Nowhere Boy Film Trailer und Filmkritik
FSK Film: 12 | FSK Trailer: 6 | Länge: 98 Min | Kinostart: 08.12.2010 | Release: 20.04.2011 (DVD&BD)
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TRAILER-TIPPS
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Schauspieler:Aaron Johnson, Kristin Scott Thomas, Anne-Marie Duff, Thomas Sangster, David Threlfall
Die Story:Liverpool in den Fünfzigern: John Lennon, 15 Jahre alt und von der Schule genervt, fällt zu Hause bei seiner strengen Tante Mimi die Decke auf den Kopf. Eines Tages trifft John jedoch seine Mutter Julia wieder, die den Fünfjährigen damals überstürzt verlassen hatte. Die lebenslustige, musikbegeisterte Frau führt John in die aufregende neue Welt des Rock n Roll ein und bringt ihm das Banjospielen bei - nicht ahnend, dass sie damit den Grundstein für Lennons späteren Lebensweg legt. John gründet eine Band und lernt über Freunde den talentierten Gitarristen Paul McCartney kennen. Doch der Spagat zwischen seinen musikalischen Ambitionen und den zwei starken Frauen in seinem Leben wird für Lennon zur Zerreißprobe...
Hintergrund:Sam Taylor-Wood konzentriert sich in ihrem Regiedebüt NOWHERE BOY auf die Zeit, bevor John Lennon mit den Beatles zur Pop-Ikone wurde. Die renommierte Künstlerin und Fotografin, deren Kurzfilm-Debüt Love You More 2008 in Cannes im Wettbewerb um die Goldene Palme lief, zeigt einen rebellischen Teenager, der dem Muff der Nachkriegsjahre entfliehen will und dabei den Rock ?n? Roll für sich entdeckt. Und sie erzählt von den beiden Frauen, die sein Leben entscheidend prägten: seiner Tante Mimi und seiner Mutter Julia. Shootingstar Aaron Johnson (Kick-Ass) bringt den inneren Aufruhr des jungen Lennon souverän auf den Punkt, Kristin Scott Thomas (Der englische Patient) als strenge Tante Mimi und Anne-Marie Duff (Ein russischer Sommer) als Lennons lebenslustige Mutter Julia glänzen als emotionale Gegenpole. Mit ihren hervorragenden Hauptdarstellern erzählt Sam Taylor-Wood eine anrührende Geschichte über die Turbulenzen der Jugend, verzwickte Familienbande und die Kraft der Musik - das Drehbuch, basierend auf der Biografie Imagine This. Growing Up With My Brother John Lennon von Lennons Halbschwester Julia Baird, stammt aus der Feder von Matt Greenhalgh, der mit Control schon Ian Curtis ein Denkmal setzte. Der junge Paul McCartney wird von Thomas Brodie Sangster (Tatsächlich...Liebe) gespielt, und Neuentdeckung Sam Bell schlüpft in die Rolle von George Harrison. Kameramann Seamus McGarvey (Abbitte) setzt in Zusammenarbeit mit der preisgekrönten Produktionsdesignerin Alice Normington (Wiedersehen mit Brideshead) die späten 50er Jahre zwischen Tristesse und Aufbruch stimmungsvoll in Szene.
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Eure Meinung zu "Nowhere Boy Film"

♥: Überzeugende Darsteller, liebevolle Ausstattung, interessante Details über John Lennon und die frühen Beatles
−: etwas zu biedere Inszenierung. Lennons Karriere spielt nur eine Nebenrolle.
Die schmächtige Erscheinung, das gepflegte Äußere und das blasse Brillengesicht täuschen: der junge John Lennon ist ein Rebell. Dazu braucht es im biederen Großbritannien der späten 50er Jahre allerdings nicht. In der Schule glänzt er besonders durch seine schlechten Manieren und sein vorlautes Mundwerk. Selbst seine strenge Tante Mimi, bei der er aufwächst, hat ihn nicht unter Kontrolle. John weiss gar nicht, wohin mit seiner unbändigen Energie.
Sein Leben bekommt eine überraschende Wende, als er auf
seine leibliche Mutter Julia trifft. Die lebte seit Jahren in seiner Nähe, ohne
dass er es wusste. Warum hatte sie ihn damals im Stich gelassen ?
Aber die Enttäuschung und die offenen Fragen stellt er
erstmal zurück. Denn seine Mutter ist eine faszinierende Frau mit ansteckender
Lebensfreude, ein früher Beatnik, bevor es den Begriff überhaupt gab und das
genaue Gegenteil von Johns spießiger Tante.
Die beiden Schwestern liefern sich einen erbitterten Kampf um John. John ist
hin und hergerissen zwischen dem turbulenten Leben im Haus von Julia und ihrer
neuen Familie, und Mimi, die ihn streng aber liebevoll großgezogen hat, als
seine Mutter verschwunden war. Gleichzeitig wird er langsam erwachsen, seine
Sicht auf die Dinge ändert sich zusehends. Mit Julia kann er seine Begeisterung
für Musik ausleben und sogar Banjo spielen lernen. Diese neue Leidenschaft lässt
ihn nicht mehr los. Die Folgen sind bekannt. Irgendwann trifft er
Gleichgesinnte und gründet mit ihnen eine Band. Die Anfänge sind bescheiden.
Wer ein Instrument hat, darf mitmachen. Talent ist erstmal zweitrangig. Aber
John entwickelt hier auch so etwas wie Führungsqualitäten. Und die Band ist für
ihn ein Ausweg aus seinen verzwickten Familienverhältnissen.
Hauptdarsteller Aaron Johnson hat gerade erst als Comicheld "Kick-Ass" bewiesen, dass er Underdogs mit Format spielen kann. In den anderen beiden wichtigen Rollen liefern Kristin Scott-Thomas ("Die Schwester der Königin") und Anne-Marie Duff ("Ein russischer Sommer") ein sehenswertes Schwesternduell. Thomas Sangster ("Tatsächlich Liebe") als Paul McCartney und Sam Bell als George Harrison sind solide Ergänzungen ohne besonders herauszuragen. Besonders die später so erfolgreiche Komponistenkombo aus Lennon/McCartney wird hier zwar angerissen, aber eher als eine Zweckgemeinschaft gezeigt, die entstand, weil John keine Noten kannte und Paul deswegen brauchte.
