Geliebtes Leben Trailer - Life, Above All
FSK Film: 12 | FSK Trailer: 6 | Länge: 105 Min | Kinostart: 09.11.2011
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Schauspieler:Khomotso Manyaka, Lerato Mvelase, Harriet Manamela, Keaobaka Manyane, Aubrey Poolo
Die Story:Die 12-jährige Chanda wächst in einfachen, aber liebevollen Verhältnissen im ländlichen Township Elandsdoorn in der südafrikanischen Provinz auf. Sie ist eine gute Schülerin und blickt zuversichtlich auf ihr Leben und ihre Zukunft. Doch Chandas Welt verändert sich schlagartig, als ihre einjährige Schwester Sara stirbt und kurz darauf ihr Stiefvater Jonah verschwindet. Als auch noch ihre geliebte Mutter Lillian schwer erkrankt, ist Chanda völlig auf sich gestellt und muss die Verantwortung für ihre zwei jüngeren Geschwister übernehmen. Seltsame Dinge passieren: die einst so zuvorkommende Nachbarschaft meidet die Familie zunehmend, und nur die unangenehm neugierige Mrs. Tafa mischt sich mehr ein, als dem Mädchen lieb ist. Chanda ahnt, dass alles mit der Krankheit ihrer Mutter und dem Tod ihrer Schwester zu tun haben könnte, aber niemand spricht offen mit ihr. Tabus, Geheimnisse und Angst sind allgegenwärtig. Da entschließt sich Chanda gegen jede Regel, Fragen zu stellen und das Schweigen zu brechen...
Hintergrund:Was macht eine 12-Jährige, deren Lebensumstände sich über Nacht dramatisch verändern? In der bewegenden Adaption des internationalen Romanerfolgs Chanda's Secrets (unter dem deutschen Titel Worüber keiner spricht erschienen bei dtv) nimmt ein junges Mädchen im heutigen Südafrika beherzt den Kampf um den Zusammenhalt seiner Familie auf. Mit dieser außergewöhnlichen Heldin verlieh der kanadische Autor Allan Stratton einem gebeutelten Kontinent, in dem Millionen Kinder zu Aids-Waisen wurden, eine hoffnungsvolle, lebensbejahende Stimme. Jetzt hat diese Stimme auch ein Gesicht bekommen.
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Ausführliche Inhaltsbeschreibung:
Kleine Mädchen sollten Hausaufgaben machen oder mit Puppen spielen. Doch Chanda erledigt an diesem Tag einen Erwachsenenjob. Denn in der Nacht ist ihre Schwester Sara gestorben, und Chanda muss beim Bestatter einen Sarg aussuchen. Als die 12-Jährige von diesem schweren Gang heimkehrt, erfährt sie von ihrer trauernden Mutter Lilian, dass sämtliche Ersparnisse weg sind. Chanda ahnt, wer dahinter steckt, und macht sich auf die Suche nach ihrem Stiefvater Jonah, den sie in einer Kneipe findet. Ohne viel Federlesen nimmt Chanda ihm das Diebesgut wieder ab. Bei ihrer Nachbarin Mrs. Tafa, die ein Telefon besitzt, ruft sie schließlich die Familie ihrer Mutter an und teilt ihnen den Tod der kleinen Schwester mit. Unterdessen lamentiert Mrs. Tafa, das arme Kind sei an den Folgen einer Grippe gestorben – obwohl alle, sie und Chanda eingeschlossen, natürlich den wahren Grund kennen. Zurück in ihrem Zimmer, versteckt Chanda das wiederbeschaffte Geld in einer Schachtel, in der sie auch ein Foto ihres Vaters aufbewahrt, Lilians erstem Mann, der vor langer Zeit bei einem Arbeitsunfall starb.
Zu Saras Beerdigung reist als einziges Familienmitglied Chandas Tante Lizbet an. Sie und die restliche Verwandtschaft nehmen es Lilian immer noch übel, dass sie nicht den vorbestimmten Mann heiratete, sondern mit Chandas Vater durchbrannte. Auch an Chandas bester Freundin Esther lässt Lizbet kein gutes Haar: Die Göre sei kein geeigneter Umgang, weil sie nach dem Tod ihrer Eltern auf die schiefe Bahn geraten sei. In der Nacht randaliert Jonah betrunken vor dem Haus, doch Lilian lässt ihn nicht herein. Notgedrungen schläft er seinen Rausch im Hof aus und wirft seiner Frau am nächsten Morgen vor, sie habe Sarah so krank gemacht. Mit Ausflüchten konnte Lilian ihren Jüngsten Iris und Soly den Tod der kleinen Schwester bislang verheimlichen. Doch die Kinder spüren, dass etwas nicht stimmt, mutmaßen, dass Sara weggegeben wurde, und befürchten das gleiche Schicksal. Als ihre Mutter vorschlägt, dass sie ein paar Tage bei Jonahs Schwester verbringen sollen, sehen sie ihre schlimmsten Ahnungen bestätigt. Dabei möchte Lilian den beiden nur Kummer und Schmerz ersparen.
Während der Totenwache, die bis in die Nacht dauert, ziehen sich Chanda und Lilian von den Besuchern zurück, um mit ihrem Schmerz allein zu sein. Unterdessen spendet die Trauergemeinde traditionsgemäß für die Hinterbliebenen ein wenig Geld. Auf dem Friedhof gelobt Jonah am nächsten Tag Besserung und versöhnt sich mit Lilian, die ihrem Mann widerstrebend die Rückkehr gestattet. Unmittelbar nach der Beerdigung reist Lizbet ab, nicht ohne Lilian vorher an der Bushaltestelle mit der ungeheuren Behauptung zu verletzen, sie sei Schuld an Saras Tod. Als Chanda und Lilian nach Hause kommen, hat sich Jonah mit dem Geld von der Trauerfeier erneut aus dem Staub gemacht.
Drei Monate später ist es Sommer. Als Chanda die Kleidung, die Lilian genäht hat, ausliefert, trifft sie Jonahs Kneipenbekanntschaft Dudu, die Jonah seit Wochen nicht gesehen haben will. Ihrer Mutter gegenüber, die plötzlich über Schmerzen klagt, flunkert Chanda vor, Jonah sei nach Johannesburg gegangen. Das löst bei Lilian einen Wutanfall aus, sie rafft die Kleidung ihres Mannes zusammen und wirft sie auf die Straße.
Bei einem Besuch an Saras Grab beobachten Chanda, ihre Mutter und Mrs. Tafa, wie sich Esther um das Grab ihrer Eltern kümmert. Wieder verlangen die beiden Frauen, Chanda solle sich von ihrer Freundin fern halten. Mrs. Tafa behauptet sogar, Esther verkaufe sich und ihren Körper an Lastwagenfahrer. Chanda lässt sich aber nicht abhalten und fährt zu Esther. Als diese im Gesprächsverlauf nicht nur Lilians Magerkeit erwähnt, sondern auch Chandas häufige Abwesenheit in der Schule, geraten die Mädchen in Streit. Chanda behauptet, mit ihrer Mutter sei alles in Ordnung. In Wahrheit hat sie natürlich stark abgenommen, und dass sie mitten im Sommer ständig friert, ist auch nicht normal. Mrs. Tafa gelingt es, Lilian von der Notwendigkeit eines Arztbesuches zu überzeugen. In der Praxis des von der Gemeinde hoch angesehenen Mediziners nimmt Chanda seine gerahmten Diplome unter die Lupe und erkennt, dass sie Makulatur sind. Als sie den vermeintlichen Doktor auffliegen lassen will, erkauft er sich Chandas Schweigen, indem er Lilian Medikamente schenkt, die einen ganzen Monat reichen. Tatsächlich scheint es ihr bald besser zu gehen. Lange nicht mehr war die Stimmung im Haus so unbeschwert.
