Vertraute Fremde Film Trailer
FSK Film: 0 | Länge: 100 Min | Kinostart: 20.05.2010 | Release: 26.11.2010 (DVD)
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Schauspieler:Pascal Greggory, Jonathan Zaccai, Alexandra Maria Lara, Léo Legrand, Laura Moisson, Pierre-Louis Bellet, Laura Martin
Die Story:Der Comic-Zeichner Thomas steigt nach einer Geschäftsreise in den falschen Zug und landet in einem Dorf in den französischen Bergen – dem Ort seiner Kindheit. Lange war Thomas nicht mehr hier, Erinnerungen kommen hoch an die Zeit, als sein Vater die Familie ohne Ankündigung verlassen hatte. Noch ahnt er nicht, welches Abenteuer ihn nun erwartet. Wie in einem Traum findet er sich plötzlich in seiner eigenen Vergangenheit als 14-jähriger Teenager wieder, der seinem Vater in der Schneiderei hilft, für die Mutter Besorgungen macht, mit Freunden herumzieht und das zarte Gefühl der ersten Liebe erlebt. Doch dann erkennt Thomas seine eigentliche Mission: Ihm bleiben nur wenige Tage, um herauszufinden, was damals wirklich geschah und seinen Vater davon abzubringen, das scheinbar harmonische Familienglück zu zerstören.
Hintergrund:Regisseur Sam Garbarski, der nach Der Tango Der Rashevskis zuletzt mit Irina Palm 2007 auf der Berlinale begeisterte, legt mit Vertraute Fremde nun seinen dritten Spielfilm vor. Atmosphärisch dicht, im stimmungsvollen Look der 60er Jahre, inszeniert Sam Garbarski die faszinierende Reise eines Mannes, der erkennt, dass man die eigene Vergangenheit verstehen muss, um seine Gegenwart meistern zu können. Der Film ist ein Plädoyer dafür, festgefahrene Gewohnheiten zu durchbrechen, manchmal etwas Unerwartetes zu tun und die, die man liebt, auch wirklich zu sehen.
Technikinfos:Bildformat: 35mm/1,85; Ton: Dolby Digital
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Langinhalt:
Thomas (Pascal Greggory) ist Comic-Zeichner und lebt mit seiner Familie in Paris. Am Morgen macht er sich auf den Weg zu einer Comic-Messe in die Provinz, der Abschied von Frau und Kindern ist kurz, jeder scheint mit sich selbst beschäftigt. Abends auf dem Nachhauseweg steigt Thomas in einen falschen Zug, schläft ein und landet in einem kleinen Nest in den französischen Bergen – dem Ort seiner Kindheit. Lange war Thomas nicht mehr hier. Im Dorf trifft er einen Schulfreund von einst, er besucht sein damaliges Elternhaus und schließlich führt ihn sein Weg zum Friedhof, zum Grab seiner Mutter. Die Erinnerung holt ihn ein, er stürzt – und findet sich, wie in einem Traum, plötzlich in seiner eigenen Vergangenheit wieder.
Er ist noch einmal 14, ein Teenager (Léo Legrand), der sich mit dem neuen alten Leben in seiner Familie erst wieder zurechtfinden muss. Sein Vater Bruno (Jonathan Zaccaï) betreibt eine Schneiderei, in der Thomas ab und zu hilft. Anna, die Mutter (Alexandra Maria Lara), die still ihre Hausarbeit verrichtet, bemerkt schnell, dass ihr Sohn sich irgendwie verändert hat – er stellt seltsame Fragen, ist aber gleichzeitig wesentlich aufmerksamer als sonst: Er geht mit der Mutter spazieren und Eis essen, an einem ganz normalen Wochentag, dreht zu Hause das Radio auf und tanzt mit ihr, kümmert sich liebevoll um die kleine Schwester. Die Mutter erklärt sich das damit, dass ihr Sohn wohl langsam erwachsen wird.