In einem Lennon-Biopic ist die Musik natürlich besonders wichtig. Beatles-Songs gibts allerdings nicht zu hören, die waren ja noch nicht geschrieben (und die Rechte wären wohl auch zu teuer gewesen). Aber die Beatles selbst haben anfangs ja auch vor allem Coversongs gespielt. Wer genau hinhört, erkennt aber, dass zum Beispiel der erste Ton des Films der Anfangsakkord von "A hard days night" ist. Den gabs wahrscheinlich etwas billiger.Den Schlußakkord des Films setzt dann passenderweise Lennons eigener Titel "Mother".
Apropos Mutterfiguren. Aaron Johnson (Jahrgang '90) und Regisseurin Sam Taylor-Wood (Jahrgang '67) wurden bei den Dreharbeiten in Paar, sind inzwischen verheiratet und haben eine Tochter.Das Drehbuch basiert auf den Memoiren von Julia Baird, Lennons Halbschwester. Verfasst wurde es von Matt Greenhalgh, der auch das gefeierte Biopic "Control" über Joy-Dvision-Frontmann Ian Curtis geschrieben hat.
Viele Aspekte,die John Lennons späteres Leben prägen, werden hier angerissen, die beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben, (ist Yoko Ono nicht die perfekte Verbindung aus der Strenge seiner Tante und der Verspieltheit seiner Mutter), seine ersten Kontakte mit dem Rock ´n Roll , die ersten Gitarrenversuche, die ersten Eroberungen, die ersten Erfolge.
Die Stationen zu entdecken macht viel Spaß, wobei der Film nicht nur ein Porträt Lennons ist, sondern eine allgemeingültige, kurzweilige Coming-of-age-Story und ein allerdings etwas zu harmonischer Trip in die späten Fünfziger. Die späteren Beatles heißen hier noch "The Quarrymen", aber auch deren erste Gehversuche sind extrem unterhaltsam in Szene gesetzt. Von der damaligen Trostlosigkiet der maroden Arbeiterstadt Liverpool, die den Drang auslöste , auszubrechen und die Welt zu erobern, sieht man hier nicht viel. Hier sieht man eine etwas zu polierte Kleinbürgeridylle. Der gesamte Film ist stilistisch sehr routiniert und etwas zu konservativ inszeniert, was manchmal eher nach einem guten TV-Film aussieht, nicht nach Kino. Da fehlt die stilistische Eleganz des vergleichbaren 60s-Dramas "An Education")
Dummerweise haben die Macher sowohl das 50.Jubiläum des
ersten Beatles-Gigs im August als auch Lennons 70. Geburtstag im Oktober
verpasst. Die hätten dem Film ein bißchen mehr Aufmerksamkeit beschert, die er
durchaus verdient hätte.
Der Film betreibt keine Legendenbildung und setzt
Lennon kein Denkmal. "Nowhere Boy" ist ein kleiner Film, aber das passt durchaus
zum Thema, schließlich ahnte am Anfang seiner Karriere niemand, was aus John
Lennon mal werden würde.
Weitere Infos zum Film:
Nowhere Boy sucht Somewhere Girl
Nachdem die Worte gefunden waren, kam es nun darauf an, einen Regisseur zu finden, der den jungen Lennon auf der Leinwand zum Leben erwecken konnte. Ecosse konnte ja nicht ahnen, dass sie bereits im Visier von Sam Taylor-Wood waren, die das Drehbuch gelesen hatte und wild entschlossen war, das Projekt zu verfilmen.
Beflügelt von dem Erfolg, den sie mit ihrem ersten Kurzfilm LOVE YOU MORE (2008) bei den Filmfestspielen in Cannes feiern konnte, überzeugte sie ihr langjähriger Freund und der Produzent ihres Kurzfilmdebüts, der 2008 verstorbene Anthony Minghella, den nächsten Schritt zu wagen und einen abendfüllenden Spielfilm zu drehen.
„Anthony Minghella hat in mir den Wunsch geweckt, den großen Sprung zur Spielfilmproduktion zu wagen und nicht weiter Filme zu drehen, die nur in Kunstgalerien gezeigt werden. Wir haben uns durch sein Interesse für meine Kunstwerke kennengelernt und haben bei meinem Kurzfilmdebüt LOVE YOU MORE erstmals zusammengearbeitet. Er hat mir sehr viel Mut gemacht hat. Und schließlich wollte er wissen, ob Filmemachen nicht das ist, was ich eigentlich machen möchte und ich sagte ja. Er gab mir sehr viel Selbstvertrauen, weil er ehrlich überzeugt war, dass ich Regie führen konnte und es mir auch gesagt hat. Das war genau die Bestätigung, die ich brauchte. Vielleicht wäre es später auch ohne sein Zutun passiert, aber auf die eine oder andere Art habe ich darauf gewartet, das so etwas passiert, weil ich nicht wusste, wie ich es angehen sollte. Ich hatte schon viel darüber geredet und es gab auch schon einige Besprechungen, aber niemand hat mich so wie er gepackt und in die richtige Richtung geschoben.”
„Bei so einem Drehbuch kann man sich nicht mit Halbheiten zufrieden geben”, erklärt Bernstein. „Es ist so fesselnd, dass es absolut entscheidend war, die richtige Regie dafür zu finden. Sam kam zu uns und war unglaublich leidenschaftlich, was die Geschichte betraf, die auch Teile ihres Lebens widerspiegelt. Sie hat einfach kein Nein von uns akzeptiert. Ihre Intensität war betörend. Und so kamen wir an den Punkt, an dem man nur noch seinem Instinkt folgen kann und entschlossen uns, es zu wagen.”
Taylor-Wood stimmt zu: „Es gibt viele verschiedene Ebenen im Film, die mich reizten. Ich hatte das Gefühl, dass ich weiß, was Lennon bewegt. Er ist ein kreativer Mensch und auch ich kenne diese Momente, in denen ich fürchte, verrückt zu werden, weil mein Gehirn mir keine Ruhe lässt! Außerdem stammen wir beide aus sehr turbulenten Familienverhältnissen, so dass es viele Parallelen und Elemente in der Geschichte gibt, die mir sehr vertraut waren."