Nach einem sonntäglichen Gottesdienst sorgt Esther mit ihrer provokanten Kleidung für einen Eklat. Chanda rennt ihrer Freundin nach und entdeckt sie beim Treffpunkt der LKW-Fahrer. Dort trifft sie auf eine enttäuschte und wütende Esther, die ihr sagt, sie solle zu ihren Gläubigen verschwinden und sie in Ruhe das machen lassen, wovon sowieso alle überzeugt sind, dass sie es täte. Schließlich steigt sie zu einem Mann ins Führerhäuschen und fährt davon. Chanda bleibt entsetzt zurück. Nach dem Abendessen geht bricht Lilian unter starken Schmerzen zusammen. Sie klagt über die nutzlosen Medikamente, will aber auch nicht in die Klinik gehen, um den Nachbarn keinen Anlass zum Tratschen zu liefern. Chanda entdeckt an Lilians Bein zahlreiche Wunden, doch ihre Mutter wiegelt ab: Alles was sie brauche, sei ein bisschen Ruhe.
Der nächste Morgen bringt einen weiteren Schock: Jonahs Schwester Ruth und deren Freund fahren mit ihrem Auto vor Chandas Haus vor. Auf einem Holzanhänger ziehen sie Jonah hinter sich her und laden den sterbenskranken Mann wie einen Sack Kohle auf der Straße ab. Obwohl ihr Stiefvater nie besonders nett zu ihr war, sucht Chanda noch am selben Abend die überfüllte Klinik auf. Eine Krankenschwester erklärt ihr, dass Hausbesuche illusorisch seien. Obwohl Chanda zunächst flunkert, Jonah wäre auf der Straße zusammengeschlagen worden, hofft sie, die Schwester mit der Wahrheit umzustimmen. Sie will nicht mehr heucheln, will endlich laut aussprechen, dass ihr Stiefvater Aids hat und Hilfe braucht. Doch es gelingt ihr nicht, das Tabuwort auszusprechen. Panisch läuft das Mädchen davon.
Daheim erfährt Chanda, dass Jonah trotz seines elenden Zustands wieder einmal spurlos verschwunden ist. Im Wohnzimmer trifft sie auf eine Sangoma (Heilerin), die von Mrs. Tafa einbestellt worden ist. Dann beginnt ihr Ritual, in dessen Verlauf sie Lilian eine Faust in den Bauch rammt und ihrem Körper eine Schlange zu entreißen scheint: Chanda beobachtet die gespenstische Szene mit gemischten Gefühlen. Obwohl die Sangoma versichert, dass der Dämon nun vernichtet sei, muss Lilian dennoch zurück in ihr Heimatdorf. Dort wolle sie das Nötige tun, damit der schreckliche Fluch, der auf ihnen lastet, ein für alle Mal gebannt wird. Chanda fleht ihre Mutter an, zu bleiben, doch Lilian lässt sich nicht beirren und reist am nächsten Tag ab.
Nun ist Chanda endgültig auf sich allein gestellt. Und schon bald wird ihr alles zu viel: die Verantwortung für ihre Geschwister, der Haushalt, die Schule, Mrs. Tafas Genörgel, die Sorge um Esther, die schwer verletzt bei ihr Unterschlupf sucht, und nicht zuletzt die Ungewissheit über ihre Mutter, von der sie seit Wochen ohne Lebenszeichen ist. Doch Chanda lässt sich nicht unterkriegen. Nach einer kurzen Phase der Resignation nimmt sie mutig den Kampf um ihre Familie und ihre Zukunft auf...
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DIE ROMANVORLAGE
Wie so häufig beim Film, ist der Ursprung von GELIEBTES LEBEN einem Zufall zu verdanken, in jedem Fall aber der Tatsache, dass sich zwei bis dato Fremde zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufhielten. Im April 2005 folgte Produzent Oliver Stoltz einer Einladung des renommierten hotDOCS-Festivals in Toronto, um dort seinen Dokumentarfilm „Lost Children“ über Kindersoldaten in Nord-Uganda zu präsentieren. Der kanadische Schriftsteller Allan Stratton, der in Toronto lebt und ein begeisterter Filmfan ist, las davon in der Zeitung und kontaktierte Stoltz per E-Mail: Er schreibe gerade einen Roman über das Schicksal von Kindersoldaten in Afrika und sei an einem Treffen sehr interessiert. Stoltz und Stratton kamen noch während des Festivals zu einem ersten Informationsaustausch zusammen, „und danach haben wir immer mal wieder telefoniert“, erinnert sich Oliver Stoltz, „Ich glaube, ich habe ihm bei seinem Buch ganz gut helfen können, denn aufgrund von „Lost Children„ wusste ich natürlich eine Menge über das Thema. Irgendwann schickte Allan mir nicht nur einen Entwurf des Romans, sondern auch ein Exemplar von dessen Vorläufer ‚Chanda's Secrets„.“
In dem Buch, das 2004 in Nordamerika erschien (unter dem deutschen Titel „Worüber keiner spricht“ erhältlich bei dtv), sich in elf Ländern zu einem Longseller entwickelte und mehrfach ausgezeichnet wurde, erlebt die 16-jährige Chanda nicht nur, wie allgegenwärtig der Tod im südlichen Afrika ist, sondern dass es in ihrem nächsten Umfeld keiner wagt, offen über die Ursachen der vielen Todesfälle – nämlich Aids – zu sprechen. Und dabei sind es die Kinder, die unter den Folgen am meisten leiden. Ca. 800.000 Aidswaisen gibt es in Südafrika, die völlig auf sich allein gestellt sind und ohne staatliche oder sonstige Unterstützung leben. Ihnen ist auch der Film gewidmet, den Produzent Oliver Stoltz nach der Lektüre des Romans sofort vor Augen sah: „Chandas Secrets erzählt von Kindern, die viel zu früh Verantwortung übernehmen müssen und daher nie eine normale Kindheit erleben dürfen. Dies ist letztendlich ein universelles Thema, das Kinder auf der ganzen Welt betrifft.“ Weiterhin interessierte Oliver Stoltz die Idee, „eine Geschichte über den Umgang mit ‚offenen Geheimnissen zu erzählen. Geheimnisse hat letztlich jeder Mensch. Der eine trinkt, der andere betrügt und der nächste schämt sich arbeitslos zu sein. Es wird für sich behalten, aus Angst, von den Anderen zurückgewiesen zu werden. Doch wie wirkt so etwas auf Kinder, die diese Mechanik gerade erst zu verstehen lernen, und wie zersetzt es eine Gemeinschaft? Die Angst zum Außenseiter zu werden, zwingt alle zum Schweigen oder sogar zum Lügen. Bei Chanda ist es Aids, weswegen Menschen stigmatisiert werden. Das passiert nicht nur in Afrika, sondern ebenso in Deutschland.“ Als Oliver Stoltz Strattons Roman las, war er zu Tränen gerührt: „Der Roman ist so gut erzählt, dass er gerade als Film ein noch größeres Potential hat, ein breites Publikum anzusprechen. Denn GELIEBTES LEBEN ist eine zutiefst hoffnungsvolle Geschichte über die Macht von Freundschaft, Zusammenhalt und Loyalität.“
„Chandas Secrets habe ich geschrieben“, sagt Autor Allan Stratton, „um der Pandemie ein Gesicht zu geben. Ich wollte, dass der Leser darin ein allgemein zugängliches menschliches Drama entdeckt. Im besten Fall können Geschichten eine große Kraft entwickeln. Das gelingt freilich nicht, wenn man sie mit erhobenem Zeigefinger erzählt und ihre Botschaft mit dem Holzhammer präsentiert. Die Menschen und ihre Erlebnisse müssen im Mittelpunkt stehen. Gelingt es einem Autor so zu schreiben, dass der Leser sich emotional auf das Geschehen einlässt, wird dieser gleichsam zum besten Freund der Figuren und identifiziert sich ganz stark mit dem, was ihnen widerfährt.“
Bei Oliver Stoltz löste der Roman ähnliche Gedanken und Empfindungen aus. „Mich hat vor allem die Figur der Chanda beeindruckt“, sagt er. „Sie ist eine klassische Heldin, die sich gegen die Normen ihrer Umwelt auflehnt.“ Aids stand dabei für Stoltz weniger im Vordergrund, als vielmehr die im Buch beschriebenen Vorurteile, denen HIV-infizierte Menschen ausgesetzt sind, und die damit verbundene Ghettoisierung.
