Boxhagener Platz Film Trailer
FSK Film: 6 | Länge: 102 Min | Kinostart: 04.03.2010 | Release: 10.09.2010 (DVD)
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Schauspieler:Gudrun Ritter, Wegner Michael Gwisdek, Samuel Schneider, Jürgen Vogel, Meret Becker, Milan Peschel, Horst Krause, Matthias Matschke, Ingeborg Westphal, Hans Uwe Bauer, Claudia Geisler, Hermann Beyer, Klaus Manchen, Dieter Montag, Volkmar Kleinert, Winnie Böwe, Sebastian Hülk, Thomas Bading
Die Story:Oma Otti ist eine Großmutter wie der zwölfjährige Holger sie sich nur wünschen kann: Pfiffig, meinungsstark und nicht auf den Mund gefallen. Dafür liebt ihr Enkel sie. Ihr sechster Mann Rudi liegt gerade im Sterben, da stehen schon zwei neue Verehrer vor der Tür – Fisch-Winkler und Karl Wegner. Auch wenn Winkler Otti mit frischem Fisch zu bestechen versucht, so hat er als bekannter Altnazi keine Chance. Der gut aussehende und poetisch veranlagte Karl Wegner dafür umso mehr. Ihn umweht als ehemaliger Spartakuskämpfer ein Hauch von Geschichte und auch seine eingeschmuggelten Westwaren begeistern Otti und nicht zuletzt Holger. Dieser schließt bei Ottis und Karls regelmäßigen Treffen auf dem Friedhof Freundschaft mit Wegner und erfährt so manch pikantes politische Detail. Holger wird Karls Vertrauter und bemerkt, dass sein Ansehen bei seinen Klassenkameraden steigt, seit ihn etwas Geheimnisvolles umgibt. In der Ostberliner Eckkneipe Feuermelder trifft sich der ganze Block; sie ist das Zentrum, um das sich alles dreht. Obwohl Rudi im Sterben liegt, steht er eines Abends auf, um mal wieder zu seinen Kumpels in die Kneipe zu ziehen. Nachts kommt er betrunken nach Hause und am nächsten Morgen ist Fisch-Winkler tot, erschlagen in seinem Fischladen. Oma Otti sorgt sich, ob Rudis Eifersucht der Auslöser für einen Mord sein könnte, doch Karl kann sie beruhigen. Durch den Mord schlägt die große Stunde des Abschnittsbevollmächtigten Klaus-Dieter, Holgers Vater. Er nimmt sich des Falles an und versucht so dienlich wie möglich für die Kommissare zu sein. Für diese ist er jedoch bloß eine kleine Nummer und einer von ihnen interessiert sich vor allem für seine Ehefrau: Holgers Mutter Renate. Sie fühlt sich gefangen in der Ehe mit einem Duckmäuser und träumt vom Westen und ihrer kleinen privaten Revolution. Die Beziehung ist am Endpunkt angelangt und Renate wünscht sich nur, dass ihr der Mann auch einmal so leicht wegsterben würde wie das immer bei ihrer Mutter der Fall ist. Oma Otti nimmt sich indessen ein Herz und beichtet Rudi ihre Liebe zu Karl. Dieser verschläft das Geständnis und am nächsten Morgen ist er bereits tot. Um noch schnell seine Rente für den neuen Monat abzuholen, meldet Otti den Tod etwas verspätet und reicht dem Arzt erst einmal ein paar Gläser Schnaps, damit er den Todesschein zur gewünschten Uhrzeit ausstellt. Zur Beerdigung kommt die ganze Familie zusammen, auch Ottis heiß geliebter hormonsexueller Sohn Bodo. Der Trauerschmaus findet natürlich im Feuer melder statt und Karl und Otti lassen keine Zeit verstreichen: Sie sind ab sofort ein Paar. Gegessen wird jetzt jeden Mittag gemeinsam mit Holger in der guten Stube. Hier taucht Holger noch mehr in die politischen Spannungen ein. Karl erzählt ihm von einer revolutionären Kommune, zeigt ihm ein Flugblatt Russen raus aus Prag und die Westzeitschrift Stern. Indessen soll der Mord an Fisch-Winkler aufgeklärt werden und der gewalttätige Vater von Holgers Freund wird festgenommen. Dieser ist