Dank dieser besonderen Beziehung zum Thema und ihrer Beharrlichkeit und Entschlossenheit wurde Sams Wunsch schließlich erfüllt. „Robert musste mich anflehen, ihn endlich in Ruhe zu lassen und nicht weiter zu belästigen. Ich rannte Ecosse regelrecht die Tür ein, damit sie mir den Job geben. Irgendwann haben sie es einfach nicht länger ertragen und gaben mir grünes Licht.”
Die Suche nach Lennon
Der nächste und potenziell schwierigste Schritt war, den Darsteller für den jungen Lennon zu finden. Keine leichte Aufgabe, dachten die Produzenten. „Nina Gold, die Besetzungschefin, warf ihre Netze sehr weit aus", erklärt der Produzent Kevin Loader. „Bei diesem Prozess wird man vor die Entscheidung gestellt, ob man in der Hoffnung, dass er auch Schauspielen kann, einen Musiker sucht, der singt und Gitarre spielt oder einen Schauspieler sucht, von dem man hofft, dass er schnell lernt, Musik zu machen.”
Einer der Schauspieler war Aaron Johnson (FRONTALKNUTSCHEN, „Angus, Thongs and Perfect Snogging", 2008). Obwohl er keine musikalische Ausbildung hat, brachte er genau das richtige Aussehen und die Mischung aus Großspurigkeit und Charisma mit, die die Produzenten suchten.
Kevin erinnert sich an den Moment, in dem ihnen klar wurde, dass sie den Richtigen gefunden hatten: „Ich fand es ganz unheimlich, wie sehr Aaron John Lennon ähnelt. Ich hatte ihn in FRONTALKNUTSCHEN von Gurinder Chadha gesehen und wusste, dass er gut aussieht, aber damals war mir nicht aufgefallen, wie sehr seine Gesichtzüge denen von Lennon gleichen. Er fand auch schon während des Vorsprechens ziemlich schnell zu dieser großspurigen Art, so dass mir sofort klar war, dass er unsere beste Wahl war.”
Es bedurfte noch einiger Rückfragen, bevor die endgültige Entscheidung für Aaron Johnson getroffen wurde, aber wie schon Kevin Loader war auch Taylor-Wood überzeugt, dass sie ihren John gefunden hatte.
„Ich hatte eine sehr genaue Vorstellung, wie die Person sein sollte. Als ich Aaron dann zum ersten Mal sah, wusste ich sofort, dass er der Richtige ist. Er strahlt die nötige Sensibilität aus und hat das passende Aussehen für die Rolle. Obwohl ich mich schon relativ früh entschieden hatte, haben wir bestimmt noch hundert andere Bewerber angesehen und alles getan, um sicherzustellen, dass die Auswahlkriterien aller Beteiligten Berücksichtigung fanden, aber ich wusste in der Sekunde, als ich Aaron zum ersten Mal sah, dass er es sein sollte.”
Aaron erinnert sich nur zu gut an den Tag, allerdings war er nicht ganz so überzeugt, dass er der war, den sie suchten. „Ich drehte zu dem Zeitpunkt gerade KICK-ASS („Kick-Ass“, 2010), für den ich mir einen amerikanischen Slang antrainiert hatte. In den Mittagspausen sah ich mir Filmmaterial über John Lennon an, um ein Gefühl für seinen britischen Dialekt zu bekommen. Ich wechselte also ständig zwischen Amerika und Liverpool, was ziemlich verwirrend war. Ich war höllisch nervös und stotterte ziemlich, aber ich erinnerte mich an einen Satz, den Lennon in einem Interview gebracht hatte. Ich wiederholte ihn immer wieder im Stillen, aber auch laut. Sie müssen mich für völlig bekloppt gehalten haben. Ich habe die ganze Zeit nicht aufgesehen und mich nur auf diesen Satz, die Aussprache und seine Stimmlage konzentriert. Es muss ausgesehen haben, als ob ich mit mir selbst reden würde! Also hab ich das Ganze ad acta gelegt, bis ich plötzlich den Anruf bekam und mir die Rolle angeboten wurde.”
Obwohl Lennons Schatten schwer auf ihm lastete und sehr einschüchternd war, stellte Johnson sich rückhaltlos der Herausforderung. „Es beschäftigte mich anfangs sehr, weil ich einfach keinen Fehler machen wollte. Ich dachte immer nur: ‚Du darfst echt keinen Mist bauen„. Ich wollte ihm gerecht werden und mein Bestes geben und dabei nicht überlegen, was andere darüber denken könnten. Jeder hat seine Meinung zu Lennon und möglicherweise stimmt die Vorstellung, die sich die Leute von ihm machen, nicht mit dem überein, was ich daraus gemacht habe. Das ist in Ordnung. Ich habe mich von meinem Gefühl leiten lassen und mit Hilfe aller Beteiligten an der Rolle gearbeitet. Wir waren ein Team, das total gut zusammen gearbeitet hat, um das beste Ergebnis zu erzielen.”
Produzent Robert Bernstein spricht voller Bewunderung über Johnsons Herangehensweise an die Rolle: „Es muss schon sehr einschüchternd für ihn gewesen sein. Er hatte einen Sprachtrainer und musste singen und Gitarre spielen lernen. Sein Einsatz war fantastisch. Er hat sich total eingebracht, was er, um ehrlich zu sein, auch musste. Wenn man John Lennon spielt, kann man sich nicht verstecken, man muss sich den Fragen und eingehenden Prüfungen stellen. Ich finde, er hat es wunderbar gemacht, und selbst Yoko Ono, der wir den Film gezeigt haben, gefiel seine Darstellung. Das war eine sehr wichtige Bestätigung für alle.”
John Lennons Kindheit wurde maßgeblich von zwei Frauen bestimmt. Bei seiner Tante Mimi lebte John ungefähr seit seinem fünften Lebensjahr. Sie hielt ihn dazu an, gut in der Schule zu sein und wollte einen netten, gutbürgerlichen Jungen aus ihm machen. An seine Mutter Julia hatte John, als er klein war, nur schemenhafte Erinnerungen. Erst mit 15 Jahren erfuhr er, dass sie all die Jahre nur wenige Minuten von ihm entfernt gelebt hatte. Wesentlich wichtiger war jedoch, dass Julia die Frau war, die ihm mit dem Rock „n? Roll bekannt machte und ihm das Gitarrespielen beibrachte und so sein bis dahin unentdecktes Talent für Texte und Musik förderte.