Für Stoltz weist das Buch eindeutig über das eng gefasste Thema Aids in Afrika hinaus. „Gleiches findet doch auch bei uns statt“, sagt er. „Die Vorurteile und Tabus hierzulande sind keine anderen als in Südafrika. Was mich vor allem an Strattons Buch begeisterte, war, dass es darin um Werte geht, hinter denen auch ich voll stehe, dass darin gezeigt wird, wie sich ein junges Mädchen für Außenseiter einsetzt, für die Familie, die Unterdrückten, die Gerechtigkeit. Und natürlich hat mich die Mutter-Tochter-Beziehung berührt und dass Allan Stratton deutlich macht, wie wichtig Familie gerade in Zeiten ist, in denen alles zerbröselt. Für mich ist das ein universelles Thema.“
DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE
Oliver Stoltz zögerte nicht lange. Schon nach kurzer Überlegung stand für ihn fest, dass er „Chandas Secrets“ verfilmen würde. Eine Entscheidung, die auch dadurch beeinflusst wurde, dass er selbst eine Weile im südlichen Afrika gelebt hat und seit längerem mit dem Gedanken spielte, einen dort angesiedelten Film zu produzieren. Nun hatte er nicht nur ein Thema gefunden, das ihn begeisterte. Er wusste auch sofort, mit welchem Regisseur er das Projekt angehen wollte: Oliver Schmitz. Speziell von dessen erstem Film „Mapantsula“ (1988), der – unter großem persönlichen Einsatz und trotz zahlreicher Verbote gedreht – das Leben der schwarzen Bevölkerung während der Apartheid beschreibt, war Stoltz „sehr angetan“. GELIEBTES LEBEN mit einem deutschen Regisseur ohne persönliche Verbindung zu Südafrika zu machen, wäre für ihn nicht in Frage gekommen. „Bei vielen Filmen, die dort gedreht werden, denke ich oft, da sind mal wieder ein paar Deutsche hingefahren und haben Afrika gespielt. Dabei werden leider nur hinlänglich bekannte Stereotypen reproduziert und alte Ängste aufgebaut. So kann man kein wirkliches Verhältnis zu Afrika entwickeln. Bei Oliver hingegen wusste ich: Der kann unterhaltsam drehen und gleichzeitig berühren, der will ein breiteres Publikum erreichen, und er wird nicht zulassen, dass man Afrika verhunzt.“
Seinen Wunschkandidaten kannte der Produzent schon seit längerem, denn Oliver Schmitz, als Sohn deutscher Eltern in Südafrika geboren und aufgewachsen, lebt seit rund zehn Jahren in Berlin. Seine Emigration nach Deutschland hatte in erster Linie berufliche Gründe: „In Südafrika dauerte mir das Warten zwischen zwei Projekten zu lang. Und ich war der Meinung, dass ich mehr arbeiten müsste.“ Die Folge seines Umzugs war, so Schmitz lächelnd weiter, dass er in den vergangenen acht Jahren „praktisch nonstop fürs Fernsehen“ drehte. Unter seinen Arbeiten finden sich gleichermaßen erfolgreiche und preisgekrönte Serien wie „Türkisch für Anfänger“ und „Doctor's Diary“. In dieser Zeit entstand allerdings auch der Wunsch, mal wieder in seiner Heimat zu drehen. Das hohe Arbeitspensum war letztlich daran schuld, dass Oliver Schmitz zunächst nicht dazu kam, sich näher mit Allan Strattons Roman zu beschäftigen – obwohl er Oliver Stoltz sein grundsätzliches Interesse an einer diesbezüglichen Zusammenarbeit signalisiert hatte. „GELIEBTES LEBEN lag eine ganze Weile ungelesen auf meinem Schreibtisch. Als ich endlich damit anfing, konnte ich nicht mehr aufhören. Das Buch erzählt eine sehr bewegende Geschichte. Ich fand, dass Allan Stratton einen guten Weg gefunden hatte, um die Auswirkungen von Aids und HIV im südlichen Afrika begreiflich zu machen.“ Kaum hatte er die Lektüre beendet, gab er Oliver Stoltz seine endgültige Zusage.
Noch bevor die deutsche Übersetzung von Allan Strattons „Chandas Secrets“ erschien („Worüber keiner spricht“; dtv), bemühte sich der Produzent um die Filmrechte. „Allerdings waren wir nicht die Ersten“, erinnert sich Oliver Stoltz. „Da gab es verschiedene Studios, die Interesse angemeldet hatten. Was sicher auch daran lag, dass der Roman in Amerika wichtige Preise im Kinder- und Jugendbuchbereich erhalten hat. Trotz dieser erhöhten Aufmerksamkeit schlug jedoch niemand zu. Vom Timing her kamen wir also genau richtig. Die Verhandlungen mit dem nordamerikanischen Verlag zogen sich dann zwar ewig in die Länge, doch am Ende bekamen wir den Zuschlag.“
Zum Glück lief es dafür bei der Suche nach einem geeigneten Drehbuchautor umso schneller. Allan Stratton, der sich auch als Bühnenautor einen Namen gemacht hat, wollte seinen Roman auf keinen Fall selbst fürs Kino adaptieren. So folgte Produzent Oliver Stoltz, der zwischenzeitlich einen kanadischen Co-Produzenten gefunden hatte, einer Empfehlung und engagierte mit Dennis Foon („Schattenboxen“) einen der versiertesten Dramatiker und Drehbuchautoren Kanadas. „Wie sich herausstellte, war er ein alter Freund von Allan. Den Roman kannte er natürlich und mochte ihn sehr. Deshalb lag es fast schon auf der Hand, dass er unbedingt mit uns zusammenarbeiten wollte.“ Produzent und Regisseur luden Foon nach Berlin ein, um gemeinsam die Ausrichtung des Drehbuchs festzulegen.
Zuvor hatten sich Stoltz und Schmitz allerdings schon auf einen Punkt verständigt: Chandas Geschichte, die im Roman „irgendwo“ im südlichen Afrika angesiedelt ist, sollte stärker in der Realität verankert werden; außerdem sollte Chanda jünger sein als im Buch. „Bevor Dennis überhaupt eine Zeile schrieb, haben wir vier Tage lang nur über den Roman geredet – was uns daran gefiel, was wir unbedingt behalten wollten und worauf man gut verzichten konnte", so Stoltz. Gemeinsam entwickelten sie einen thematisch-atmosphärischen roten Faden, an dem sich Dennis Foon, der zum Drehbuchschreiben nach Kanada zurückkehrte, orientierte. Mit Hilfe von MP3-Dokumenten und Telefonkonferenzen via Skype hielt das Trio in den folgenden Wochen engen Kontakt.
„Die Zusammenarbeit mit Dennis Foon war fantastisch“, sagt Oliver Schmitz. „Der Roman ist in Ich-Form erzählt, und wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir ohne diese innere Stimme auskommen. Was wir auf keinen Fall wollten, war ein Off-Erzähler. Wir haben die Geschichte sehr verdichtet und uns auf zwei Phasen des Buchs konzentriert: die erste rund um Saras Beerdigung, und die zweite, wichtigere, wenn Lilian krank wird, die Familie verlässt und Chanda um sie kämpft und sie zurückholen will.“ Dass Chanda im Film schließlich um drei Jahre verjüngt wurde, war auch ein Ergebnis der Recherchen vor Ort. Dabei stellte das Team nämlich fest, wie schnell Kinder in Südafrika erwachsen werden. „Im Buch ist Chanda 16“, sagt Schmitz, „aber in der Realität haben 16-Jährige längst ihre kindlichen Qualitäten verloren.“ Obwohl der Kern der Geschichte erhalten blieb, gab es viele kleine Änderungen, auch hinsichtlich der Dialoge. „Allans Roman ist vage im südlichen Afrika angesiedelt, aber wir haben versucht, Sprache und Kultur sehr spezifisch zu machen. Für mich sind solche Details wichtig. Denn ich möchte sichergehen, dass ich die Realität treffend wiedergebe. Wenn einem das gelingt, erzählt man automatisch eine universelle Geschichte.“
Als Stoltz, Schmitz und Foon zu einer zehntägigen Reise nach Südafrika aufbrachen, lag eine erste Drehbuchfassung vor – „eine gute Grundlage, um zu sehen, wo wir noch mehr Realität einbauen konnten und mussten. Vor Ort hatten wir täglich Recherchetermine und Drehbuchbesprechungen“, erzählt Stoltz. „In der westlichen Welt wird gern verallgemeinernd von Afrika geredet. Aber das ist ein schwammiges Gebilde. Immerhin gibt es schon innerhalb der einzelnen afrikanischen Länder riesige Kulturunterschiede. Wir wollten sehr genau sein. Deshalb auch die Entscheidung, den Film nicht in Englisch, sondern in der wunderbaren einheimischen Sprache Sepedi zu drehen. Das macht die ganze Sache einfach authentisch.“ Oliver Stoltz ergänzt lachend: „Ganz zu Anfang haben wir ein wenig herum gesponnen und uns ausgemalt, dass wir Whoopi Goldberg als Mrs. Tafa engagieren, das Ganze als eine Art Oprah-Winfrey-Hollywood-Nummer aufziehen. Dann hätten wir aber die gleichen Fehler gemacht, die üblicherweise von ausländischen Produktionen begangen werden, nämlich nicht nah genug an der Realität zu sein und aus einem europäischen oder amerikanischen Blickwinkel heraus zu erzählen.“
DER DREHORT
Zu Recherchezwecken reiste das Dreier-Team nach Elandsdoorn, ein rund 200 Kilometer nordöstlich von Johannesburg in der südafrikanischen Provinz Mpumalanga gelegenes Township. Oliver Stoltz hatte auf einem Empfang in Berlin die Musik-Managerin Vivi Eickelberg kennengelernt und von ihrem Engagement für den niederländischen Arzt Hugo Tempelman erfahren. Der Allgemeinmediziner baute zusammen mit seiner Frau Liesje ab 1994 in Elandsdoorn das Ndlovu Medical Center auf, eine Einrichtung, die auf eine einzigartige Erfolgsgeschichte zurückblicken kann. Schon nach wenigen Vorgesprächen mit Tempelman, die in Berlin stattfanden, waren die Kontakte so eng geknüpft, dass Stoltz, Schmitz und Foon vor Ort von Mitarbeitern des Ndlovu Medical Center empfangen und betreut wurden und in Elandsdoorn unverstellte Einblicke in die Realität erhielten.
