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Zeit Des Zorns Film Trailer

FSK Film: 12 | Länge: 88 Min | Kinostart: 08.04.2010 | Release: 29.10.2010 (DVD)
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TRAILER-TIPPS

 

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Schauspieler:Rafi Pitts, Mitra Hajjar, Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi, Manoochehr Rahimi, Ismail Amini Young, Nasser Madahi, Ali Mazinani

Die Story:Ali lebt mit seiner Frau und seiner sechsjährigen Tochter in der Metropole Teheran. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis arbeitet er in einer Fabrik, doch wegen seiner Gefängnisstrafe erlauben ihm seine Vorgesetzten nur, während der Nachtschicht zu arbeiten. Zeit mit seiner Familie kann Ali deswegen kaum noch verbringen. Dennoch versucht er, ein normales Leben zu führen. Von Zeit zu Zeit zieht er sich in die Wälder zurück, wo Stille herrscht und Einsamkeit. Hier, im Niemandsland wilder Natur, geht Ali auf die Jagd. Im Dickicht der Bäume sucht er nach einem möglichen Ziel. Doch die trügerische Ruhe seiner geregelten Lebensbahnen wird herausgefordert, als die Stadt in Aufruhr gerät. Menschenmassen ziehen durch die Straßen und die Tumulte erfassen bald auch Ali und seine Familie. Eines Tages kehrt Ali in eine verwaiste Wohnung zurück – seine Frau und seine Tochter sind spurlos verschwunden. Nach stundenlangem Warten auf der Polizeistation erfährt er schließlich, dass seine Frau bei einer Demonstration erschossen wurde, doch von seiner Tochter fehlt jede Spur. Hilfe kann er von der Polizei nicht erwarten – im Gegenteil, sie verdächtigt ihn, mit den Demonstranten zu sympathisieren. Zwei Tage später wird auch sein Kind tot aufgefunden. Von maßlosem Zorn ergriffen, nimmt Ali sein Gewehr und bezieht Stellung auf einem Aussichtspunkt über den zirkulierenden Highways Teherans. Als ein Polizeiwagen in sein Blickfeld gerät, glaubt Ali sein Ziel gefunden zu haben. Zeit des Zorns ist die Anatomie einer Rache. Mit Bildern, die nach Himmel und Hölle greifen, gelingt Rafi Pitts ein zeitloses, hochsymbolisches und lyrisches Kunstwerk über Stillstand und Bewegung in einem getriebenen Land. Der schon mehrfach preisgekrönte Regisseur lässt aus Entrückung und Schweigen eine fesselnde Leuchtkraft entstehen, er schuf das aufrechte Porträt einer unbefriedeten und unbefriedigten Gesellschaft.