Und so war für die Produzenten und Taylor-Wood – nach der Besetzung von John – die nächste wichtige Aufgabe, die Frauen zu finden, die Tante Mimi und Johns Mutter Julia spielen sollten. Die Frauen, die Lennon zu dem machten, den später alle Welt kennen und lieben würde.
Auch Anne-Marie Duff, die für Julia vorsprach, wollte die Rolle unbedingt haben. „Ich hatte bisher nichts Vergleichbares gelesen und wollte die Rolle unbedingt spielen. Ich hatte dasselbe Gefühl wie am Anfang meiner Karriere, als ich zum ersten Mal vorsprach und immer nur dachte: ‚Bitte gebt mir diesen Job„. Ich traf mich mit Sam, und es gab ein richtiges Vorsprechen und danach wartete und wartete ich mit angehaltenem Atem. Mir gefiel nicht nur das Skript, ich mochte auch Julia so gerne. Das Interessante an ihr ist, dass sie sich auf einem so schmalen Grat bewegt und dass sie auf eine gefährliche Art attraktiv ist. Sie geht immer zu weit, aber eigentlich ist sie ein guter Mensch. Das war mir schon beim ersten Lesen klar. Die anderen Schauspielerinnen, die für Julia vorsprachen, fühlten wahrscheinlich genauso.”
„Anne-Marie gab alles, um Julia spielen zu können”, erzählt Taylor-Wood. „Sie hat ihre komplizierte Struktur auf den Punkt gebracht, ohne dabei zu weit zu gehen. So, wie ich Julia sehe und was ich über sie gelesen habe, wurde sie von ihren Zeitgenossen einfach nicht verstanden. Wenn sie heute leben würde, wäre sie wahrscheinlich meine Freundin. Sie war unkonventionell, liebte Rock 'n' Roll und alles, was Spaß machte und ein bisschen verrückt war. Es war in der damaligen Zeit für sie schwer, so zu leben, wie sie wollte. Ich denke, dass ihr Umfeld ihre Kreativität unterdrückte und sie sie deshalb an John weitergab. Ich finde, Anne-Marie verkörpert sie perfekt.”
Kristin Scott Thomas war im Gegensatz zum Rest der Crew und der Schauspieler kein Beatles-Fan, bevor sie die Rolle von Johns Tante Mimi annahm.
„Die Beatles haben mich nie so richtig interessiert, was angesichts ihres großen Einflusses auf die Popmusik sicherlich ein bisschen dumm ist. Doch dann sah ich den Dokumentarfilm THE U.S. VS. JOHN LENNON (2006) und fing an, mich wirklich für ihn zu interessieren, und dann kam dieser Film – es war also ein perfektes Timing.”
Dank ihres frisch geweckten Interesses am älteren Lennon war die Geschichte von Greenhalghs Drehbuch, wie aus dem Jungen der Mann wurde, für sie ebenso faszinierend.
„Ich fand es eine tolle Idee und eine fantastische Geschichte. Danach habe ich auch seine Biografie gelesen und einen Blick in andere Bücher geworfen. Ich war total von seiner rebellischen Seite begeistert und dass er aus einer sehr ungewöhnlichen Familie stammte, die ganz gewöhnlich sein wollte und dass dann ein so außergewöhnlicher Mann aus ihm wurde – das war alles sehr interessant.”
Scott Thomas fand auch die Beziehung der beiden Schwestern spannend ebenso wie den tiefgreifenden Einfluss, den ihr Verhältnis auf den jungen John hatte. Ein Verhältnis, das manche als Liebesdreieck beschreiben würden.
„Mimi war die ältere Schwester und hatte eine sehr klare Vorstellung vom Leben. Sie hat Julia immer beschützt, aber sie wusste einfach nicht, was sie mit ihr anfangen sollte. Aus ihrer Sicht war Julia völlig außer Kontrolle geraten. Mimi hat ihren Lebensstil nie gebilligt, und John war zwischen beiden hin- und hergerissen.”
Trotz Mimis Härte und Entschlossenheit war es für Kristin wichtig, dass Johns Tante nicht zu harsch dargestellt wurde.
„Ich machte mir Sorgen, dass sie als kühle, gemeine und bösartige Hexe dargestellt würde. Ich habe mit Sam darüber gesprochen, weil ich das deutliche Gefühl hatte, dass zwischen beiden auch eine große Zuneigung bestand. Ich hatte gelesen, dass John Lennon und seine Tante immer in Kontakt standen und sie bis zu seinem Tod regelmäßig einmal in der Woche miteinander telefoniert haben und sich gegenseitig Tonbänder schickten. Er schenkte Mimi ein Tonbandgerät, damit sie Botschaften für ihn aufnehmen konnte, und er machte es genauso, damit sie von ihm hörte. Er hat auch immer versucht, sie zum Umzug nach Amerika zu bewegen, aber das wollte sie nicht. Dadurch wurde mir klar, dass sie eine sehr liebevolle Beziehung gehabt haben müssen.”
Anne-Marie Duff erklärt, dass die Beziehung zwischen den dreien zwar außergewöhnlich ist, aber dass sich die meisten Menschen, die auch Familie haben, auf die eine oder andere Weise trotzdem damit identifizieren können. „Die Beziehung zwischen den dreien ist herrlich kompliziert, genauso wie sie in jeder anderen Familie total verzwickt sein kann. Wir alle kennen schwierige Beziehungen. Mimi ist überzeugt, das Richtige zu tun. Damals wurde auch noch ganz anders darüber gedacht, wenn man einfach jemandem die Kinder wegnahm. Julia lebte in ihrem Haus in wilder Ehe. Heutzutage ist das nichts Besonderes, es ist kein Verbrechen, aber in den 1950er Jahren war es unmöglich. Deshalb sollte man Mimi nicht allzu hart beurteilen, denn sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck. John liebte Mimi von ganzem Herzen und das beweist doch, was für eine wichtige Rolle sie in seinem Leben spielte und dass sie wie eine Mutter für ihn war. Er nannte sie nur nicht so und das war bestimmt hart – er hatte zwei Mütter und liebte sie gleichermaßen, aber wahrscheinlich auf ganz unterschiedliche und wechselhafte Weise.”