überglücklich den Schläger loszuwerden und wünscht sich, dass sein Vater der Mörder sei, obwohl er es besser weiß. Gleichzeitig wird der Wirt vom Feuermelder aufgefordert, seine Gäste zu bespitzeln, um bei der Aufklärung mitzuhelfen. In der Schule fällt Holger mehrmals durch nicht staats-konforme Aussagen auf. Die Lehrerin beobachtet und verhört ihn, um herauszufinden, von wem er solche Ansichten hat. Gefangen von der Angst, dass er etwas über Karl verraten hat, wird Holger krank. Dazu tragen auch die Streitereien seiner Eltern bei. An Heiligabend kommt wieder die ganze Familie zusammen – unterm West-Tannenbaum, der leider schon am ersten Tag alle Nadeln verloren hat. Zum ersten Mal bringt Bodo seinen Freund mit, einen Briefträger aus Charlottenburg. Otti kocht wie immer hervorragend und mit ausreichend Alkohol sind dann alle vereint: der staats-konforme Polizist und seine revoltierende Ehefrau, das Ost-West- Schwulenpärchen, der Ex-Spartakist und der angeschlagene Holger. Die Idylle wird gestört als Karl abgeholt und ins Gefängnis gebracht wird. Holgers Vater versucht noch Karl zu verteidigen, doch er wird niedergeschlagen, was ihn im selben Moment für seine Frau zum Helden macht – und die Ehe zu beleben scheint. Wenige Tage später erhalten Otti und Holger eine Nachricht von Karl aus dem Gefängnis. In dem Brief schildert er den wahren Verlauf in der Mordnacht.
Hintergrund:Der preisgekrönte und am Boxhagener Platz aufgewachsene Berliner Regisseur Matti Geschonneck inszenierte den Film nach dem gleichnamigen Romandebüt von Torsten Schulz, der auch das Drehbuch verfasste. Trockener Humor, Melancholie und Berliner Charme - mit diesen Zutaten wirft Boxhagener Platz einen Blick zurück auf die 60er Jahre. Und auf eine Liebesgeschichte zwischen einer friedhofs- und kochbegeisterten älteren Dame und einem eleganten Ex-Spartakisten. Der Film ist eine Liebeserklärung an die Stadt Berlin, an den kleinen Kosmos Boxhagener Platz und seine liebenswerten Bewohner und gleichzeitig eine Hommage an phantastische Schauspielgrößen aus Ost und West. Boxhagener Platz - ein Berliner Heimatfilm im besten Sinne.
Technikinfos:Bildformat: 35mm/1,85; Ton: Dolby SRD
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Produzentin Nicole Swidler zur Entstehungsgeschichte
Am Anfang stand die Liebe zu einem Platz und seinen Bewohnern, dem Boxhagener Platz im Osten Berlins, in der ehemaligen DDR. Nachdem ich den gleichnamigen Roman von Torsten Schulz gelesen hatte, war es, als hätte ich allen Bewohnern dort in ihr Wohnzimmer und den Kochtopf geguckt. Ich konnte mir diesen Kosmos bis ins kleinste Detail vorstellen. Liebte den lakonischen Humor, den besonderen Berliner Charme, die große Menschlichkeit, die durch alle Figuren und die Geschichte durchschimmerte. Die Temperatur des Buches, irgendwo zwischen trotziger Melancholie und warmherziger Schnoddrigkeit.
Für mich war immer klar, das ist keine eigentliche Geschichte über die DDR. Sondern über die Lebens- und Überlebensmechanismen ganz normaler Leute. Die versuchen ihre Träume, ihre menschlichen Überzeugungen in einer Welt aufrechtzuerhalten, die ihnen zunehmend unmenschlich erscheint. Die Art, wie sie das machen, imponierte mir. Und ich sah in dieser tapferen Stehaufmännchen-Mentalität etwas, das uns in Ost wie West im Herzen tief verbindet. Alles verpackt in die wunderbar raubeinig erzählte Liebesgeschichte zwischen zwei Alten, der Friedhofsfanatikerin Oma Otti und dem Ex-Spartakisten Karl Wegner.