Auf diese Weise kam auch der Kontakt zu den jüngsten Opfern der Aids-Pandemie zustande, „Kinder wie Esther, die beide Eltern verloren haben“, sagt Oliver Schmitz. „Unter anderem trafen wir eine 14-Jährige, die sich um ihre zwei jüngeren Schwestern kümmert, und das schon seit vier Jahren. Die Verwandtschaft hilft ihr nicht, nur eine Nachbarin. Und das Mädchen ist zu jung, um staatliche Unterstützung zu beantragen. Leider ist ihr tragischer Fall keineswegs einmalig, davon gibt es viel zu viele. Solche Schicksale zu erleben, war sehr traurig. Gleichzeitig half es uns, die Geschichte in einem größeren Zusammenhang zu sehen und sie dadurch besser zu verstehen.“
Als sich herauskristallisierte, dass man zu Recherchezwecken nach Elandsdoorn reisen würde, war noch keine Entscheidung über den späteren Drehort gefällt worden. Von dem, was Oliver Stoltz rund um das Ndlovu Medical Center sah, war er allerdings sehr angetan. „Elandsdoorn bedient auf keinen Fall diese Vorstellungen von Slum und ganz großem Elend, die wir in Deutschland häufig mit dem Wort Township assoziieren. So etwas wollten wir im Film ohnehin nicht zeigen. Wir wollten würdevolle Lebensverhältnisse darstellen, eine Art Mittelstand.“
Oliver Schmitz ergänzt: „Ursprünglich kamen wir hierher, um einen Eindruck davon zu gewinnen, welche Probleme Aids und HIV in Südafrika verursachen. Aber dann gefielen uns die Gegend und die Community ausnehmend gut. Die Menschen waren freundlich und offen. Deshalb entschieden wir, den Film in Elandsdoorn zu drehen. Wir wollten auf keinen Fall in einem Großstadt- Township drehen, wo der Alltag die Menschen deutlich mehr abhärtet, wo sie zynischer und lebensüberdrüssiger sind. Wir wollten in einem kleinen Ort drehen, wo jeder jeden kennt und es noch traditionelle Werte gibt. In diesem Kontext sollte der Film spielen.“
Greig Buckle, ein Filmproduzent aus Kapstadt, der mit GELIEBTES LEBEN seine erste deutsch-südafrikanische Co-Produktion betreut, erzählt, wie erleichtert er darüber war, dass Oliver Stoltz und Oliver Schmitz bereits sehr früh enge Kontakte zum designierten Drehort Elandsdoorn geknüpft hatten. „Als die ganze Sache schließlich konkret wurde, gab man uns mit Jerry Marobyane einen Verbindungsmann aus Elandsdoorn zur Seite, der uns nicht nur den Menschen vorstellte und in die Gemeinschaft einführte, sondern den direkten Kontakt zu den Einwohnern ermöglichte und als Insider natürlich viele Dinge erleichterte.“ Das Interesse der Menschen aus Elandsdoorn war auf Anhieb sehr groß, vor allem hinsichtlich der Arbeitsplätze, die das Filmteam möglicherweise zu vergeben hatte. „Lange vor Drehbeginn“, so Oliver Stoltz, „gab es ein Treffen mit der ganzen Community, da waren wirklich restlos alle zugegen, auch Kirchenvertreter, und im Verlauf der Gespräche wurde zu Recht die Frage gestellt, ob und wie der Ort von unserem Filmprojekt profitieren würde.“
„Anfangs“, so Greig Buckle weiter, habe es zwar ein paar Probleme gegeben, „weil manche dachten, dass es sich bei unserem Film um eine große Hollywoodproduktion handelt, dass wir mit dem Geld nur so um uns werfen und alle davon profitieren würden. Nachdem diese und ähnliche Fragen geklärt waren, lief der Dreh jedoch völlig reibungslos, denn die Menschen hier sind wirklich großartig. Sie halfen, wo sie konnten, stellten uns ihre Häuser und Grundstücke zur Verfügung, und wir engagierten viele von ihnen als Darsteller, Wachpersonal oder Helfer hinter den Kulissen. Das einzige“, so Buckle lächelnd, „was uns Probleme bereitete, war das Wetter. Besonders in der ersten Woche regnete es viel, und weil das jedes Mal den Drehplan über den Haufen warf, mussten wir häufig improvisieren!“
Dass er Greig Buckle überzeugen konnte, mit an Bord zu kommen, war für Oliver Stoltz ein Glücksfall. „Bei der Suche nach einem südafrikanischen Co-Produzenten hatte ich nahezu die gesamte Produzenten-Branche kennengelernt. Leider sind die meisten von ihnen rein finanziell orientiert, das heißt, thematisch ist ihnen das Projekt relativ egal, sie arbeiten in erster Linie serviceorientiert. Und weil dort unten viele US-Filme gedreht werden, ist die Branche entsprechende Dimensionen gewöhnt. Wenn man nicht mit einem Riesenprojekt antritt und gewillt ist, quasi Hollywood-Gagen zu zahlen, winken die meisten ab. Aber ich suchte ohnehin nach einem Co-Produzenten, der von der Geschichte genauso angetan ist wie wir. Und mit Greig fanden wir ihn. Seine Begeisterung für den Stoff hat viele Mitarbeiter aus Südafrika überzeugt, sich an unserem Film zu beteiligen – und das, obwohl wir keine Hollywood-Gagen zahlen konnten.“
Greig Buckle fiel das Engagement für GELIEBTES LEBEN nicht schwer, denn er war nach der Lektüre des Drehbuchs überzeugt, dass „die starke Botschaft dieses menschlichen Dramas unbedingt verbreitet werden muss.“ Während des Drehs hielt er sich, was die künstlerischen Belange anging, im Hintergrund. „Vor Drehbeginn hatten wir etliche Meetings und Diskussionen. Dabei stellte sich heraus, dass ich mit der Vision des Films, die Oliver Schmitz hatte, absolut konform ging. Am Set gab es also nicht den geringsten Grund, weshalb ich mich hätte einmischen müssen. Oliver und sein Kameramann Bernhard Jasper hatten alles prima im Griff. Es war die Logistik hinter den Kulissen, um die ich mich kümmerte, diese ganze Struktur, die den kreativen Prozess stützt und überhaupt erst möglich macht.“ Seine erste Co-Produktion mit Deutschland habe ihn zwar ein paar Nerven gekostet, „trotzdem war es eine tolle Erfahrung“, so Buckle. „Mit den Olivers zu arbeiten, war absolut phantastisch.“
Obschon ziemlich früh feststand, an Originalschauplätzen zu drehen, gab es, wie sich Oliver Schmitz erinnert, „durchaus ein paar Überlegungen, Chandas Haus als Kulisse zu bauen – hauptsächlich, um nicht vom Wetter abhängig zu sein. Aber dann wurde uns schnell klar, dass wir all diese Details nicht hätten nachbilden können. Letztlich kann ein Studiodreh nie diese einzigartige Atmosphäre wiedergeben, die man an Originalschauplätzen einfängt.“
Auch Co-Produzent Greig Buckle zieht den Dreh an Originalschauplätzen reinen Studio-Produktionen vor: „Das macht alles viel realistischer. Bei GELIEBTES LEBEN war es ja sogar so, dass die Geschichte, die wir in Elandsdoorn drehten, teilweise oder ganz ähnlich den Alltag der Menschen spiegelt, die dort leben. Und überhaupt: Es gibt Dinge, die die besten Ausstatter nicht nachempfinden können, selbst wenn sie Kulissen eigens nachbauen. Unterm Strich verleihen Drehs an Originalschauplätzen Filmen einen unschätzbaren Mehrwert. Das fertige Produkt gewinnt dadurch enorm an Tiefe und Realismus.“