Für Sam und den Produzenten Kevin Loader waren die Rollen von Mimi und Julia von zentraler Bedeutung für den Film. „In gewisser Weise sind die beiden Frauenrollen der Kern des Films", erklärt Loader, „deshalb war es sehr wichtig, sie richtig zu besetzen. Bei Anne-Marie wussten wir eigentlich schon die ganze Zeit, dass nur sie die Rolle spielen sollte, weil sie so eine brillante Schauspielerin ist. Es war fantastisch, sie dabei zu haben. Man kann sich beim Lesen des Drehbuchs keine Vorstellung davon machen, welches Maß an Genauigkeit, Hingabe und Schauspielkunst sie mitbringt. Ich glaube, wir haben uns danach tatsächlich keine weiteren Schauspielerinnen mehr angesehen. Wir fanden es sehr spannend, dass Kristin die Rolle von Tante Mimi übernommen hat, weil sie sich ein bisschen von ihren bisherigen Rollen unterscheidet – hier spielt sie eine Engländerin Mitte der 50er Jahre und aus einer anderen sozialen Schicht, als wir von ihr gewohnt sind, und ich denke, das machte es auch für sie interessant. Außerdem hatte sie bisher noch nie die Elternrolle für einen schwierigen Teenager übernehmen müssen. Ich bin sehr dankbar, dass Kristin für die Rolle vorsprach. Sie hat schon damals gewusst, dass mehr in der Rolle steckt, als viele andere darin gesehen hätten, und hat dieses Wissen in ihre Darstellung eingebracht. Ganz abgesehen davon, macht es sehr viel Spaß, mit ihr zu arbeiten, und es ist wundervoll, sie um sich zu haben. Sie beflügelt alle, und jeder versucht, für sie das Beste zu geben – was großartig ist.”
Ergänzt werden die beiden starken Frauen in Johns Leben durch die Männer, mit denen sie zusammenlebten: Julias Lebensgefährte Bobby Dykins und Mimis Ehemann George Smith. Obwohl sie relativ kleine Rollen spielen, waren sie auf unterschiedliche Art ein wichtiger Teil von Johns Jugend.
David Morrissey, Star der Trilogie RED RIDING („Red Riding“, 2009) und zahlreicher anderer TV-Dramen und Filme, denkt, dass anfangs John Bobby als Bedrohung empfunden hat. Tatsächlich ging es zwischen beiden aber darum, dass Bobby Vorbehalte gegen das Aufleben der Beziehung zwischen John und seiner Mutter hatte, weil er sich Sorgen um den potenziellen Schaden für beide machte.
Da Morrissey in Liverpool ausgewachsen ist, war ihm die Geschichte der Beatles sehr vertraut: „Als junger Mann durch die Straßen von Liverpool zu gehen, ist besonders, weil es dieselben Straßen sind, durch die auch schon die Beatles gegangen sind. Ich kannte ihre Geschichte sehr gut und konnte gleich wieder in sie eintauchen. Ich glaube, dass die Zeit, in der der Film spielt, sehr formende Jahre waren und dass das Schicksal, das ihm widerfährt, ihn zu dem Lennon machte, den wir kennen. Ich finde es fantastisch, sich auf diese Periode zu konzentrieren, und es ist ein wunderbares Drehbuch dabei entstanden.”
David Threlfall spielt Mimis Ehemann und Johns Onkel, George Smith, den John sehr liebte. Durch Georges plötzlichen Tod nach einem Herzinfarkt war der Teenager am Boden zerstört. Aber George hinterließ auch ein wichtiges Erbe: Er kaufte John seine erste Mundharmonika und förderte seine Liebe zur Musik.
„Diese beiden Figuren sind für die Geschichte absolut wesentlich”, erklärt Sam, „weil es um einen Mann geht, dessen Tod Johns Lebensweg erst ermöglichte und einen anderen Mann, der fast zum Hindernis auf diesem Weg wurde. Es war wichtig, dass ein so hervorragender Schauspieler wie David Threlfall die Rolle von Onkel George spielt, weil sein Tod der Auslöser für Johns Suche nach seiner Mutter ist. Onkel George bedeutete Wärme und Herzlichkeit für John, und deshalb war es wichtig, dass man seinen Humor und seine Liebe für John und was sein Verlust bedeutet, nachempfinden kann, um John bei seinem nächsten Schritt zu begleiten. Und dann ist da noch Bobby, charismatisch, sexy und brutal – Eigenschaften, die David Morrissey in seiner Darstellung wunderbar einfängt. Zwischen ihm und John besteht fast eine Art Rivalität und Eifersucht in Bezug auf Julias Liebe.”
Die Besetzung der „Quarrymen“
Die richtigen Darsteller für „The Quarrymen" zu finden, war ein schwieriger Prozess, denn es ging, wie Sam Taylor Wood erläutert, nicht darum, Doppelgänger zu finden, sondern vielmehr Jungs zu finden, die das Wesen der Band verkörpern konnten.
McCartney wird von dem 17-jährigen Thomas Brodie Sangster (TATSÄCHLICH… LIEBE, „Love Actually", 2003) gespielt. Obwohl er ursprünglich für die Lennon-Rolle vorsprach, hatte er schließlich doch das Gefühl, dass ihn mit dem jungen McCartney mehr verbindet. „Ich sehe Lennon wirklich nicht sehr ähnlich, die Nase und das ganze Gesicht stimmen einfach nicht. Sie baten mich dann noch einmal zu kommen, um zusammen mit Aaron für die Rolle von Paul vorzusprechen. Wir gingen einige Szenen durch und dann bekam ich die Zusage. Erst danach wurde mir klar, dass ich jemanden spielen würde, der, seit er 15 Jahre alt ist, in der Öffentlichkeit steht und den alle Welt sehr gut kennt. Es schränkt einen unheimlich ein, weil man sich die Rolle nicht einfach zu eigen machen kann. Man kann nicht irgendeinen Liverpooler Dialekt sprechen, man muss Paul McCartneys Liverpooler Dialekt treffen, und auch die Augen, den Mund und die Augenbrauen etc. wie er bewegen. Es war total anders als alles, was ich vorher gemacht hatte, so dass ich anfangs ziemliche Angst hatte. Aber nachdem ich einmal drin war, lief es großartig.”