Thomas weiß nicht, wie lange diese zweite Jugend dauernd wird, aber er genießt sie. Er geht zur Schule, zieht mit den Freunden umher, ist mit seinem Fahrrad unterwegs, kostet den Sommer am See aus – und wird, zu seiner Überraschung, von der attraktiven Klassenkameradin Sylvie (Laura Martin) zum Begleiter auserkoren. Verblüfft registriert er, wie es war, süße 14 zu sein und sich zum ersten Mal zu verlieben. Damals war er zu schüchtern um Sylvie anzusprechen. Nun möchte sie von ihm Nachhilfe im Zeichnen und nicht nur das...
Doch dann erkennt Thomas seine eigentliche Mission: Der Geburtstag des Vaters rückt näher und damit der Tag, an dem der Vater damals ohne jede Ankündigung die Familie verlassen hat. Und plötzlich begreift Thomas, warum er wieder Kind ist: Er muss alles tun, um dieses Ereignis, das sein ganzes Leben prägte, ungeschehen zu machen. Er hat die einmalige Chance, in die Vergangenheit einzugreifen und damit die Zukunft zu verändern.
Thomas folgt dem Vater, beobachtet ihn, wie er heimlich ein Geschenk kauft und einen ominösen Anruf erhält. Er sucht das Gespräch und seine Nähe, geht mit ihm zum Angeln und bemüht sich, die angespannte Atmosphäre zwischen den Eltern irgendwie aufzulockern – doch vergebens. Als der Geburtstag da ist, verlässt der Vater nach dem Abendessen unbemerkt das Haus und geht. Verzweifelt rennt Thomas ihm hinterher und stellt ihn zur Rede...
Die Ereignisse von damals, verbunden mit dem Wissen von heute: Der ebenso faszinierende wie verstörende Trip in die eigene Vergangenheit ist von großer, verändernder Kraft für Thomas’ weiteres Leben. Mit ein paar Floskeln auf den Lippen, in sich gekehrt, hatte er am Morgen sein Haus verlassen. Als er wiederkommt sieht er lächelnd durchs Fenster auf seine Familie und kehrt, ganz mit sich im Reinen, zurück.
Eure Meinung zu "Vertraute Fremde"

♥: Die Zeitreise lädt erwachsene zum Rückblick auf die eigene Kindheit ein. Nostalgische Bilder verbergen dabei ein ernstzunehmendes Vater-und-Sohn-Drama
−: Für Drama-Freunde zu viel Feel-Good-Atmo, für Zeitreise-Fans zu hintergründig
Ein Comiczeichner macht sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. Und das nicht im übertragenen , künstlerischen Sinn, sondern wortwörtlich.
Als der gestreßte, ausgebrannte Künstler Thomas nach einer Messe in der falschen Zug steigt, landet er im Dorf seiner Kindheit. Dem Ort geht es genauso schlecht wie Thomas. Er ist ein bißchen heruntergekommen. Viele Häuser stehen leer, die Straßen sind beinahe ausgestorben. Bei einem Besuch auf dem Friedhof bricht der Künstler zusammen. Als er wieder zu sich kommt, hat sich einiges geändert.
Thomas ist wieder 14 und befindet sich in den frühen 60er Jahren, seine alte Heimat ist wieder das malerische, lebhafte Bergdorf, als das er es in Erinnerung hatte. Das muss ein Traum sein, denkt er sich, aber einer den er gerne durchlebt. Thomas genießt das Wiedersehen mit seiner verstorbenen Mutter, seiner kleinen Schwester und dem Vater, der die Familie später verlassen hat. O.k., der Schulbesuch ist vielleicht etwas lästig, aber dafür sind die alten Freunde da, und vielleicht kann er jetzt endlich das Mädchen ansprechen, das er damals immer nur aus der Ferne angehimmelt hat....
Doch dann wird Thomas klar was er wirklich tun muss. Er will herausfinden, warum sein Vater damals die Familie im Stich liess und ins Unglück stürzte - und ihn diesmal um jeden Preis überzeugen zu bleiben.