Überdies ist der Roman eine so herrliche wie zeitlose Hommage an Berlin und die Berliner. Der Film im Kopf war gezündet. Und ich wusste: Niemand anderer als der Autor Torsten Schulz wäre der Richtige, um die spezielle Stimmung auch in ein Drehbuch zu transponieren. Gebhard Henke und Barbara Buhl vom WDR hatten sich – glücklicherweise – ebenfalls sofort in den Roman verliebt und ihr Interesse bezeugt. Eine positive Unterstützung, die man in so einem frühen Stadium gar nicht hoch genug bewerten kann und der sich schließlich bald noch der RBB und Arte anschlossen.
Doch richtig Bewegung kam erst in das Projekt, als sich Matti Geschonneck für den Film interessierte. Es hätte keinen besseren Regisseur für diesen Film geben können: Matti Geschonneck ist selbst Anfang der 60er Jahre am Boxhagener Platz aufgewachsen. Er ist einer der besten Schauspieler - regisseure Deutschlands, ideal für diesen Ensemblefilm. Matti hatte sofort ein sehr starkes, klares Gefühl dafür, welche Stimmung er erzählen wollte.
Der größte Glücksfall war für mich als freie Produzentin schließlich die Zusammenarbeit mit Claussen+Wöbke+Putz Film, auf die ich, nach einem Produzentenwechsel weg von einer Bavaria-Tochter, mit der ersten Drehbuchfassung zuging. CWP hatten bereits mit Matti Geschonneck gearbeitet und man schätzte sich gegenseitig sehr. Jakob Claussens Visionen zum Stoff erweiterten den Film zutiefst. Ich kenne wenige Partner, die Kino - filme machen und ihre Künstler so lieben. Und noch dazu so sympathische Menschen und Arbeitspartner sind. Kreativ sowie menschlich schließlich die perfekte Heimat für den Film. Wir brauchten neun Drehbuchfassungen, bis wir ganz sicher waren – das genau ist der Film.
Denn das Tückische war, dass der Roman mit einer Erzählerstimme arbeitete und im Wesent - lichen aus der Perspektive des 12-jährigen Holgers erzählte, was wir beides für den Film nicht wollten. Insgesamt war die Entstehungsgeschichte also eher ein Marathon. Doch die Liebe zu dem kleinen Kosmos namens Boxhagener Platz und seinen Figuren hat uns alle bis zum letzten Tag befeuert. Wunderbar, was so ein kleiner Platz im ehemaligen Osten bewirken kann...
Produzent Jakob Claussen zum Casting
Wir wollten zusammen mit Matti eine möglichst authentische, überraschende Besetzung finden. Wir suchten kraftvolle Typen, keine glatten Gesichter, denn unser Film ist auch eine Hommage an phantastische Ost-Schauspielgrößen, die man auf der großen Leinwand lange nicht mehr gesehen hatte, aber gerne wieder sehen wollte. Wir konnten uns glücklich schätzen, dass sich Simone Bär, die für diese Aufgabe die prädestinierteste Casterin war, für unseren Film begeisterte.
Für Matti stand für die Besetzung der Oma Otti sofort und ohne Alternative Gudrun Ritter fest. Sie und Michael Gwisdek, waren von Anfang an unsere Wunschbesetzung für das Liebespaar. Dass wir den 12-jährigen Holger mit Samuel Schneider schnell besetzen konnten, war ein echter Glücksfall für uns, den wir dem Kindercaster Achim Gebauer zu verdanken haben.
Kombiniert mit den Westlern Jürgen Vogel und Meret Becker als Holgers Mutter und Vater hatten wir bald ein sehr schönes Ensemble zusammen, das wir mit unter anderen Ingeborg Westphal, Hermann Beyer, Horst Krause, Volkmar Kleinert, Matthias Matschke und Milan Peschel bis in die kleinsten Nebenrollen spannend ergänzen konnten.
Produzenten Jakob Claussen und Nicole Swidler zum Dreh
Die Herstellung des Boxhagener Platz war finanziell wie logistisch eine echte Herausforderung. Für eine komplett historische Geschichte, die sich 1968 im Osten abspielt und in einer wesentlichen Rolle mit einem jungen Darsteller mit daraus resultierendem Abläufen besetzt ist, war unser Budget alles andere als großzügig bemessen. Gleichzeitig wollten wir so authentisch und glaubwürdig wie möglich die damalige Zeit abbilden, wofür ganz besonders unser Szenenbildner Lothar Holler in Kombination mit Martin Langer, unserem Kameramann, verantwortlich zeichnete.