DIE SCHAUSPIELER
Um die von allen angestrebte Realitätsnähe zu erreichen, war es ganz wesentlich, die Rollen mit authentisch wirkenden Darstellern zu besetzen. „Lange Zeit war uns nicht klar, ob wir den Film auf Englisch oder in einer lokalen Sprache wie Sepedi drehen würden“, erinnert sich Oliver Stoltz. „Als wir mit dem Casting begannen, erkannten wir jedoch schnell, dass wir für die Rollen der Chanda und der Esther Mädchen im Alter von 12 oder 13 Jahren brauchten, Mädchen, die sich gerade an der Schwelle zum Teenageralter befinden. Und diese Kinder sprechen halt meist eine andere Sprache als Englisch.“ Bei der Suche nach den Schauspielern arbeitete die Produktion eng mit der renommierten Casting- Agentin Moonyeenn Lee zusammen, die auch schon in Südafrika gedrehte große Hollywoodfilme wie „Hotel Ruanda“ betreut hat. „Ich kenne sie seit langem und weiß, dass sie ein unglaublich gutes Gespür dafür besitzt, die richtigen Leute zu finden“, sagt Oliver Schmitz. „Sie ist vielfach nach Elandsdoorn gereist und arrangierte mehrere Castings. Anschließend zeigte sie mir ihre Auswahl. Gleich beim ersten Termin hatte sie Khomotso Manyaka entdeckt, unsere Chanda, und auch Keaobaka Makanyane, die schließlich Esther spielte.“ Dennoch gab es Diskussionen darüber, ob die Mädchen nicht doch zu jung und unerfahren waren und ob sie als unerprobte Laien den Herausforderungen der komplexen Rollen gewachsen sein würden.
Auch aus diesem Grund fanden in Johannesburg weitere Castings mit älteren Kindern statt, die bereits einiges an Schauspielerfahrung vorzuweisen hatten. „Leider mangelte es ihnen“, sagt Oliver Schmitz, „an der Offenheit, Naivität und kindlichen Ausstrahlung, die wir uns für Chanda und Esther vorstellten. Sie wirkten schon wie junge Erwachsene.“ Was den Regisseur letztlich davon überzeugte, mit Khomotso die richtige Wahl getroffen zu haben, waren gemeinsame Proben des Mädchens mit Lerato Mvelase, die Chandas Mutter Lilian spielt. „Zwischen den beiden herrschte so eine tolle Chemie, dass wir von der Paarung absolut überzeugt waren.“ Trotzdem, räumt er ein, hätten ihn kurz vor Drehbeginn ab und zu doch noch Zweifel geplagt, ob Khomotso an den insgesamt 36 Drehtagen mit ihrer anspruchsvollen Rolle zurechtkommen würde, zumal sie in nahezu jeder Szene vorkommt – Zweifel, die sich im Nachhinein als unbegründet erwiesen.
„Als ich zum ersten Mal spielen musste, war ich überhaupt nicht nervös“, erinnert sich Khomotso Manyaka. Lachend fügt die mittlerweile 13-Jährige hinzu: „Vielleicht bin ich ja eine geborene Schauspielerin. Als ich kleiner war, träumte ich davon, Schauspielerin zu werden. Aber ich wusste nicht, wie man das anstellt. Also wurde ich Mitglied im Chor, singen macht mir auch viel Spaß. Bei einer Chorprobe fiel meine Stimme auf, und ich bekam den Tipp, an dem Casting für GELIEBTES LEBEN teilzunehmen. Und so bin ich auf diese Weise doch noch Schauspielerin geworden!“ Eine außerordentlich begabte obendrein, die das gesamte Team auch deshalb beeindruckte, weil sie Tag für Tag diszipliniert und konzentriert bei der Sache war. Das sei ihr nicht schwergefallen, meint Khomotso – sie habe jeden Abend und vor jeder Szene gebetet, „das hat mir sehr geholfen.“ Außerdem konnte sie sich mit der Figur, die sie spielte, mühelos identifizieren. „Ich mag Chanda. Sie ist ein anständiges, intelligentes Mädchen. Sie geht gern zur Schule und hat nicht nur Jungs im Kopf. Sie stellt Fragen und erwartet Antworten. Lügen mag sie überhaupt nicht, sie besteht immer auf der Wahrheit.“ Die erwachsenen Schauspieler, allen voran Harriet Manamela und Lerato Mvelase, standen der kleinen Debütantin mit Rat und Tat zur Seite. Und natürlich Regisseur Oliver Schmitz, den Khomotso einfach „großartig“ findet: „Er war super nett. Wenn er mir etwas erklärte, habe ich sofort verstanden, was er meinte. Oliver war überhaupt nicht streng – im Gegenteil, er war sehr lustig.“
Harriet Manamela, die als Nachbarin Mrs. Tafa besetzt wurde und seit 14 Jahren erfolgreich in einheimischen und internationalen Produktionen („Hotel Ruanda“, 2004) arbeitet, gibt unumwunden zu, dass sie anfangs skeptisch war, was die Zusammenarbeit mit den kleinen Laienschauspielerinnen anging. „Ich dachte nur, mein Gott, Khomotso muss so eine große Rolle bewältigen, dabei hat sie noch nie in ihrem Leben eine Filmkamera gesehen.“ Harriet Manamela wurde am Set schnell eines Besseren belehrt. „In der ersten Woche machte Khomotso auf mich einen etwas unsicheren Eindruck. Also habe ich versucht, ihr Vertrauen zu stärken. Sie sollte sich am Set ja wohl fühlen. Doch mit jedem Tag wurde Khomotso selbstbewusster und spielte schließlich so natürlich und unverstellt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Ich fand sie einfach sagenhaft! Die Zusammenarbeit mit Khomotso hat mir gezeigt, dass es ganz egal ist, ob man den Beruf gelernt hat oder nicht – gute Schauspielerei kommt immer von innen, aus tiefster Seele. Für mich war der Dreh, nicht zuletzt wegen der Kinder, eine wunderbare Erfahrung.“
Am Set von GELIEBTES LEBEN feierte Harriet Manamela ein Wiedersehen mit Oliver Schmitz. Sie hatte bereits in seinem Film „Hijack Stories“ (2000) mitgespielt, „eine ganz kleine Rolle als Krankenschwester, ich hatte bloß einen Satz.“ Die Hauptrolle, für die Schmitz sie diesmal engagierte, sprach sie in doppelter Hinsicht an: „Obwohl ich häufig starke Frauen spiele, musste ich noch nie jemanden spielen, der stark und gleichzeitig eine solche Klatschtante ist wie Mrs. Tafa.“ Viel bedeutender war für sie allerdings, dass „der Film eine Geschichte erzählt, die von uns handelt – von den Menschen in Südafrika. Denn wir sind alle von dieser schrecklichen Krankheit betroffen. Jeder von uns kennt jemanden, der Verwandte und Freunde verloren hat oder sich um Geschwister kümmern muss, weil beide Eltern an Aids gestorben sind.“