Hintergrund:Das Private ist unbedingt politisch in Rafi Pitts jüngstem Film, der nach Zemestan – It‘s Winter und Sanam ein weiteres Mal den politischen Narben und Wunden seiner Figuren nachspürt, den Überlebenden, wie Rafi Pitts sagt. Doch so sehr sich Zeit des Zorns auch auf die früheren Filme Pitts‘ bezieht, ist er doch auch etwas ganz Anderes. Denn nichts weniger als eine Anatomie des Widerstands und der Repression gelingt Rafi Pitts in dem elegisch-melancholischen und doch auch beinah hungrigen und fordernden Zeit des Zorns. Zeit des Zorns fragt nach politischer Handlungsfähigkeit unter den Bedingungen, denen eine global vernetzte, moderne und reaktionäre Gesellschaft unterliegt. Die Jagd des Jägers, den Rafi Pitts in seinem Film selbst verkörpert, ist auf etwas gerichtet, dessen Existenz sowohl im Westen als auch im Nahen Osten immer fragwürdiger wird: die Politik. Hier wie dort ist die Systemfrage unzulässig, scheint die einzige Möglichkeit einer politischen Handlung, den Kreislauf der unaufhörlich zirkulierenden Waren, Informationen, Meinungen zu unterbrechen. In Zeit des Zorns hat die Natur aufgehört, Gegenwelt zu sein, ein Rückzugsgebiet, das man der technisierten Urbanität gegenüberstellen könnte. Die großstädtische Einsamkeit erstreckt sich bis unter die Baumwipfel und an das Lagerfeuer, an dem Ali sitzt. Für Ali gibt es kein Außen mehr, das Rückzug und Distanz, das eine Gegenbewegung denkbar werden ließe. Umso zwingender durchdringt die herrschende Ordnung Alis gesamtes Leben, seine Familie. Und umso problematischer wird das Sprechen über Politik, das Erzählen, das auch für den Filmemacher eine Herausforderung ist und das Rafi Pitts auf so bildmächtige Weise zu überwinden versteht. Auch in Zeit des Zorns ist dieses Sprechen schwer geworden, scheinen die Reden der Machthaber, die Ali beim Autofahren über das Radio erreichen, den gesamten öffentlichen Raum zu besetzen. Der drohenden Paralyse setzt Rafi Pitts die Bewegungen des Jägers entgegen, der zwischen Arbeit, Fabrik, Wald und dem elterlichen Haus kaum jemals stillzustehen scheint und dessen anhaltender Fortschritt erst von den Behörden auf diverse Wartebänke verwiesen werden muss. Doch ob zu Fuß, im Auto, im verletzten Humpeln oder auf abschüssiger Bahn – Ali bewegt sich nur immer tiefer in die Kreisläufe der öffentlichen Ordnung hinein, wird der Hintergrund kein anderer. Pitts hermetische und aufgeräumte Bildräume lassen keinen Zweifel daran, dass die Suche nach einem Ausweg für Ali zu einer Zerreißprobe wird. Zwischen Formalismus und Realismus schichtet Pitts ein Netz betörender Symbolwelten, die sich zu keinem Zeitpunkt selbst genügen und die dennoch stets auf das verweisen, was ungesagt bleibt. Zeit des Zorns ist eine neue Vision vom politischen Kino. Rafi Pitts inszenierte einen Film, der vibriert vor der Gewißheit, dass eines Tages unter den Bildwelten des Kinos die ganze Wirklichkeit hervorbrechen wird.

Technikinfos:Bildformat: 35mm/1,85; Ton: Dolby Digital, SR-D



Ali lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in einer modernen Großstadt. Die ununterbrochenen und unendlichen Kreisläufe von Produktion und Konsum bestimmen auch hier das Leben unzähliger Menschen. Es ist ein Leben zwischen Betonschluchten und Autobahnen, zwischen hektischen Einkaufsstraßen und Rummelplätzen, ein Leben in einer von Technik, Massenproduktion und Fortschritt durchdrungenen Metropole: Teheran.

Gerade aus dem Gefängnis entlassen, sucht Ali hier nach einem neuen Job, bis er schließlich eine Stelle als Wachmann findet. Doch seine Gefängnisstrafe ist für die Vorgesetzten Grund genug, Ali nur in der Nachtschicht arbeiten zu lassen, eine Art nachträgliche Bestrafung. Denn so kann Ali immer weniger Zeit mit seiner Frau Sara und seiner sechsjährigen Tochter Saba verbringen. Auf das nötige Geld, um seine Familie zu finanzieren, ist Ali angewiesen und so bleibt ihm keine Wahl, als die Nachtschichten zu akzeptieren. Doch ein neues soziales Umfeld erschließt sich mit der neuen Arbeit nicht. Seine Kollegen gehen teilnahmslos ihren freudlosen Pflichten nach und witzeln über Alis häufige Fluchten in die Wälder um Teheran, wo er auf die Jagd geht.

Auf endlosen Autobahnen verlässt er dann die Metropole und taucht in die abgeschiedenen Wälder im Norden der Stadt ein. Voller Anspannung bewegt sich Ali durch das Baumlabyrinth, in ständiger Erwartung eines Gegners. Der Wald ist jedoch nicht mehr der idyllische Freund, der über Entfremdung und Einsamkeit ein identitätsstiftendes Vergessen legt. Das Gewehr ist sein einziger Begleiter auf Streifzügen durch eine leblose Natur, in der die Bäume wie massengefertigte Bleistifte aus dem Boden ragen. Dennoch sucht Ali hier etwas: ein Ziel, dem man begegnen und das man treffen kann. Am Lagerfeuer, an Wasserfällen, an Seen und unter schwankenden Baumwipfeln ist Ali ein einsamer Jäger, dessen Ziel und Befriedigung unsichtbar und ungreifbar bleiben.