Der Original Boxhagener Platz kam als Drehort nicht mehr in Frage, da er heute komplett saniert ist. So haben wir uns im Drehkonzept schlussendlich weg vom Platz und hin zu einem überschaubaren Kiez, in dem jeder jeden kennt, bewegt. Das bedeutete für die Dreharbeiten ein logistisches „Patchwork“-Konzept, das wir u.a. in Berlin, Halle, Dessau und im Studio Babelsberg realisiert haben.
Eure Meinung zu "Boxhagener Platz"

♥: Gelungene Milieubeschreibung, tolles Ensemble, amüsant aber nie albern
−: Ruhiger als Sonnenallee oder Goodbye Lenin
DIE STORY
Der Boxhagener Platz im Osten von Berlin ist der Kiez des 12-jährigen Holger.
Hier lebt er hauptsächlich bei seiner hemdsärmeligen "Oma Otti", denn zwischen seinen Eltern kriselt es immer mehr. Seine Vater ist ein linientreuer, idealistischer Volkspolizist, seine Mutter ist vom rebellischen Geist im Westen der Stadt fasziniert, und möchte am liebsten rübermachen.
Währenddessen wird Holger von seiner Großmutter mit allerfeinster Hausmannskost und Lebensweisheit versorgt. Beides gibts bei Otti im Überfluss.
Die Rentnerin hat schon fünf Ehemänner überlebt - und dem sechsten gehts auch nicht mehr sehr gut. Die Senioren im Kiez bringen sich bereits in Stellung, um die Nachfolge anzutreten. Da ist der Fischhändler Winkler (Horst Krause) - und der belesene Witwer Wegener (Michael Gwisdek).
So könnte sich die Geschichte wiederholen. Aber dann wird einer der Verehrer ermordet - dem Boxhagener Platz stehen turbulente Zeiten bevor.
DIE STARS
Viele bekannte Namen sind versammelt: Helmut Gwisdek, Horst Krause, Jürgen Vogel, Meret Becker. Aber die zumindest bundesweit unbekannte Gudrun Ritter spielt sie als "Oma Otti" alle an die Wand.
Regisseur Matti Geschonnek hat bisher vor allem TV-Filme gedreht. Aber das immerhin schon mit so ziemlich allen nahmhaften Darstellern und in den Topserien wie Polizeiruf 110 und Tatort. Aber den Sprung ins Kino meistert er mühelos. Natürlich war er diesmal besonders motiviert und qualifiziert, weil er selbst am Boxhagener Platz aufgewachsen ist.
DER KICK
"Boxhagener Platz" unterscheidet sich wohltuend von anderen Filmen über die DDR. Es ist keine launige Ostalgie-Klamotte wie "Sonnenallee", und die Mischung aus Humor und Drama ist unaufgeregter und viel homogener als in "Goodbye Lenin".
Das gesamte Ensemble wirkt einfach realer. Und auch wenn man einen guten Eindruck von den persönlich einengenden Verhältnissen im Arbeiter- und Bauernstaat bekommt, stehen die Menschen und ihre persönlichen Dramen im Mittelpunkt.
Regisseur Matti Geschonneck über Aufwachsen am BOXHAGENER PLATZ
Der
Boxhagener Platz kommt im Film gar nicht vor und vor den Dreharbeiten
haben wir darüber diskutiert: Wie zeigt man einen Platz? Den heutigen
Platz konnten wir nicht nehmen, der ist saniert und fest in der Hand der
Friedrichshain-Szene. Als ich da lebte, das war Anfang der 60er, da war
das wirklich ein Platz, wo noch Brauereipferdefuhrwerke den Kneipen die
Bierfässer lieferten, ebenso Eisblöcke zur Kühlung. Ich erinnere mich
an Scheren- und Messerschleifer. Es gab einen großen Markt und eben den
„Feuermelder“. Für mich als Kind hatte der damals keine Bedeutung. Um
die Ecke wurde ich eingeschult. Das Amor in der Wühlischstrasse und das
Aboli in der Boxhagener Strasse waren meine ersten Kinos, inzwischen
längst dicht gemacht.