Keaobaka Makanyane hörte zum ersten Mal von ihrem Chorleiter, dass in Elandsdoorn ein Film gedreht werden sollte. Nachdem die Schülerin an einem Casting teilgenommen und die erste Hürde genommen hatte, gab man ihr das Drehbuch zu lesen. „Ich hätte gern die Chanda gespielt“, sagt Keaobaka. „Aber dann bekam ich Esthers Rolle. Nicht, weil ich nicht genug Talent gehabt hätte, um Chanda zu spielen – man sagte mir, ich wäre nicht groß genug.“ Esther zu spielen, machte ihr viel Spaß, weil sie „ein starkes Mädchen ist und immer das bekommt, was sie will.“ Bevor die Dreharbeiten losgingen, half ihr eine Tante, sich auf ihr Schauspieldebüt vorzubereiten und darauf, „wie man es schafft, auf Kommando Gefühle auszudrücken.“ Als sie an ihrem ersten Drehtag am Set erschien, sei sie „aufgeregt und glücklich“ gewesen, aber kein bisschen nervös. Wenn sie von Oliver Schmitz erzählt, geht ein Strahlen über Keaobakas Gesicht: „Streng war er eigentlich nie. Oliver ist ein guter Mensch.“ Obwohl erst 13 Jahre alt, ist Keaobaka sich darüber im Klaren, dass sie durch ihre Mitwirkung an GELIEBTES LEBEN hilft, eine wichtige Botschaft zu verbreiten: „Menschen, die krank sind und Aids haben, werden durch unseren Film erfahren, dass es andere Menschen gibt, die ihnen helfen können.“
Lerato Mvelase, die Chandas Mutter Lilian spielt, ist eine in Südafrika sehr beliebte TV- Schauspielerin und -Moderatorin. Mit GELIEBTES LEBEN drehte sie ihren ersten Kinofilm. „Eigentlich war ich ja für Jonahs Freundin Dudu vorgesehen. Aber nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, sagte ich zu meiner Agentin: „Die Rolle ist nichts für mich. Ich möchte Lilian spielen.„ Meine Agentin war skeptisch, meinte, ich sähe zu jung aus, und es sei doch so ein schwieriger Part. Aber ich erwiderte: „Vertrau mir und gib mir eine Chance.„ Sie hat dann tatsächlich dafür gesorgt, dass ich für Lilians Part vorsprechen konnte – und ich bekam die Rolle!“ Was ihr an der Figur besonders gefiel, war „die emotionale Reise, die Lilian mit ihrer Tochter erlebt. Ich habe selbst eine Tochter. Beim Lesen stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich erkranken und sterben würde und meine Kleine nicht wüsste, wie sie mir helfen soll oder was mit ihr geschehen wird. Das hat mich ganz unmittelbar angerührt. Wie Lilian sich verhält, ist vielleicht nicht richtig, aber nur allzu menschlich. Um ihre Familie zusammenzuhalten, tut sie so, als wäre alles in Ordnung. Sie glaubt, dass der beste Weg, ihre Kinder vor der harten Realität zu beschützen, darin besteht, sie zu belügen, schließlich sogar fortzugehen und sie alleine zu lassen.“ Die eigene Bekanntheit zu nutzen, um auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen, ist Lerato Mvelase ein wichtiges Anliegen: „Wenn ich helfen kann, an der Art und Weise etwas zu ändern, wie meine Landsleute mit dem Thema Aids umgehen, bin ich gerne dabei.“
KAMERA, AUSSTATTUNG, KOSTÜME
Mitte November 2009 begannen die Dreharbeiten in Südafrika. Acht Wochen zuvor reiste Szenenbildnerin Christiane Rothe („Salami Aleikum“, 2009) nach Elandsdoorn und ging dort auf Motivsuche. „Ich wurde von einem einheimischen Assistenten begleitet, der die Gegend sehr gut kennt“, sagt Rothe. „Wir sind gemeinsam durch den Ort gefahren, haben rasterartig sämtliche Straßen abgeklappert und viele Häuser unter die Lupe genommen, innen wie außen.“ Das Drehbuch gab vor, dass Chandas Haus und das von Mrs. Tafa nebeneinander liegen, dass man von einem Haus aus das andere beobachten kann und auch die Gärten kommunizieren. „Ich suchte nach Häusern, die von außen so klein wie möglich und von innen so groß wie möglich waren, damit sich die Crew relativ ungehindert darin bewegen konnte. Im Endeffekt“, so Rothe, „blieb nur ein einziges Haus-Ensemble übrig, das unsere Bedingungen perfekt erfüllte.“ Die Bewohner zu überzeugen, ihre Häuser für die Dauer der Dreharbeiten an die Produktion zu vermieten, war nicht schwierig. „Keiner von ihnen hatte aber auch nur annähernd eine Vorstellung, was es bedeutet, ein Filmteam ins Haus zu lassen.“
Eine der Konsequenzen war zum Beispiel, dass für die Belange der Geschichte an der Substanz der beiden Häuser einiges verändert werden musste, auch wenn man sich an ihrem ursprünglichen Look orientierte. Die Häuser erhielten neue Außenanstriche, mal wurden Alterserscheinungen überdeckt, mal künstliche Wasserflecken aufgemalt (um den Kontrast zwischen relativem Wohlstand auf der einen und relativer Armut auf der anderen Seite zu betonen), der Rasen vor Chandas Haus wurde entfernt und durch nackte Erde ersetzt, eine Tür und ein Fenster wechselten die Plätze, um Aufnahmen durch die offene Küchentür hinaus in den Hinterhof zu ermöglichen. „Wir hatten echt Angst, dass das Haus bei den Baumaßnahmen zusammenkracht, weil es schon relativ alt ist, aber es ging zum Glück alles gut.“ Mit der Möblierung und Dekoration der Innenräume hielt sich Christiane Rothe bewusst zurück. „Die Zimmer waren so winzig, dass gerade mal die Kamera und die Schauspieler reinpassten. Wenn der Innenrequisiteur zwischen zwei Einstellungen ständig am Umräumen gewesen wäre, weil die Location total vollgestopft ist, hätte das den Dreh ungemein verzögert.“ In Johannesburg besorgte Rothe lediglich zwei Gegenstände – ein Sofa und einen Wandspiegel –, alles andere wurde in der unmittelbaren Nachbarschaft ausgeliehen. „Das hat wunderbar funktioniert, und die Menschen waren glücklich, dass ihre Sachen in unserem Film mitspielen. Echte Requisiten haben natürlich auch eine ganz andere Patina, wirken viel authentischer, als wenn wir Möbel im Laden gekauft und auf alt umgeschminkt hätten.“ Rat holte sich Christiane Rothe bei ihren einheimischen Mitarbeitern „Wenn die mir bestätigten, dass alles realistisch wirkt, war ich froh und beruhigt.“
Obwohl darüber diskutiert wurde, die Innenaufnahmen im Studio zu drehen, entschied man sich am Ende für Aufnahmen an Originalschauplätzen. Sämtliche Motive fand Rothe schlussendlich in Elandsdoorn, was den Vorstellungen von Regisseur Oliver Schmitz sehr entgegenkam. „Ihm war es wichtig“, so Rothe, „dass die Motive irgendwie so miteinander verbunden sind, dass man tatsächlich glaubt, sie befänden sich alle an einem einzigen Ort.“ Die Motiv-Vorgaben des Drehbuchs konnten nur in einem Punkt nicht erfüllt werden: Die Szene, in der Jonahs Leiche gefunden wird, sollte ursprünglich auf einem Schrottplatz spielen, wurde aber mangels geeigneter Location in ein altes Sportstadium verlegt, „und das hat optisch fast noch besser funktioniert“, erinnert sich Rothe.