Oberflächlich betrachtet ist "Vertraute Fremde" eine Art "Zurück in die Zukunft" für Erwachsene.
Der jugendliche Held versucht, Fehler in der Vergangenheit zu korrigieren um seine eigene Gegenwart gerade zu rücken. Dabei darf man aber keine turbulenten Verfolgungsjagden und Trickgewitter erwarten. Statt mit dem DeLorean muss Thomas mit einem klapprigen Moped auskommen. Aber obwohl das Eintauchen in die nostalgische Kindheit viel Spaß macht ist die Zeitreise hier doch nur Mittel zum Zweck. Thomas stellt sich seiner Vergangenheit, um alte Fehler zu verstehen, um zu ergründen warum er der wurde, der er ist - und wie er das ändern kann.
Dabei spielen gleich drei Zeitebenen eine Rolle. Thomas´ trostlose Gegenwart, die idyllische Kindheit und indirekt auch die Jugendzeit seiner Eltern im Krieg, die sie zu dem machte was sie sind.
Sein Geschick für psychologische Tragikomödien hat Regisseur Sam Gabarski schon im Berlinale-Hit "Irina Palm" bewiesen. Da hatte er allerdings Hilfe von einer phänomenalen Marianne Faithfull in der Titelrolle.
In "Vertraute Fremde" können die Darsteller , darunter auch Alexandra Maria Lara, nicht ganz so sehr überzeugen. Dafür zeigt Gabarski sich als Meister kleiner Gesten. Die eigentliche Zeitreise ist zwar etwas hilflos inszeniert, aber dafür schafft er es am Ende den ganzen Film wortlos mit einem winzigen Lächeln auf den Punkt zu bringen.
"Vertraute Fremde" lädt den Zuschauer ein, die eigene Kindheit Revue passieren zu lassen. Aber auch für jüngere Zuschauer dürfte es amüsant sein, zu sehen, wie man ohne Computer , Handy, und Markenklamotten aufwächst. Die launige, entschleunigte Retroatmosphäre lenkt dabei sehr stark vom ernsten Kern der Geschichte ab, der wohl selten direkt ausgetragenen Auseinandersetzung zwischen Vätern und Söhnen. Die Grundlage war eine japanische Graphic Novel, die den Transfer nach Frankreich aber unbeschadet überstanden hat. "Vertraute Fremde" ist eine warmherzige, nostalgische Kinoperle mit Tiefgang.
Weitere Infos zum Film:
Das Geschenk eines Freundes brachte alles ins Rollen: Als Sam Garbarski den Manga „Quartier Lointain“ von Jiro Taniguchi in den Händen hielt, war er sofort begeistert. Es war die Mischung aus der Geschichte selbst und der Art, wie Taniguchi sie erzählt, die ihn reizte. Die Reinheit und fast minimalistische Einfachheit der Zeichnungen, verbunden mit der emotional packenden Geschichte eines Mannes auf der Reise in seine Vergangenheit und zu sich selbst. Der Band entfaltete „einen Charme, der über mich hergefallen ist,“ erzählt Garbarski.
„Die Geschichte ist in Japan angesiedelt, aber ich habe, trotz des exotischen Flairs, sofort gespürt, dass sie universell ist. So sehr die Geschichte in der japanischen Kultur verankert ist, so sehr hat sie uns allen etwas zu sagen und könnte überall spielen. Die Unterschiede, die wir zu sehen meinen, bringen uns entweder einander näher oder sie sind nicht wirklich gravierend. Die wichtigen Dinge im Leben, die uns beschäftigen, sind dieselben, ob sie uns nun in Frankreich, Japan oder Deutschland geschehen.“ Ein Element der japanischen Kultur fand aus dem Manga Eingang in den Film: Ein flatternder Schmetterling über dem Grab der Mutter. Das Tier versinnbildlicht in der japanischen Kultur die Seele eines Verstorbenen und verbindet im Film die Gegenwarts- mit der Vergangenheits-Ebene.