Als Ali eines Tages von der Jagd nach Hause zurückkehrt, sind seine Frau und seine Tochter spurlos verschwunden. Ali wartet vergeblich, bis er schließlich nach ihnen zu suchen beginnt. Ein Anruf bestellt ihn aufs Polizeirevier, wo man ihn, statt zu helfen, mehrere Stunden warten lässt. Als er endlich zu einem Beamten vorgelassen wird, bekommt er keine Antworten, sondern sieht sich plötzlich einem Verhör ausgesetzt. Der Beamte stellt intime Fragen über das Zusammenleben und die Beziehungen in Alis Familie.

Als der Beamte damit herausrückt, dass Alis Frau bei einer Auseinandersetzung zwischen Demonstranten und der Polizei von einem tödlichen Schuß getroffen wurde, ist Ali von Trauer und Zorn überwältigt. Denn der Beamte dringt weiter in ihn ein und scheint ihn und seine Frau zu verdächtigen, mit den oppositionellen Demonstranten zu sympathisieren.

Von einem kleinen Mädchen will der Beamte jedoch nichts wissen. Alis Tochter bleibt verschwunden, taucht in dem Polizeibericht nicht auf. Einen Fehler in den Unterlagen schließt der Beamte kategorisch aus. Statt dessen unterstellt er Alis Frau, ihre Aufsichtspflicht verletzt zu haben, um an der Demonstration teilnehmen zu können. Nachdem Ali die Leiche seiner Frau identifizieren musste, kehrt er dem Polizeirevier den Rücken. Hilfe, das ist ihm spätestens bei dem verletzenden Verhör klargeworden, kann er von der Polizei nicht erwarten. Ali beginnt sofort, auf eigene Faust nach seinem Kind zu suchen. Verzweifelt sucht er nach Zeugen, die seine Frau und seine Tochter auf der Demonstration gesehen haben könnten. Tag und Nacht durchstreift Ali die Straßen Teherans. Von Saba gibt es jedoch keine Spur.

Ali zieht sich immer weiter zurück, ist getrieben von Angst um seine Tochter und verzweifelter Trauer um seine Frau. Doch seine immer noch hoffnungsvolle Suche findet ein jähes Ende, als ihn ein zweiter Anruf ins Polizeirevier bestellt. Saba wurde tot aufgefunden und Ali muss auch den Leichnam seiner Tochter identifizieren.

Der Anblick seines toten Kindes verändert alles in Alis Leben. Ein gewaltiger Zorn gegen etwas bisher Ungreifbares, nicht zu Benennendes, gegen etwas Unsichtbares bricht sich Bahn und nimmt konkrete Gestalt an. Er nimmt sein Gewehr, um den aufgestauten Zorn in blindwütiger Rache zu befriedigen. Er verlässt die Wohnung und steuert seinen Wagen zu einem Aussichtspunkt über den Highways Teherans, auf denen der Verkehr unaufhörlich zirkuliert. Bei hellem Tageslicht zielt er wahllos auf einzelne Autos, bis schließlich ein Polizeiwagen in sein Blickfeld gerät. Alis Schuß wirft den Wagen aus der Bahn, stört den immergleichen Fluß im Warenund Personenverkehr. Noch bevor Ali wirklich begreift, was er getan hat, ergreift er die Flucht, zieht sich erneut in die Natur zurück. Als ihm klar wird, dass die Polizei seine Spur aufgenommen hat, beschafft sich Ali einen neuen Wagen. Doch die Polizei ist fest entschlossen, den Täter festzunehmen. Bei einer Verfolgungsjagd in nebelverhangenen Wäldern wird er schließlich von zwei Polizisten gefasst.