Die größte Herausforderung an die Szenenbildner- Crew stellte eine Beerdigungsszene dar: „Dafür mussten wir den Friedhof von Elandsdoorn erweitern und eine Menge falscher Gräber hinsetzen und gestalten, denn er sollte deutlich größer aussehen.“ Eine schwierige, aber nicht unlösbare Aufgabe stellte auch Chandas Küchengarten dar, weil man ihn in drei unterschiedlichen Jahreszeiten zeigen musste: Frühling, Sommer und Herbst, „diese letzte Phase nannten wir intern „Tod und Verwesung„, denn es ist die Zeit, in der Lilian ihre Familie bereits verlassen hat, Chanda mit der Situation nicht mehr zurechtkommt und der Gemüsegarten völlig verrottet.“ Weil im Drehplan ursprünglich vorgesehen war, dass beinahe täglich eine andere Garten-Phase als Kulisse herhalten musste, ließ Christiane Rothe jahreszeitlich angepasstes Gemüse und Blumen in große Kisten pflanzen, hegen und pflegen, die dann je nach Bedarf auf dem kleinen Gartenareal hinter Chandas Haus aus- und eingegraben und sorgfältig mit Erde bedeckt wurden, um die Illusion perfekt zu machen. „Der Mais und der Kohl waren gar nicht verrottet“, sagt Rothe lachend, „sondern von uns nur entsprechend angemalt. In Wahrheit lässt welkes, faulendes Gemüse die Blätter hängen und sinkt so tief auf die Erde, dass man es gar nicht mehr wahrgenommen hätte.“
Christiane Rothe hat schon einige Filme abgeschieden in der Provinz oder im Ausland gedreht und einschlägige Erfahrungen gesammelt. Dennoch gab es auch in Elandsdoorn die üblichen Anlaufschwierigkeiten. „Man spricht unterschiedliche Sprachen, Kultur und Mentalität sind anders“, so Rothe. „Deshalb ist es jedes Mal eine Herausforderung, und zwar für beide Seiten. Aber letztlich haben wir das gut hingekriegt. Ich bin sehr zufrieden mit unserer Arbeit, auch wenn bei mir immer das Gefühl bleibt, man hätte es noch besser machen können.“ Die Arbeit ganz entscheidend erleichtert habe ihr der Kameramann Bernhard Jasper („Salami Aleikum“, 2009, „Open Water 2: Adrift“, 2006), der „sehr gut vorbereitet in den Dreh hineingegangen ist. Ich wusste immer schon vorab, was in der jeweiligen Szene zu sehen sein würde. Meine Fotos für die Motivabnahme fotografierte ich deshalb aus der vorgegebenen Perspektive, so konnte ich sofort erkennen, ob die Ausstattung funktioniert oder nicht.“
Dass 99% der Aufnahmen ziemlich exakt so ausfielen, wie Regisseur Oliver Schmitz und Kameramann Bernhard Jasper sich das in der Planung ausgemalt hatten, führt Jasper darauf zurück, dass es bei GELIEBTES LEBEN eine verhältnismäßig lange Vorbereitungszeit gab. „Außerdem fanden die Vorbereitungen genau dort statt, wo wir später drehten. Ich finde, so ein Film muss unbedingt on location gedreht werden. Chandas Haus ist klein, da konnten wir zum Beispiel innerhalb einer Einstellung mit der Kamera rein- und wieder rausgehen. Hätten wir Außen- mit Studioaufnahmen verbinden müssen, wäre mit Sicherheit der realistische Eindruck verloren gegangen.“ Nahezu sämtliche Szenen entstanden mit einer 20 Kilo schweren Handkamera, die von Jasper selbst bedient wurde. Das hatte zum einen künstlerische Gründe, geschah teilweise aber auch aus praktischen Erwägungen heraus. „Viele unserer Schauspieler waren keine Profis“, erklärt Jasper, „und Laien halten sich nicht zwingend an Markierungen. Mit der Handkamera hatten wir die Freiheit, auf ihre Aktionen zu reagieren, konnten den Schauspielern ungehindert folgen.“
Jaspers Anspruch bestand darin, mit seinen Bildern Chandas Innenleben nachzuempfinden, ihre Gefühle visuell auszudrücken. „Gleichzeitig wollte ich die Umgebung aber auch in schönem Cinemascope zeigen. Insgesamt haben wir einen realistischen Stil angestrebt, einen Mix aus epischen und dokumentarischen Bildern. Im Übrigen bin ich der Auffassung, dass Bilder natürlich wirken müssen. Sonst berührt man den Zuschauer nicht.“ Um das zu erreichen, kamen sehr häufig Nahbereichobjektive zum Einsatz, die eine Konzentration auf Gesichter und Gefühle der Darsteller ermöglichen. Bei den Innenaufnahmen arbeitete Jasper viel mit Gegenlicht, nahm Figuren häufig nur als Silhouetten auf. Im Gegensatz dazu war bei den Außenaufnahmen die Wahl der Objektive sowie die Auflösung der einzelnen Szenen entscheidend, weniger das Licht. „Der Film ist ja wie eine Reise, beschreibt die Entwicklung, die Chanda durchlebt. Deshalb dachten wir uns ein spezielles Farbschema aus.“
Kräftige Farben zu benutzen, liegt der Kostümbildnerin Nadia Kruger („Tsotsi“, 2005) nach eigener Aussage im Blut, „schließlich bin ich Südafrikanerin.“ Dennoch musste sie bei GELIEBTES LEBEN ihre Leidenschaft für ausdrucksstarke Farben zügeln. „Wir beschlossen, eine relativ begrenzte, gedämpfte Farbpalette zu benutzen. Gerade was Chanda und ihre kleine Familie angeht, wollten wir keine schreienden Farben verwenden. Es geht in dem Film nicht um die Kleidung. Das Augenmerk sollte auf die Gesichter gelenkt werden und die Emotionen, die sich darin spiegeln. Eine auffällige Kostümierung hätte störend gewirkt.“
Nadia Kruger kennt Regisseur Oliver Schmitz schon seit ihrer Jugend: „Wir gingen früher in Kapstadt häufig zusammen in Clubs, wo alternative Musik gespielt wurde und Oliver DJ war.“ Außerdem wirkte sie bereits an zwei seiner Filme mit – „Mapantsula“ und „Hijack Stories“ –, die beide in Townships spielen. „Da ich in meiner Karriere häufig in Townships gearbeitet habe, musste ich für die Kostüme von GELIEBTES LEBEN nicht weiter recherchieren. Ich weiß, wie Menschen, die in Townships leben, sich kleiden. Was ich nicht kannte, war die ländliche Gegend hier. Deshalb wollte ich unbedingt ein bisschen Zeit in Elandsdoorn verbringen, um ein Gefühl für den Ort und seine Einwohner zu bekommen. In so einer kleinen Stadt gibt es keine Modegeschäfte. Deshalb kaufte ich viele Sachen in Second- Hand- Läden. Den Komparsen sagte ich, sie sollten in ihrer Alltagskleidung an das Set kommen. Leider erschienen viele von ihnen im besten Sonntagsstaat“, erinnert sie sich lächelnd. „Die musste ich dann wieder wegschicken und bitten, sich unbedingt die Sachen anzuziehen, mit denen sie normalerweise zu Hause rumlaufen.“
Vor Drehbeginn hatten sich Nadia Kruger und Oliver Schmitz darauf geeinigt, keine übertrieben abgenutzte, schäbige Kleidung zu verwenden. „Oliver wollte nicht, dass der Eindruck entsteht, die Figuren wären bitterarm“, erinnert sich Kruger. „Doch dann genügte uns leider ein Blick auf die ersten Muster, um zu erkennen, dass die Kostüme viel zu neu und sauber wirkten. Die HD-Kamera sieht mehr als das bloße Auge. Also mussten wir die Kostüme nachträglich auf alt trimmen – mit Färbemitteln, Säure, häufigem Waschen –, und das war leider recht zeitaufwendig.“ Kruger arbeitet am liebsten für lokale Produktionen, die aktuelle Geschichten erzählen. „Für mich muss es thematisch um etwas gehen, und GELIEBTES LEBEN behandelt viele wichtige Aspekte aus dem modernen Südafrika. Deshalb wollte ich unbedingt dabei sein.“ Krugers Ehrgeiz besteht darin, Filmfiguren so zu kleiden, dass sie absolut authentisch wirken, ganz egal, in welcher Epoche der Film spielt oder welchem Genre er angehört. „Das hört sich leicht an, ist es aber nicht. Um nur ein Beispiel zu nennen: Bei einer Komödie sollte man sich unbedingt davor hüten, mit der Kleidung einen auf lustig zu machen!“ Wenn Freunde ihr von Kostümfilmen wie „Marie Antoinette“ (2006) vorschwärmen, weil darin so wunderbare Kleider zu sehen seien, winkt Kruger meistens ab. „Die Kostüme interessieren mich offen gesagt am wenigsten. Wenn ich ins Kino gehe, will ich emotional gefesselt werden, achte ich auf die Dialoge, die Inszenierung. Die Kleidung muss für mich so sehr ein Teil des Ganzen werden, dass sie buchstäblich verschwindet und nicht mehr wahrgenommen wird. Fallen dem Zuschauer meine Kostüme nicht weiter auf, dann habe ich gute Arbeit geleistet.“