Sam Garbarski und seine Drehbuch-Coautoren Philippe Blasband und Jérôme Tonnerre verlegten den Ort der Handlung nach Frankreich. Das ist im Grunde aber nicht wirklich wichtig, denn VERTRAUTE FREMDE könnte sich auch im Kopf des Comic-Autors abspielen, der die Geschichte erfindet und zeichnet. „Es geht um das, was die Psychoanalyse als Wiederholungsschema bezeichnet“, erklärt Garbarski. „Man ertappt sich dabei, dass man das Verhalten der Eltern, das man am meisten ablehnt, an sich selbst feststellt. Je mehr man eine Situation vermeiden will, desto eher schlittert man hinein. Der Comic-Autor Thomas versucht, sich selbst aus dieser Wiederholungstäter-Situation zu befreien. Vereinfacht gesagt, geht es um einen 50-jährigen Künstler, der für zehn Tage zurückkehrt an den Moment in seiner Jugend, wo sein Vater damals die Familie verlassen hat. Kann er ihn aufhalten oder nicht? Die Frage ist, wenn man die Möglichkeit hätte, in seine Vergangenheit einzutauchen und etwas zu ändern, würde man es tun?“
Die Geschichte lässt verschiedene Möglichkeiten der Deutung zu. Der Held unternimmt eine klassische Reise und hat am Ende etwas verstanden, was ihm in seinem eigenen Leben weiterhilft. „Vielleicht wäre er selbst auch nicht mehr nach Hause gekommen. Durch die Reise, die Thomas antritt – vielleicht auch nur in seinem Kopf – entscheidet er, es anders zu machen als sein Vater. Er ist ja auch nicht sein Vater, sein Leben steht unter ganz anderen Vorzeichen. Sein Lächeln am Ende erklärt alles, er blickt mit sehr viel Liebe wieder auf seine Familie“, so Garbarski.
Die größte Herausforderung für den Filmemacher bestand darin, diese „Zeitreise“ verständlich zu machen und ohne Abdriften in kitschige oder fantastische Gefilde darzustellen: „Das war eine Gratwanderung“, bestätigt Garbarski, „wir haben versucht, so rein, einfach und poetisch wie möglich zu erzählen, ohne ins Sentimentale abzugleiten“. Die Vorlage von Taniguchi diente dabei als Anregung – der Regisseur wollte nicht in erster Linie einen Manga verfilmen, sondern die Geschichte erzählen, die ihm vorschwebte. Auf jeden Fall spielten auch eigene familiäre Erfahrungen eine Rolle: „Die Geschichte ist nicht meine, aber ich fühle mich in ihr zu Hause. Amos Oz hat in einem seiner letzten Bücher geschrieben, dass ein guter Leser nicht die biographischen Spuren des Autors sucht, sondern seine eigenen in der Geschichte des Autors. Wenn man eine Reise in seine Teenagerzeit unternimmt mit der Erfahrung eines 50-Jährigen, dann steckt immer Biographisches darin.“
Der Traum von einer Rückkehr in die eigene Jugend ist ein Thema, das viele Menschen erst beschäftigt, wenn sie selbst etwas älter geworden sind. Aber, wie Garbarski bei einer Tour durch Schulklassen und Gesprächen über „Quartier Lointain“ erfuhr, können auch jugendliche Zuschauer damit durchaus etwas anfangen. Die 16- bis 17-Jährigen erzählten ihm, dass sie genauso in ihrer Fantasie Szenen der Vergangenheit durchgehen und sich überlegen, was sie hätten anders machen können. Und: Man will seinen Eltern ja meistens erst Fragen stellen, wenn sie nicht mehr da sind. Um das plötzliche Verschwinden des Vaters verständlich zu machen, ersannen die Autoren für ihn eine europäische Hintergrundgeschichte. VERTRAUTE FREMDE spielt nach dem Krieg, in den 60er Jahren, und enthält Elemente typischer Nachkriegsgeschichten.