Ali ergibt sich seinem Schicksal. Durch die Verfolgungsjagd von der Straße abgekommen, haben Ali und die beiden Polizisten in einem Labyrinth endloser Wälder die Orientierung verloren. Die ständigen Auseinandersetzungen seiner beiden Bewacher, die sich gegenseitig ihre Machtposition streitig machen, bringen sie immer weiter vom Weg ab. Die verfeindeten Polizisten geraten in einen erbitterten Streit über Ali und darüber, was mit ihm geschehen soll. Einer der beiden will Ali auf der Stelle erschießen. In einem abgelegenen Waldhaus eskaliert der Streit zwischen den Polizisten.


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Eine Reflektion der Spannung
Das Foto, dass für die Anfangscredits verwendet wurde, ist eine Aufnahme von 1980 von Manoocher Deghati. Das Foto zeigt eine Gruppe von Männern auf Motorrädern – die pasdaran, die Islamischen Revolutionsgarden. Sie feiern den ersten Geburtstag der Revolution. Es ist ein sehr aggresives Bild, das an ein sehr gewaltsames Ereignis erinnert.

Ich habe dieses Foto seit meinem 14. Geburtstag, meine Generation ist mit diesem Bild aufgewachsen. Das Foto erfasst die gespannte Situation des Protagonisten Ali und seiner Generation. Es ist daher auch eine Reflektion der heutigen gespannten Situation im Iran. Die pasdaran sind zurück, nur dass sie dieses Mal Zivilisten angreifen, die nur versuchen, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung auszuüben. Seit der Revolution sind 30 Jahre vergangen. Die große Frage im Iran ist heute, ob uns diese Revolution gestohlen wurde.

Der Jäger
Der Film konzentriert sich auf das Jagen, um einer Gesellschaft nachzuspüren, die unter enormem Druck steht und zu einer Zeitbombe geworden ist. Natürlich kann der Jäger als die zentrale Figur Ali gesehen werden, aber es sind auch andere Interpretationen möglich. Es ist ein wichtiges Element in meinen Filmen, dass die Dinge für Interpretationen offen bleiben. Als Regisseur versuche ich, so viele Bedeutungen wie möglich anzubieten. Wenn man im Iran jemanden zum Essen einlädt, bietet man seinen Gästen viele verschiedene Gerichte an. Aber man sagt ihnen nicht, was sie essen sollen, sie können frei wählen. Was die Ideen in meinen Filmen angeht, habe ich die gleiche Herangehensweise. Ich respektiere die Zuschauer, indem ich ihnen die Wahl lasse, so zu denken, wie sie möchten.

Zeitbombe
Gerade aus dem Gefängnis entlassen, wird Ali ohne viel Ermutigung zurück in die Gesellschaft zuürckgeworfen. Es wird nie gesagt, weswegen Ali im Gefängnis war. Es kann aus politischen Gründen gewesen sein, vielleicht war er Student bei den Aufständen von 1999. Wer man ist, wird darüber entscheiden, wie man sich Alis Gefängnis-Aufenthalt begründet. Wichtig ist, dass Ali nun in eine Situation gebracht wird, in der es ihm die Nachtarbeit nicht erlaubt, genug Zeit mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter zu verbringen. Nimmt man den Zustand seiner Umgebung hinzu, wird Ali zu einer Zeitbombe.

Tehran-LA
In „Zeit des Zorns“ lebt Ali in einer urbanen Umwelt aus Beton und Autobahnen. Mich fasziniert das heutige Teheran. Ironischerweise hat die Stadt viele Ähnlichkeiten mit Los Angeles, denn nach der Revolution wurde die Stadt durch den Bau von Autobahnen neu strukturiert. Viele Iraner, die im Ausland leben, haben Los Angeles den Spitznamen Tehrangeles gegeben. Das Ergebnis ist eine moderne Gesellschaft, die ihr Leben in Autos verbringt, auf den Wegen zur Arbeit und wieder zurück, und eine Art wirtschaftliches Monopol geschaffen hat. Es fasziniert mich, wie zwei Städte sich so gleichen können und doch zu Ländern gehören, die politisch völlig unterschiedliche Meinungen haben. Wird eine solch urbane Sphäre von technologischem Fortschritt begleitet, generiert sie eine Isolation, die schließlich zu einer Art Wahnsinn werden kann.