BOXHAGENER PLATZ will nicht detailgenau
die Vergangenheit aufzeigen; der Original - kommentar von Karl-Eduard
von Schnitzler zum Republikgeburtstag und der Fanfarenzug bilden da eine
Ausnahme. Mir ging es von Anfang an um die seelische Befindlichkeit der
Figuren. Wie gelingt es, die Atmos phäre einer vergangenen Zeit zu
vermitteln? Doch nur über ihre Figuren. Da bemerke ich schon Melancholie
und Schmerz über eine vergangene Zeit, eine versunkene Welt, jedoch mit
dem eigenen Humor versehen, den man ja besonders Berlinern nachsagt.
Erinnerung birgt die Gefahr der sentimentalen Verklärung. Ich denke, mit
so genannter Ostalgie hat unser Film nichts zu tun.
Regisseur
Matti Geschonneck über Berlin
Die Geschichte ist für mich ein
Berliner Heimatfilm. Eine Liebeserklärung an die Stadt. Es ist nicht nur
ein Film, der in Berlin spielt, sondern ein Film über Berlin, den ich
schon lange machen wollte. Da tut es auch nichts, dass Sachsen und
Thüringer, wie u. a. der wunderbare Hermann Beyer, dabei waren.
Regisseur
Matti Geschonneck über die Figuren
Die Figur des Karl, der von
Michael Gwisdek gespielt wird, steht für mich für die ganze Tragödie der
DDR. Er zeigt die Zerrissenheit des einst gläubigen Kommunisten auf,
der an der Verlogenheit des Systems zerbricht, mit gekonnter
Verschmitztheit und aufrichtiger Menschenwärme. Die Figur der Renate,
Holgers Mutter, gespielt von Meret Becker, ist meine heimliche Liebe.
Sie besitzt dieses Berliner Flair durch ihren ganz eigenen Charme. Der
lässt auch dann nicht nach, wenn sie die Stullen zum Abendbrottisch
balanciert.
So passend im kongenialen Zusammenspiel mit Jürgen
Vogel, dem armseligen Polizisten und hilflosen Ehemann, der zum kleinen
Helden avanciert. Gudrun Ritter liefert eine schauspielerische
Meisterleistung ab! Oma Otti geht mit dem Leben und dem Tod äußerst
praktisch um, der Fried hof ist für sie ein Stück Heimat. Ihre
Herzlichkeit ist herb, sie hält den Laden zusammen. Otti hat einen solch
starken Überlebenswillen, der jeder Gesell schaftsordnung trotzt.
Samuel
Schneider hat gewiß die komplizierteste Rolle, dieser in sich gekehrte
Junge Holger, eben kein Held. Die permanente Spannung zwischen seinen
Eltern lässt ihn bei Oma Otti sein zu Hause finden und mit Karl seinen
väterlichen Freund. Das macht Samuel eindringlich und konsequent.
BOXHAGENER
PLATZ ist ein Ensemblefilm. Die fünf genannten Namen stehen für alle
anderen durchweg wunderbaren Schauspieler. Und ich will auf keinen Fall
meine engsten Mitarbeiter, den Kameramann Martin Langer und den Szenen -
bildner Lothar Holler, unerwähnt lassen. Natürlich auch meine
Produzenten Jakob Claussen, Nicole Swidler, Uli Putz, die mich von
Anfang an tatkräftig und sehr einfühlsam unter - stützten. Und für die
hervorragende Zusammenarbeit mit Torsten Schulz und seine großartige
literarische Vorlage bin ich immer noch sehr dankbar.
Autor
Torsten Schulz über Roman und Drehbuch
Die filmische Anmutung
des Romans ist genau genommen eine Täuschung denn sein
Hauptwirkungselement ist die ironisch-melancholische Betrachtung der
Vorgänge durch den inzwischen erwachsenen Erzähler, der sich mit seiner
Betrachtung dem zwölfjährigen Jungen nähert, der er einmal war. Voice
over für den Film zu verwenden, stand irgendwann nicht mehr zur Debatte.