Viele Pärchen taten sich damals aus Notwendigkeit zusammen, nicht unbedingt, wie heute, aus großer Liebe. Bruno und Anna, Vater und Mutter im Film, haben jeder auf seine Art beide denselben Mann geliebt: Brunos besten Freund, der an seiner Seite im Krieg gestorben ist. Bruno heiratete nach Kriegsende dann die Frau seines besten Freundes. Diese Geschichte ist wichtig für das psychologische Verständnis der Figur: „Bruno hatte ein ausgeprägtes Ehrgefühl und hat immer nur getan, was von ihm erwartet wurde, hat 20 Jahre lang seine Pflicht erfüllt. Das hat er nicht mehr ausgehalten, er wollte einmal selbst über sein Leben entscheiden. Er ist kein Unmensch, er konnte einfach nicht mehr. Deshalb geht er Brot holen und kehrt nicht zurück“. Auch die Geschichte mit Rachel ist ein wichtiger Baustein für diese Entscheidung. Die Schwerkranke, um die er sich kümmert, sagt ihm, sie habe zwar viele Jahre überlebt, aber nicht gelebt.
„Man muss ihn verstehen, um ihn gehen lassen zu können, diesen Vater, damit diese Geschichte so poetisch bleibt, wie sie ist“, erläutert Garbarski. „Und dadurch, dass der Sohn den Vater versteht, kann er ihm verzeihen und sein Leben anders weiterleben als vorher“.
Die belgisch-luxemburgisch-französisch-deutsche Coproduktion entstand an rund 40 Drehtagen, das Budget der aufwendigen Produktion betrug ca. 8,5 Mio. Euro. Die Geschichte spielt in Frankreich, in einem kleinen Bergdorf namens Nantua, ungefähr eine Autostunde von Genf entfernt. Dort entstanden auch fast alle Außenaufnahmen. Die Nähe zur Schweizer Grenze ist deshalb von Bedeutung, weil Anna, die Mutter, Schweizerin ist.
In der Bergregion verschanzten sich die ehemaligen Résistance- Kämpfer, darunter Thomas’ Vater Bruno. Alexandra Maria Lara überzeugte Garbarski für die Rolle der Anna, „sie könnte, trotz ihrer Jugend, fast die leibliche Mutter von Thomas sein“. Ihren Ehemann spielt Jonathan Zaccaï, ein alter Freund Garbarskis, der bereits in seinem ersten Film „Der Tango der Rashevskis“ mitwirkte.
Für die Hauptrolle hatte der Regisseur von Anfang an den französischen Charakterdarsteller Pascal Greggory im Visier. Der war begeistert, als er das Drehbuch las und stimmte sofort zu. Schwieriger war es, die anspruchsvolle Rolle des 14-jährigen Thomas zu besetzen. An die hundert Darsteller wurden gecastet, ehe die Wahl auf Léo Legrand fiel.
Nachdem Garbarski fast zwei Jahre lang zusammen mit Philippe Blasband, seinem Co-Autor von „Der Tango der Rashevskis“ und „Irina Palm“, am Drehbuch gearbeitet hatte, holten sie den namhaften Autor Jérôme Tonnerre ins Boot. „Ich kannte Tonnerre von früher und wusste, dass er ein Fan von ’Quartier Lointain’ ist. Es war nicht schwer, ihn zu überreden“, erzählt Garbarski. Die Zusammenarbeit gestaltete sich fließend, der Input durch beide Co-Autoren war fruchtbar. „Wenn man eine Comic-Vorlage hat, glaubt man zunächst, man müsse nur noch filmen. Das ist ein großer Irrtum, weil Mangas eine eigene Lesekultur haben. Die hat zwar viel mit Kino zu tun, ist aber nicht dieselbe. Man kann die Rechtecke der Manga-Zeichnungen nicht einfach aneinander reihen, sondern muss die filmische Sprache finden, den eigenen, filmischen Rhythmus usw.“, erläutert Garbarski.