Verloren in der Landschaft
Die Stadt Tehran ist ein Beton-Dschungel. Die Landschaft im Norden ist eine tote Landschaft. Und genauso fühlt Ali gegenüber der Umwelt, einer desolaten Landschaft, in der er lebt. Ob Stadt oder Wald – das macht für ihn keinen Unterschied. Er ist allein, verloren in einer Landschaft, die ihm keinen Grund geben will, lebendig zu sein. Die Struktur der Betonsäulen unter der Brücke, wo er wohnt, oder unter der Autobahn, wo seine Mutter lebt, sind repräsentativ für diesen Beton- Dschungel. Der Wald befindet sich im Norden Teherans, in der Nähe des Kaspischen Meers. Eine vierstündige Fahrt. Ich habe mich entschieden, im Winter zu drehen. Ich wollte nicht, dass die Bäume Blätter tragen. Die Entscheidung für die grüne Farbe des Wagens hat sich aus dieser Idee entwickelt. Ich wollte, dass das Auto wie ein grünes Blatt ist. Ein Symbol des Lebendigen in einer toten Landschaft.

Energie der Zeit
Ich denke, dass es wichtig ist, die Energie der uns umgebenden Ereignisse in den Film zu integrieren. Wir haben während des Wahlkampfes für die Präsidentschaftswahl gedreht. Auch glaube ich daran, voll und ganz in der Zeit zu leben, in der man ist. Aber ich war überrascht als ich später sah, dass der Film uns eigentlich voraus war. Wir haben die Dreharbeiten im Juni 2009 kurz vor der Bekanntgabe der Wahlergebnisse im Iran beendet. Aber die Ähnlichkeiten zwischen der Spannung in „Zeit des Zorns“ und was schließlich im Iran nach den Wahlen passierte, ist unheimlich. Die Entscheidung für das Grün von Alis Wagen fiel bevor die so genannte Grüne Bewegung nach den Wahlen einsetzte und könnte also als zufällig gedacht werden. Aber ich sehe es als die Energie der Zeit vor den Wahlen, die sich ganz natürlich in den Film eingeschrieben hat.

Wandel
Auf den einsamen Fahrten in seinem grünen Wagen hört Ali den obersten geistigen Führer Irans, Ayatollah Khamenei, im Radio über Veränderung sprechen. Es ist eine ironische Replik auf Obamas „Change“-Kampagne. Es liegt auch eine gewisse Ironie in seinen Worten, wenn man auf seine Handlungen während der Wahlen und die Demonstrationen zurückschaut. Nicht alle Themen der Menschheit können in einem 90minütigen Film vorkommen. Ironie ist meine Art, dem Publikum zu helfen, den größeren Hintergrund zu verstehen. Ich möchte auch denjenigen Menschen, die bestimmte Dinge sagen, zu verstehen geben, dass sie ihren eigenen Worten genau zuhören sollten. Als Filmemacher ist es meine Aufgabe, Dinge in Frage zu stellen. Ich glaube nicht an den Versuch, Antworten zu geben. Obwohl es im Iran eine Straftat geworden zu sein scheint, Fragen zu stellen.

Keine Zeit zu verlieren
In jedem Teil der Welt kann Bürokratie frustrierend sein. Wir vergessen die Menge an toter Zeit, die wir in dieser kafkaesken Welt verbringen. Wir sind manchmal gezwungen, so viel Zeit damit zu verbringen, einfach nur Informationen zu beschaffen. Für eine Zeitbombe wie Ali in „Zeit des Zorns“, ist das ein großes Problem. Während er nach seiner vermissten Frau und seiner Tochter sucht, muss er viele Stunden Wartezeit auf der Polizeistation verbringen. Das vergrößert den Druck auf eine ohnehin schon tickende Zeitbombe. Ali steht für eine moderne Gesellschaft, die keine Zeit zu verlieren hat, das sind Menschen, die jetzt Antworten wollen. Im Iran sind beispielsweise 70 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Diese jungen Leute haben keine Geduld. Sie sind eine No-Future-Generation, ökonomisch in einer Notlage. Alis Frau kann man als den stillen Teil dieser Generation sehen. Trotz ihrer Probleme hat sie den Mut, wie viele Frauen heute im Iran, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Eine Generation, die darauf vorbereitet ist zu sterben, da sie nichts mehr zu verlieren hat.

