
begeisterten Aufzeichnungen des britischen Seefahrers James Cook, der
Eingeborenen 1788 beim Wellenreiten zusah. Und Jack London umriss das
Majestätische des Surfens, als er 1908 seinen Bericht aus Waikiki mit „A
Royal Sport“ betitelte. Dazwischen lag ein Jahrhundert der
Unterdrückung. Uns erscheint heute die Verbindung von Sport und großem
Respekt vor der Natur modern. Doch konnten christliche Missionare damals
nichts damit anfangen: Sie verboten das Wellenreiten im 19. Jahrhundert
– zu obszön erschien ihnen das wilde Treiben.
Aber lange war
die Popularität nicht aufzuhalten. Der Vater des modernen Surfens, Duke
Kahanamoku, war ein konsequenter Querdenker und -schwimmer. Er gewann
mehrfach Olympia-Gold für die USA, weil er die Konkurrenz mit dem
neuartigen Kraulen abhängte. Entwickelt hatte er seine Schwimmtechnik
beim Paddeln auf seinem Surfbrett, so wurde mit dem Schwimmen auch das
Surfen schnell bekannt. Die schönste Anekdote aus dieser Zeit: Der
britische Thronfolger Edward nahm drei Tage Unterricht bei dem
Wellenreiter. In einem besorgten britischen Telegramm zeigt sich, dass
der Prince of Wales das Staatstragende dabei schnell verlor: „Der Prinz
hatte so einen wilden Ausdruck im Gesicht“, hieß es in den Nachrichten
zwischen Diplomaten. Edward brachte danach den ersten Surf-Club nach
Europa, auf die Insel Jersey. Kein Wunder, dass der Pionier Duke
Kahanamoku ob seiner Überzeugungsfähigkeit heute noch „The Big Kahuna“
genannt wird. Und der Surf-Sound von Beach Boys & Co. festigte
schließlich den Mythos, der sich weltweit verbreitete.
Surfer
sind Freiheitssucher in weltweiter Mission. Das gilt natürlich auch für
den besten Surfer überhaupt, den neunmaligen Weltmeister Kelly Slater,
und den besten deutschen Profi, Marlon Lipke. Beide sind Fans der
Eisbachwelle am Englischen Garten mitten in München. Im September 2009
surfte Lipke zuletzt auf ihr. Auch Slater wollte das bei einem
Münchenbesuch tun, durfte aber nicht. Die Locals, die Münchner
Eisbachsurfer, hatten ihm kurzerhand die Welle abgedreht. Denn auch das
gehört zu diesen Individualisten – dass man sich den eigenen Freiraum
nicht abspenstig machen lässt von Außenstehenden und sie lieber
abschreckt. Zu viel Popularität brächte den anarchistischen
Lebensentwurf schnell ins Wanken. Dann würden sich noch mehr Surfer
gegenseitig auf die Füße treten.
Um das zu verhindern, ist es
allerdings schon zu spät: München gilt als (Fluss-)Surfmekka, als
internationaler Geheimtipp – überraschend für eine Stadt, die mehr als
300 Kilometer vom nächsten Meer entfernt liegt. Auf YouTube kann man
sogar den Surfbarden Jack Johnson dort wellenreiten sehen. Ein bisschen
wunderlich wirkt die Anziehungskraft, denn bei Exzentrikern und
Freigeistern hat München heute eigentlich nicht den besten Ruf. Aber ein
ganz kurzer Blick auf die Stadtgeschichte zeigt, wie viele
Geistesanarchisten die Stadt schon hervorbrachte oder beherbergte.
München
ist bekanntlich die Weltstadt mit Herz, und dieses kann auch wild
schlagen. Beispiele: Die Lebenskünstler in „Wahnmoching“ Schwabing, in
deren Zirkeln die streitbare Gräfin Fanny zu Reventlov freie Liebe schon
um 1900 propagierte. Karl Wilhelm Diefenbach, Maler, Gesundheitsapostel
und vor 100 Jahren ein Vorreiter der „Nackerten“ im Englischen Garten.
Der Filmemacher Werner Herzog, der gigantomanische Filmideen beim
Wandern in und um München entwickelte. Oder der Blues-Sänger und
Isar-Indianer Willy Michl, der noch heute bei seinen Konzerten ständig
indianischen Federschmuck trägt. In München gab und gibt es oft genug
eine exzentrische Mischung aus Freiheitsdrang und Naturverbundenheit.
Die ist kaum woanders so gut vorstellbar, schließlich gehört der
Englische Garten zu den weltweit größten Stadtparks.
Oft genug
bleiben die Spaziergänger dann eben auch bei der Eisbachwelle stehen.
Ist das nun ein Biotop für ein paar Spinner oder das eigentliche, das
geheime Herz der Weltstadt? Man schaut auf jeden Fall bewundernd auf die
unabhängigen Exoten am Eisbach. Aber in Wurfweite der besten Welle der
befindet sich genauso eine der massivsten Türen der Stadt: die der
Nobeldiskothek P1. Zwei Gesichter Münchens liegen ganz nahe beieinander.
Räumlich sind die Surfer und Edelgäste zwar Nachbarn, aber es trennen
sie ganze Welten.
KEEP SURFING zeigt eine Seite der Stadt, die
ihr viele nicht zutrauen wollen. Ein bisschen ruppiger, alternativer,
freier und exzentrischer als allgemein erwartet. Es wird zwar häufiger
über die teuersten Mieten und dicksten Karren in Deutschland geredet,
dem Schickimicki in München kann man aber auch einfach ausweichen und
alternative Lebensentwürfe verwirklichen.
Dass der Eisbach dem
hitzigen Glamour ein wenig Abkühlung verschafft, haben sogar Politiker
verstanden. Deshalb wollen sie das, was einst als anarchistische Aktion
von Andersdenkenden begann, die einfach den öffentlichen Raum für sich
beanspruchten, nun unbedingt mit städtischer und staatlicher Hilfe
erhalten. Es ist schon verrückt, wie die Politiker sich da ins Zeug
legten, als 2007 – nach mehreren Todesfällen im Eisbach – auch die
Surfer ins Fadenkreuz der Kritik gerieten, obwohl an der Welle keine
Opfer zu beklagen gewesen waren. CSU-Mann Georg Fahrenschon zog sich ein
„Retter der Eisbachwelle“-T-Shirt an, um seine Solidarität mit den
Surfern zum Ausdruck zu bringen. Auch Guido Westerwelle hat 2008 für sie
unterschrieben. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) findet
sie sowieso gut. Die Welle mag zwar leicht für politisches Kapital
auszuschlachten sein, aber sie ist auch ein echtes Symbol für
Lebensträume: Gerade heute braucht es die unabhängigen Querdenker mehr
denn je – gut, wenn sie lässig auf ihrer perfekten Welle stehen.
Wenn
es heißt: Save the Wave, dann geht es um mehr als gestautes Wasser und
Surfer, die sich dafür anstellen, um einmal kurz auf der Eisbachwelle zu
reiten. Save the Wave, das ist ebenso eine Lebenshaltung, ein
Versprechen, dass man auch unabhängig von Geld, nur für die Leidenschaft
lebt. Auf einer Welle zu stehen, die nie bricht – das ist ein
deutliches Symbol –, das gibt es nur in München.