Vervollständigt wurden die zukünftigen Beatles durch Sam Bell, der zum ersten Mal vor der Kamera steht und der begeistert war, den jungen George Harrison zu spielen, obwohl er ursprünglich für die Rolle von Paul McCartney vorgesprochen hatte.
„Von ihm gibt es aus dieser Zeit keine Filme, deshalb konnte ich mich nur an Fotos orientieren. Im Drehbuch ist er 15 Jahre alt. Ich musste also jünger aussehen und höher sprechen. Ich war ganz verrückt nach George Harrison und habe mir alles Material über ihn besorgt und genau studiert, wie er Gitarre spielt und so weiter. Es war großartig und fiel mir sehr leicht, weil ich ihn von den Beatles am meisten mag.”
Eine weitere wichtige Rolle spielte John Lennons bester Freund während der Schulzeit und danach, Pete Shotton, der von dem Newcomer Josh Bolt gespielt wird. Der in Liverpool geborene Josh hatte den Vorteil, dass sein Dialekt echt war und er mit der Geschichte und der Kultur der Beatles groß geworden ist, aber leider gibt er nur sehr wenige Informationen über Shotton.
„Ich habe versucht, im Internet mehr über ihn herauszufinden, da ich wusste, dass er ein Buch geschrieben hatte. Ich fand auch einiges heraus, musste aber auch feststellen, dass er seine Privatsphäre sehr schützt. Leider konnte ich nicht mit ihm persönlich sprechen, würde mich aber sehr freuen, ihn irgendwann einmal zu treffen. Er war die rechte Hand von John; alles, was John machte, wurde von Pete kopiert, weil John der Coolere war. Jedenfalls habe ich mir ihre Beziehung so vorgestellt; sie hatten sogar eine eigene Sprache. Sie waren sich sehr nah, und selbst als John zu den ganz Großen gehörte, blieben sie weiter Freunde – bis zu seinem Tod.”
Taylor-Wood war von der Besetzung der Rollen begeistert. „Wir mussten eine sehr schwierige Entscheidung treffen. Wir wollten nicht mit Doppelgängern arbeiten, weil es uns wichtiger war, dass jemand das Wesen von Lennon, McCartney und den anderen zum Ausdruck bringen kann und ganz in ihre Welt eintaucht. Ich bin sehr glücklich mit den Darstellern, die wir gefunden haben, sie haben eine beeindruckende Leistung erbracht. Wir hatten Schauspieler, die keine Musiker sind, und Musiker, die keine Schauspieler sind, was eine ganz schöne Herausforderung war, aber auch eine ganz wunderbare Aufgabe. Ich habe sehr gerne mit allen zusammengearbeitet. Einige sind unglaublich talentiert und werden es nach diesem Film noch weit bringen, und es ist großartig, dabei gewesen zu sein.”
Da einige der Jungs aus der Band schon Musikinstrumente spielten, mussten vor allem ihre Schauspielkünste verbessert werden. Für Aaron war allerdings die große Herausforderung, dass er sowohl Singen als auch Gitarrespielen lernen musste. Schon Wochen vor Drehbeginn fing er an zu üben. „Ungefähr einen Monat, bevor ich mit den Jungs im Studio arbeiten sollte, nahm ich Unterricht bei unserem Musiklehrer Ben Parker. Als ich schließlich zu ihnen stieß, zeichneten die anderen Jungs gerade die Songs auf, die die Quarrymen auf ihren Originalinstrumenten – einem Besenstiel-Bass, einem Waschbrett etc. – gespielt hatten. Ich war vor meinem ersten Studioauftritt sehr aufgeregt, weil die anderen richtige Musiker waren und ich ganz offensichtlich keiner. Aber Ben hat mir ganz fantastisch geholfen und mein Selbstvertrauen gestärkt – in dieser Beziehung hat er sich sehr gut um mich gekümmert. Während dieser ersten Studio-Session machten mich die anderen ein bisschen nervös, weil ich zum ersten Mal vor Fremden singen und Gitarre spielen musste. Mir war aber auch klar, dass zu diesem Zeitpunkt meine Vorbereitung erst halb abgeschlossen war und wir uns noch mitten in dem Prozess befanden. Es war wichtig, das Eis zu brechen und einfach loszulegen.”
Johnson wurde ein echter Fan der Musik aus jener Zeit. „Die Musik ist super, Elvis und Buddy Holly, Wanda Jackson – ich höre mir die Songs total gerne an und tanze dazu. Der Rock-„n?-Roll-Rhythmus ist toll und macht mir riesigen Spaß. Ein bisschen vermisse ich es sogar, weil es mir echt Spaß gemacht hat, mit der Band rumzualbern, im Studio zu chillen, mich an den Instrumenten auszuprobieren und viel zu lachen und zu singen.”
Die Dreharbeiten zum Film – das Produktionsdesign
Als Erstes engagierte Sam den erfahrenen Kameramann Seamus McGarvey (ABBITTE, „Atonement", 2007), der mit ihr schon seit über einem Jahrzehnt an verschiedenen Projekten, darunter auch LOVE YOU MORE, zusammengearbeitet hatte.
„Ich arbeite mit Sam seit ungefähr zwölf Jahren zusammen, und sie wollte die ganze Zeit schon einen Spielfilm realisieren. Während ich mit Anthony Minghella, dem sie sehr nahe stand, in Botswana THE NO. 1 LADIES DETECTIVE AGENCY (2008) drehte, gab es mehrere Gespräche über ein anderes Spielfilmprojekt, das Sam machen wollte. Aber Anthony war der Auffassung, dass Sam erstmal einen Kurzfilm drehen sollte, bevor sie sich an einen abendfüllenden Spielfilm wagt. Vor allem, weil sie dadurch die filmische Erzählform besser kennenlernen konnte und es bei der Finanzierung des langen Films helfen würde. Also drehten wir LOVE YOU MORE, was eine tolle Erfahrung war, und ich denke, es war der perfekte Film, um die Möglichkeiten des Mediums auszuloten. Ich mochte den Kurzfilm sehr, und danach folgte auch ziemlich schnell schon NOWHERE BOY.”