Herrschaftsapparat
Schon bevor er seine Frau und seine Tochter verliert, spürt Ali den Druck durch die Gesellschaft und die Staatsgewalt. Die Polizei ist überall das Symbol des Herrschaftsapparates. Ali hasst dieses Symbol. Als er seine Scharfschützen-Position über der Autobahn einnimmt, scheint er wahllos zu zielen. Ist er eine Zeitbombe? Hat er seinen Verstand verloren? Oder übt er gezielt Rache an der Polizei? Was uns in der zweiten Hälfte von „Zeit des Zorns“ beschäftigt, ist die drängende Frage, ob Ali das Recht hatte zu töten, selbst wenn es aus Rache für den Verlust seiner Frau und Tochter geschah.

Im Labyrinth
Wir neigen dazu zu vergessen, daß Menschen Individuen sind. Die Gesellschaft gruppiert und kategorisiert die Menschen unaufhörlich. Das Individuum geht oft verloren. Wenn wir auf die Polizisten treffen, die Ali ergreifen, versuchte ich deshalb, die Individuen hinter den Uniformen zu zeigen. Sie sind kleine Gestalten in der breiten Landschaft der Menschheit, aber jede hat ihre Rolle zu spielen. Jede von ihnen glaubt, das Richtige zu tun. Einer hat sich entschieden Polizist zu sein, ein anderer wurde in den Militärdienst gezwungen, und dann ist da Ali, der alles verloren hat. In der ganzen Absurdität der Situation sind sie alle verloren in einem Labyrinth, an dessen Ende sich ihr Schicksal erfüllen wird. Der Film selbst ist wie ein Labyrinth aufgebaut. Mein zentraler Charakter ist in einem Labyrinth gefangen, nur daß der Weg des Labyrinths geradeaus führt. Das ist die gewalttätigste Form. Sein Labyrinth hat keine Kurven und Wendungen. Es gibt kein Entkommen für ihn.

Die Rolle des Ali
Am ersten Drehtag erwies sich der Schauspieler, den ich ursprünglich für die Rolle des Ali ausgewählt hatte, als unzuverlässig und unberechenbar. Er kam sechs Stunden zu spät! Daher beschloß ich, Ali selbst zu spielen. Wenn wir mit dem ursprünglichen Schauspieler weitergemacht hätten, wären die Dreharbeiten sicher irgendwann zum Erliegen gekommen. So spielte ich plötzlich an meinem ersten Drehtag auch die Hauptrolle. Die Kleidung, die ich im Film trage, war die, die ich an diesem Tag gerade anhatte. So wurde „Zeit des Zorns“ auf eine bestimmte Art auch zu einem Film über einen Regisseur, dessen Hände gebunden sind, weil er in dem Film, den er macht, nicht all das sagen darf, was er sagen möchte. Der Jäger, den er im Film spielt, könnte eigentlich der Filmmacher selbst sein, bewaffnet mit seiner Kamera. Gleichzeitig eine Rolle zu spielen und Regie zu führen, kam „Dr. Jekyll and Mr. Hyde“ sehr nah. Ali zu spielen, führte mich zu einem sehr dunklen Ort. Es war schmerzhaft und schwer, da wieder herauszukommen. Ich habe dabei auch erkannt, was ich am Regieführen am meisten liebe: das Filmen anderer Leute.