Mit voice over kann man Handlung komprimieren, einen Erzählton
schaffen, die Innenwelt von Figuren beleuchten, aber man kann all dies
auch anders zuwege bringen: indirekter, per Untertext, durch
Konzentration aufs thematisch Wesentliche.
Das Drehbuch hat
bestimmt nicht die Reichhaltigkeit des Romans, es ist, wenn man‘s mit
einer litera - rischen Gattung vergleicht, eher novel listisch. Ich
liebe dieses Funktionelle, das gute Drehbücher an sich haben. Ich liebe
die gestische Rede von Figuren, die ein Fest für Darsteller sein kann.
Den knappen, pointierten Dialog, der einer Szene zugrunde liegt und ihr
gewissermaßen eine Architektur gibt.
Die Adaption des eigenen
Romans war für mich eine Reise in bekanntes Material, das noch mal fremd
werden musste. Eine Reise mit Umwegen. Mit Erschöpfungen, aber auch ein
paar unverhofften Lustmomenten.
Autor Torsten Schulz über
Oma Otti
Der Name einer Figur hat, ob man will oder nicht, immer
Bedeutung – für die Charakterisierung der Figur, für die Tonalität des
Stoffes, für das Genre... Oma Otti ist ein Name, der zu Berlin passt,
gewissermaßen auch ein Milieuname, aber nicht auf eine so gewöhnliche
Art wie beispielsweise Oma Erna. Oma Berta – so hatte ich Otti zuerst
genannt – wäre zu grob gewesen, Oma Lilly zu fein. Oma Otti hat durch
die beiden O’s einen schönen Klang. Der Name assoziiert Schwung,
Skurrilität, Herzlichkeit. Und so ist die Figur. Und auf die natürlich
naheliegende Frage, ob sich hinter Otti meine eigene Großmutter
verbirgt, antworte ich salomonisch und wahrheitsgemäß: Ja und nein. Oder
nein und ja...
Autor Torsten Schulz über Friedhofskultur
Der
Friedhof ist für die Alten das, was für die Jungen die Disko ist. Das
könnte ein Satz von Oma Otti sein, die von Karl gefragt wird, ob sie
seine Frau nicht mal mitgießen könne, weil er für drei Wochen nach
Bayern rüber müsse. Eine Art von Anmache, die sie ganz und gar nicht
unbeeindruckt lässt. Der Friedhof ist für Otti ein Stück Heimat, denn
fünf Ehemänner hat sie unter die Erde dieses Friedhofes gebracht, und
der sechste liegt schon im Sterben. Dementsprechend hat sie auf dem
Friedhof viel zu tun. Arbeit und Erholung in einem, wenn man so will.
Was will man mehr?
Autor Torsten Schulz über Rouladen
Meine
Kindheit definiert sich auch über Essen und die Bedeutung von
bestimmten Gerichten: Gräupchen, Nierchen, Lungenhaschee, Herz oder
Bregen (das Gehirn vom Schwein) waren mir ein Graus. Erbsen, Linsen,
Wirsingkohl waren häufiges Mittelfeld; Buletten, Schnitzel und Rouladen
Highlights. Die Roulade muss man dabei noch unterscheiden: Die
Fleischroulade gab’s höchstens sonntags, die Kohlroulade auch in der
Woche. Die Kohl - roulade war eine tückische Angelegenheit, denn sie
hatte einen Faden um sich herum. Verschluckte man den, drohte Darmver -
schling ung mit tödlicher Konse quenz. So wurde mir als Kind schon
bewusst, dass Essen auch sehr gefährlich sein kann.
Autor
Torsten Schulz über Berliner Dialekt
Ist auch eine gefährliche
Sache. Insofern er schnell ins Folkloristische abrutschen kann, während
er es verdient hat, Poesie zu sein. Berliner Dialekt ist gut, wenn er
Ausdruck von Haltung ist und in diesem Sinne etwas über die Figuren
erzählt, die ihn ausüben. Am besten ist Berliner Dialekt als Ausgeburt
von Lakonie und Galgenhumor. Und das ist genau das Gegenteil dieses
furchtbaren „Ickedettekiekemal”, das uns Touristenführer und sogenannte
Unterhaltungsliteratur als Berliner Dialekt verkaufen wollen.