Der Filmemacher legte großen Wert auf stimmige Atmosphäre, ausgeklügeltes Lichtdesign und exzeptionelle Kameraarbeit. Der Regisseur: „Die Geschichte soll so poetisch wie möglich rüberkommen, man kann sie in der Wirklichkeit nicht erleben, nur im Kino. Oder im Manga. Daher ist die Ästhetik ein sehr wichtiger Teil dieser Traumreise. Was wir sehen, ist vielleicht schöner, als es in Wirklichkeit war. So soll es auch sein, denn es geht um eine Reise, die gut tut. Der subtile Rhythmus, die intensive Atmosphäre gehören zur Geschichte. Die Form ist ja das Herz einer Geschichte, und diese verlangt nach einer Form, die so poetisch wie möglich ist“.
Die perfekten Bilder dafür findet Kamerafrau Jeanne Lapoirie, die sich v.a. durch ihre Filme mit Francois Ozon einen Namen machte. Die Zusammenarbeit mit Garbarski kam „zufällig“ zustande. Eigentlich war Christophe Beaucarne, der Kameramann von „Irina Palm“, gebucht. Doch der Film, an dem er zu der Zeit arbeitete, zog sich länger hin als geplant, so dass Beaucarne nicht zur Verfügung stand. Garbarski traf sich mit Lapoirie und war sofort überzeugt, einen guten „Ersatz“ gefunden zu haben. „Der Blick und die Empfindsamkeit einer Frau waren eine echte Bereicherung“, findet er.
„Mein ganzes Leben wird sehr oft von Zufällen bestimmt“, konstatiert Garbarski, „dass das Zusammentreffen mit Taniguchi so gut verlief, war jedoch vielleicht kein Zufall. Es war, als wenn ein Schicksal dahinter steckt.“ Als der japanische Autor zum Set reiste, verliebte er sich sofort in dieses Dorf in Frankreich. Garbarski: „Als er meine Schauspieler sah, machte er so große Augen wie die Hauptfigur in seinen Zeichnungen. Dann wollten wir etwas zusammen trinken und stellten fest, dass wir beide Bier mögen – der Draht stimmte von Anfang an in vielerlei Hinsicht, es war fast ein bisschen unheimlich“.
Auch die Filmmusik hat ihre eigene Entstehungsgeschichte. „Für die Musik war Air immer in meinem Kopf, um diese Geschichte ein bisschen ‚aerien’, luftig, zu erzählen. Der Name passt, ihre Musik ist ja ziemlich luftig. Das Komischste war, ich schwöre, das ist wahr, dass Taniguchi in Japan all ihre Schallplatten besitzt. Als ich ihm erzählte, dass ich Air geplant hatte, wollte er’s nicht glauben.“ Die erfolgreiche Synthie-Pop-Band zu gewinnen, war nicht schwer, schließlich sind sie „Irina Palm“-Fans und große Verehrer von „Quartier Lointain“.
Nach welchen Kriterien Garbarski seine Stoffe auswählt? „Ich habe keine Strategie dahinter, die Projekte ergeben sich so.“ Auch dass er überhaupt zum Film kam, schreibt Sam Garbarski dem Zufallsprinzip zu. Der Chef einer erfolgreichen Werbeagentur, den es mit 22 Jahren von Deutschland nach Belgien verschlug, meckerte bei einem Meeting mit seinen Mitarbeitern über die Qualität eines Spots. Die sagten ihm, er solle doch mal selbst einen drehen. Er tat es – mit großem Erfolg. Aus einem wurden immer mehr, und als man ihm sagte: „Deine Spots sehen aus wie kleine Spielfilme, warum machst du nicht mal einen Kurzfilm?“ entstand 1999 „La dinde“. Weitere Kurzfilme folgten und liefen erfolgreich auf Festivals. Bis es hieß, sie sind so kurz, dreh doch mal einen langen ... „Die Übergänge waren fließend, ich habe zwar immer Kino geliebt, hatte aber nie die Absicht, das zu machen.“