Mitra Hajjar
Mitra Hajjar ist die einzige professionelle Schauspielerin im Film. Sie war die perfekte Wahl, um Sara, Alis Ehefrau, in „Zeit des Zorns“ zu spielen. Sara steht ihrem Ehemann während seiner Zeit im Gefängnis offen zur Seite. Mitras Figur steht für eine starke unabhängige Frau. Sie hat etwas von einer Überlebenden. Sie spielte auch in meinem Film „It‘s Winter“. Sie ist perfekt für meine Filme, da meine Figuren oftmals Überlebende sind. Man sieht es in ihrem Gesicht, dass sie eine sehr starke iranische Frau ist. Mitra ist im Iran ein sehr bekannter Star und spielte schon in über 20 Filmen. Sie wurde gefeiert für ihre Rollen in Filmen wie „Born under Libra“ (Ajmad Reza Darvish) oder „Sagkoshi“ (Bahram Beyzai). Zuletzt war sie im Pariser Maison des Cultures du Monde in einer Adaption von Tschechows „Onkel Wanja“ zu sehen.

Bozorg Alavi
Ich widmete „Zeit des Zorns“ dem sehr bekannten iranischen Schriftsteller und politischen Intellektuellen Bozorg Alavi. Alavi wurde ins politische Exil gezwungen. Nach einem Staatsstreich im Iran, der in Massen- Inhaftierungen endete, blieb er 1953 in Ost-Berlin. Er unterrichtete Persische Literatur an der Humboldt Universität und hielt vielerorts Vorträge in Europa und Nordamerika. Alavi blieb bis zu seinem Tod 1997 im Exil in Berlin und besuchte den Iran nur noch einmal kurz nach der Revolution 1979 / 1980. Ich glaube nicht an wortgetreue Film-Adaptionen von Büchern, aber der Eindruck, den ein Buch hinterlassen hat, kann einen Film inspirieren. Mehr als ein Gefühl, das nicht von einer traditionellen Erzähform bestimmt wird. Insofern ist „Zeit des Zorns“ von Alavis Kurzgeschichte „Gileh Mard“ (Der Mann von Gilan) aus dem Jahr 1952 inspiriert.

Ein Gefühl der Unterdrückung
Die Inszenierung von „Zeit des Zorns“ war für mich sehr interessant, da ich versucht habe, Neorealismus mit Formalismus zu verbinden. Ein neorealistischer Western. Ich habe versucht, den Film in verschiedenen Ebenen zu gestalten, die politische ist eine davon. Die moralische Ordnung fasziniert mich ebenfalls, egal ob sie die Religion, die soziale Struktur oder soziale Werte betrifft, jeweils unabhängig voneinander oder alles gleichzeitig. Diese moralische Ordnung lebt in mir. Mein Land, der Iran, schafft durch seine strengen religiösen Grenzen und durch Selbst-Zensur in jedem Individuum das Bedürfnis, die Dinge von innen her zu verstehen und zwingt uns so unaufhörlich zu einer Konfrontation mit dem Gefühl der Unterdrückung. Ich hoffe, dass „Zeit des Zorns“ im Iran ins Kino kommen wird. Aber wenn man das aktuelle politische Klima dort bedenkt, könnte das schwierig werden.

Hauptdarstellerin: Mitra Hajjar
Mitra Hajjar ist eine der bekanntesten Schauspielerinnen im Iran. Seit 1998 wirkte sie dort in nahezu 20 Filmen mit. Bei dem Internationalen Fajr-Festival gewann sie für ihre herausragende schauspielerische Leistung in „Born under Libra“ (Ahmad Reza Darvish, 2001), den Preis für die „Beste Schauspielerin“. In „Zeit des Zorns“ spielt sie Alis Ehefrau Sara Alavi. „Zeit des Zorns“ ist die zweite Zusammenarbeit zwischen Mitra Hajjar und dem Regisseur Rafi Pitts. Bereits in „Zemestan – It‘s Winter“ (2006), der bei den 56. Internationalen Filmfestspielen Berlin im Wettbewerb gezeigt wurde, verkörperte Mitra Hajjar eine charakterstarke und selbstbewusste Frauenfigur. Mitra Hajjar wurde 1977 in Teheran geboren. Nach einem zweijährigen Schauspielstudium begann sie im Alter von 21 Jahren ihre eigentliche Schauspielkarriere. Zuletzt war sie auf mehreren Theaterbühnen in Frankreich zu sehen, unter anderem in Tschechows „Onkel Wanja“ in Paris.