Obwohl er eigentlich schon für einen anderen Film vorgesehen war, hatte das Schicksal ein Einsehen, und so stand McGarvey dann doch zur Verfügung. Sam erzählt: „Es war ein Geschenk des Himmels, dass ich Seamus ins Team holen konnte, weil er eigentlich schon bei einem anderen Film zugesagt hatte, aber ich habe ihm so ein schlechtes Gewissen gemacht, dass er schließlich zusagte! Es war wie bei Robert (Bernstein), ich rief Seamus immer wieder an und sagte ihm: ‚Du musst den Film machen, es ist mein erster Film und du liebst John Lennon. Du kannst es einfach nicht nicht machen!„"
McGarvey erzählt, dass sie dank ihrer jahrelangen Zusammenarbeit fast schon auf telepathische Weise kommunizierten. „Unsere Art zu arbeiten ist schon ganz besonders. Sam hat es gerne sehr ruhig am Set, und deshalb kommunizieren wir mit Klicklauten – wie die Delfine – es war fast schon Gedankenübertragung. Ich weiß welche Bilder und welches Licht sie bevorzugt. Wir haben im Vorfeld viel vorbereitet, und sobald sie sah, dass wir etwas eingerichtet haben, das ihr nicht gefiel, gab sie mir sofort Bescheid. Es ist toll, dass wir fast wortlos zusammenarbeiten können. An den meisten Tagen fuhren wir gemeinsam im Auto zur Arbeit und zurück. Es war klasse, dass wir – während wir im Stau standen – die Möglichkeit hatten, das Drehbuch durchzugehen und den Drehplan für den nächsten Tag zu besprechen. Am Ende des Arbeitstages ganz entspannt und offen für alles die Arbeit des nächsten Tages vorzubereiten, ist wirklich eine angenehme Art zu arbeiten.”
Ebenso reibungslos wie die Zusammenarbeit auf praktischer Ebene war auch die kreative: Beide hatten sehr genaue Vorstellungen, wie der Film aussehen sollte. Und zwar nicht, wie Seamus erklärt, der schmutzig-graue Doku-Drama-Stil, den einige Leute bei einem Film im Nachkriegs-Liverpool erwarten würden: „Wir wollten den Film auf keinen Fall im Stil der britischen Sozialdramen der 50er und 60er Jahre drehen, nur weil er im Nachkriegs-Liverpool in den 50er-Jahren während der wirtschaftlich schwierigen Phase spielt. Der Film sollte trotzdem einen ganz eigenen Zauber haben. John besaß diese unglaubliche Energie, und um seinen Start ins Leben zu zeigen, wollten wir visuell etwas heraufbeschwören, das auch ein bisschen sexy ist, und mit dieser Idee haben wir bei der Gestaltung des Films gespielt.”
Den Produzenten und auch Sam war es sehr wichtig, so viel wie möglich in Liverpool zu drehen, wobei das größte Problem war, dass sich die Stadt in den letzten 50 Jahren sehr verändert hat. Für den Produzenten Kevin Loader war die größte Schwierigkeit, Liverpool so zu zeigen, wie es in den späten 50er Jahren ausgesehen haben musste. Er erklärt das Problem: „Selbst vom Royal Liver Building ist es mittlerweile fast unmöglich, Aufnahmen zu machen, weil es so eng von schönen neuen Hochglanz-Gebäuden umgeben ist, die sich teilweise sogar noch im Bau befinden. Die Gegend um Woolton, wo John aufwuchs, ist dagegen fast unverändert und gehört zu den sehr grünen Vororten von Liverpool – so konnten wir zumindest die Kindheits-Szenen in Allerton und Woolton drehen.”
„Die andere tolle Sache an Liverpool ist, dass die meisten Menschen mit der Geschichte der Beatles sehr vertraut sind – was sowohl gut als auch schlecht ist. Manchmal hatten wir das Gefühl, als ob wir einen Film über die Frühkirche drehen würden – je nachdem, mit wem man gerade sprach, erhielten wir die Wahrheit nach St. John oder St. Mark, weil jeder in Liverpool einen Cousin hat, der mit John oder Paul befreundet war oder ein Tantchen, das mit einem von den beiden ausgegangen ist oder mit ihnen zur Schule ging oder was auch immer. Weil später aus ihnen die Beatles wurden, entwickelte sich Liverpool zum Wallfahrtsort für Menschen aus aller Welt, und deshalb musste auch der Film seine Wallfahrt dorthin machen.”
Auch Kostümdesigner Julian Day (CONTROL) wollte das Gefühl von Spaß und Lebendigkeit vom Liverpool der 50er Jahre einfangen und nicht den trüben, altmodischen Look aufgreifen, den die Kostüme in vielen historischen Stücken haben. Seine Vorstellung passte perfekt zum Produktionsdesign. „Ich habe das Drehbuch gelesen und recherchiert, hauptsächlich natürlich über die 50er-Jahre-Mode, aber auch über Lennon und ‚The Quarrymen„ und schränkte meine Suche dann auf Liverpool in den 50er Jahren ein. Gedeckte Farben sind völlig in Ordnung, aber dies ist ein Film über Rock ?n' Roll und Sinnlichkeit. Es ist ein lustiges und aufregendes Drama, und ich wollte nicht, das die Kleidung wie vom Regen durchweicht und trostlos aussieht, so wie die 1950er manchmal in Filmen dargestellt werden."
Er hatte auch sehr genaue Vorstellungen, wie Mimi und Julia aussehen sollten und wie ihre Kleider ihr unterschiedliches Wesen widerspiegeln sollten. „Wir haben uns während der Vorbereitung sehr ausführlich mit Sam und Seamus unterhalten und haben entschieden, dass Mimis Farben blau, grün, grau und braun sein sollten. Ihre Kleidung steht für die 40er Jahre, die auf dem Weg in die 50er sind und Julias entsprechen mehr den 50er Jahren, die auf dem Sprung in die 60er sind. Sie trägt viele Farben, vor allem verschiedene Rot-Töne. Uns gefiel auch die Idee, dass John zu Hause eher 40er-Jahre-Klamotten in blau, grau und grün trägt, die schon ein bisschen von den 50ern beeinflusst sind. Und die Idee, dass durch die Begegnung mit seiner Mutter nicht nur sein musikalischer Geschmack, sondern auch sein Gefühl für Kleidung beeinflusst wird, was man in einer Veränderung der Farben und der Farbtöne seiner Kleidung vom ersten Treffen mit seiner Mutter an bis zum Ende des Films beobachten kann.”
Für den Schnitt entschied sich Sam für einen weiteren Schützling von Anthony Minghella: Lisa Gunning, die auch schon Sams Kurzfilm LOVE YOU MORE geschnitten hatte. Lisa erzählt, dass Minghella sie sehr beeinflusst habe. „Anthony hat mich in allen Lebensbereichen beraten. Und er hat mir unglaublich viel über Film beigebracht, wie man Dinge sieht und erlebt. Er hat mir klar gemacht, dass man eigentlich alles im Schneideraum nach seinen Wünschen manipulieren kann, man muss nur offen dafür sein. Er hatte ein unglaubliches Talent, einen Film zu gestalten und den Entstehungsprozess zu kontrollieren. Ich habe alles von ihm gelernt.”
Ihr gegenseitiges Vertrauen und ihre Liebe zu ihrem gemeinsamen Freund Minghella war für Lisa auch der Grund, warum zwischen ihr und Sam während des Schnitts eine besondere Beziehung entstand: „Sam ist unglaublich großzügig und vermittelt einem auf wunderbare Art das Gefühl, frei zu sein. Und sie ist sehr offen für Vorschläge, vorausgesetzt, sie entsprechen ihrer Vision für den Film. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass ich mich richtig reinstürzen konnte, dass ich etwas wagen und sehr rigoros mit dem Material umgehen konnte, um ihr dann das Ergebnis zu präsentieren. Ein bisschen Gedankenübertragung gehört natürlich auch dazu. Wir haben einen extrem ähnlichen Geschmack. Sie hat mir und der Tatsache vertraut, dass wir aus dem Bauch heraus ganz ähnlicher Auffassung waren, wie mit dem Material umgegangen werden sollte.”
Für Taylor-Wood gab es nach der Fertigstellung des Films keine Frage, wem er gewidmet werden sollte. „Ohne besonders verrückt klingen zu wollen, hatten Lisa und ich ganz oft das Gefühl, dass wir in gewisser Weise Anthonys Anwesenheit im Film spüren können. Ich glaube, es liegt daran, dass er sehr glücklich über unsere Zusammenarbeit gewesen wäre, und er wäre auch froh über das Gefühl, immer noch ein Teil davon zu sein. Ich bin fest entschlossen, ihm diesen Film zu widmen.”
Auf die unausweichliche Frage, was denn Beatles-Fans von dem Film halten werden, antwortet Kevin Loader: „John-Lennon-Fans werden automatisch an dem Film interessiert sein. Und selbst wenn man kein Lennon-Fan ist, ist er aus meiner Sicht ebenso interessant, weil es um Schwierigkeiten geht, die sehr menschlich sind. Außerdem ist die Konstellation sehr interessant – ein Junge zwischen zwei Frauen. Es geht um die Ansprüche, die an ihn gestellt werden und was jeder vom anderen erwartet und um den emotionalen Ballast, der damit verbunden ist. Daraus entsteht eine sehr fesselnde Geschichte, ganz unabhängig davon, ob der Junge nun John Lennon ist oder nicht. Aber die Tatsache, dass der Junge tatsächlich Lennon ist, macht das Ganze nur noch interessanter, weil wir wissen, was er später gemacht hat und was aus ihm wurde. Im Gegensatz zu einem reinen Musiker-Porträt versucht der Film, nicht einfach die Karriere nachzuzeichnen. Der Film versucht eher, einen sehr lebendigen Einblick davon zu geben, wie das emotionale Rückgrat des Jungen geformt wurde, der John Lennon werden sollte.”
Tessa Ross, die Chefin von Film4, ist überzeugt, dass Sam Taylor-Wood eine lange und erfolgreiche Karriere als Filmregisseurin vor sich hat, und als Kollegin und Freundin des verstorbenen Anthony Minghella ist sie sich außerdem sicher, dass er unglaublich stolz auf ihre Leistung gewesen wäre. „Ich denke, dass er der Meinung wäre, dass Sam die richtigen Fragen gestellt hat und die richtigen Wege gegangen ist. Er war ihr sehr zugetan und fand sie wundervoll. Es ist wirklich schade, dass wir diesen Weg ohne ihn gehen mussten, aber wenn ich in die Zukunft sehe, bin ich überzeugt, dass sie alles erreichen kann, was sie will. Sie hat die Kraft, die Weitsicht und den Ehrgeiz, aber ganz besonders auch die Neugierde, alles zu erreichen.”
Seamus McGarvey, der seit über zwölf Jahren ein Freund und Kollege ist, bewundert Taylor-Wood sehr: „In all den Jahren, die ich Sam nun schon kenne, hatte sie immer diesen Schwung und diese Energie. Sie blickt immer nach vorne und besitzt eine unglaubliche künstlerische Power, bei der ich das Gefühl habe, dass sie sie schon immer hatte. Vielleicht wurde sie durch den Kampf gegen ihre Krebserkrankung vor einigen Jahren beeinträchtigt, aber ich habe bei unserer Zusammenarbeit festgestellt, dass sie eine unglaubliche kreative Energie freisetzen kann. Sie packt die Sachen an und man spürt regelrecht, wie sie sich ins Zeug legt. Ihre Power überträgt sich auf andere Menschen. Es ist fantastisch, das zu beobachten.”
Die Fertigstellung ihres ersten Spielfilms bedeutet für Sam ein großes Erfolgserlebnis. „Ich bin so stolz, dass wir es zusammen geschafft haben, diesen Film zu machen. Es war ein unglaubliches Gemeinschaftserlebnis. Ich habe das Gefühl, dass wir genau den Film gemacht haben, den ich mir vorgestellt hatte, und im Moment gibt es nichts, was ich ändern würde. Er fühlt sich genau richtig an, und ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.”