AM SET
Die Dreharbeiten zu GELIEBTES LEBEN fanden in Elandsdoorn in der Zeit vom 16. November 2009 bis zum 8. Februar 2010 statt. Trotz straffen Drehplans gab es im Januar 2010 eine mehrwöchige Unterbrechung, damit Lerato Mvelase (Lilian) und Aubrey Poole (Jonah) an Gewicht zulegen konnten. Denn in der ersten Drehphase absolvierten sie die Szenen, in denen die von ihnen gespielten Figuren von ihrer Aids-Erkrankung gezeichnet und entsprechend dünn sind. „Zum Abnehmen wurde ein Diätplan für mich erstellt“, erinnert sich Lerato Mvelase und verdreht lachend die Augen. „Meine Schokolade hat mir so gefehlt!“ Die Abmagerungskur schlug sich zeitweise regelrecht auf ihre Stimmung nieder, doch in dieser Zeit, sagt sie, habe sie auch gelernt, „dass es so viele Dinge im Leben gibt, von denen man denkt, dass man ohne sie nicht auskommt – und dabei geht es doch!“ Nützlich sei diese Erfahrung auch deshalb gewesen, weil es ihr danach leichter fiel, sich in die Figur der Lilian hineinzuversetzen. Ebenso geholfen habe ihr der Moment, als sie zum ersten Mal Lilians Haus betrat. „Da erkannte ich, wie wichtig es war, dass wir in echten Kulissen drehten. Denn die Armut und die Einsamkeit im Haus konnte ich regelrecht riechen und spüren. Es war auch hilfreich, dass ich echte Nachbarhäuser sah, wenn ich ins Freie trat, oder Kinder, die mit Rotznase die Straße entlang liefen. In Studiokulissen, die noch nach Farbe und Sperrholz gerochen hätten, wäre das sicher etwas ganz anderes gewesen.“
GELIEBTES LEBEN erzählt eine traurige Geschichte, aber Regisseur Oliver Schmitz legte großen Wert darauf, dass am Set eine lockere, ja fröhliche Stimmung herrschte. „Das war besonders für die Kinder wichtig. Sie mussten sich zwischen den Aufnahmen entspannen können, glücklich sein.“ Eine Einschätzung, die von Lerato Mvelase geteilt wird: „An Tagen mit sehr intensiven emotionalen Szenen übertrug sich die Anspannung auf das gesamte Team. Da half es sehr, dass die Regieassistentin an alle den Befehl ausgab, ein bisschen ruhiger zu sein als sonst. Meistens herrschte nämlich so ein Tohuwabohu, dass man sich nur mühsam konzentrieren konnte.“ Insofern habe sich der GELIEBTES LEBEN-Set eigentlich kaum von anderen Sets unterschieden: An manchen Tagen sei der Stress groß, an anderen werde herum geflachst und gelärmt. Aber stets, so Lerato Mvelase weiter, sei Oliver Schmitz der ruhende Pol gewesen. „Das war wunderbar, denn wenn er die Ruhe verloren hätte, hätten wir sie alle verloren. Oliver nahm sich immer Zeit zu erklären, was er von einem will. Und er hörte erst dann auf zu drehen, wenn er es bekommen hatte. Das war manchmal ganz schön anstrengend. Aber Oliver ist ein wunderbarer Regisseur – und ein liebenswerter Mensch.“ Auch Autor Allan Stratton, der im Dezember 2009 mehrere Tage am Set verbrachte, imponierte die Art und Weise, wie Schmitz seine Mannschaft leitete: „Er war völlig frei von irgendwelchem Gehabe. Stets unglaublich konzentriert und kontrolliert, aber nie verkniffen oder humorlos. Ihm war es wichtig, dass eine unbeschwerte, freundliche Atmosphäre herrschte, und ich denke, das ist gerade bei einer so hochdramatischen Geschichte wie GELIEBTES LEBEN dringend nötig.“
„Wenn der Autor der Romanvorlage am Set erscheint“, erinnert sich Schmitz an Strattons Besuch, „wird man immer ein wenig nervös. Schließlich hat man sein Werk in der Regel sehr verändert. Die Tatsache, dass wir Chanda und Esther jünger gemacht hatten, führte anfangs zu zahlreichen Diskussionen mit Allan. Er hatte seine Zweifel, ob es funktionieren würde – gerade was die Beziehung mit Chandas jüngeren Geschwistern angeht. Aber nachdem er die Darsteller erlebt hatte, gab er sich überzeugt, dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Jedenfalls wirkte Alan am Set sehr glücklich und machte uns ständig Komplimente. In dieser Hinsicht lief alles bestens.“
Obwohl Oliver Schmitz in Südafrika aufwuchs, ist Sepedi, der lokale Dialekt, in dem GELIEBTES LEBEN gedreht wurde, eine Fremdsprache, die er nicht beherrscht. „Ich fand das aber halb so wild“, sagt er, „ganz am Anfang machte es vielleicht ein paar Probleme. Doch ich denke, dass ich schnell ein Gespür für den Klang und den Fluss der Sprache entwickelt habe. Außerdem hatte ich ja Harriet Manamela, die Darstellerin der Mrs. Tafa, zur Seite. Sie agierte nicht nur als eine Art Lehrerin für die Kinder, sie war auch meine Beraterin in Sachen Sepedi. Wenn es Schwierigkeiten gab oder Fehler passierten, machte sie mich sofort darauf aufmerksam. Im Übrigen schaute ich mir die Gesichter sehr genau an, achtete auf die Emotionen, interpretierte sie – und ich glaube, so hat es ganz gut funktioniert.“ Qualitätskontrolle war für Chefkameramann Bernhard Jasper, der als sein eigener Operator fungierte, ebenfalls ein wichtiger Punkt: „Weil ich zwei Jobs auf einmal hatte und man bei jeder Aufnahme allein schon so viele rein technische Aspekte beachten muss – ob die Schärfe stimmt, das Mikrofon nicht ins Bild ragt –, bekam ich manchmal gar nicht richtig mit, ob die Bilder auf der Gefühlsebene stimmig waren. Deshalb schaute ich sie mir in der Regel hinterher auf dem Monitor an.“ Kameratechnisch, ergänzt Produzent Oliver Stoltz, „waren wir ganz weit vorn. Wir drehten digital und als erster deutscher Film mit einem neuen Arri- Verfahren, bei dem zwei Bilder hintereinander aufgenommen und in der Postproduktion zusammenfügt werden, damit es ein Scope-Bild ergibt. Außerdem hatten wir das große Glück, mit hochpräzisen Hawk-Objektiven arbeiten zu dürfen, die man normalerweise nicht bezahlen kann.“
Bis auf das extreme Wetter – häufig war es entweder sehr heiß oder es regnete heftig –, verliefen die Dreharbeiten ohne nennenswerte Beeinträchtigungen. „Einmal herrschten bei einem Innendreh 47 Grad“, so Oliver Schmitz. „Wir hatten die Fenster dunkel verhängt, und alle schwitzten wie verrückt. Abgesehen davon lief es aber wirklich gut. Das habe ich nicht bei jedem Dreh so erlebt. Doch wenn es so ist, ist es ungemein befriedigend.“ Nach zehn Jahren Abwesenheit wieder einen Spielfilm in seiner Heimat Südafrika zu drehen, erwies sich für den Regisseur als eine ausgesprochen interessante Erfahrung. „Mir sind tatsächlich Unterschiede aufgefallen, was die Arbeit in Deutschland und in Südafrika angeht“, sagt er. „Hier hat das alles viel mehr mit Intuition zu tun. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass wir die Talente, die wir in Elandsdoorn fanden, auf diese Weise in Berlin gefunden hätten. Was mir die Menschen hier gegeben haben, war einfach wunderbar. Sie haben sich so hundertprozentig eingebracht, wie ich es aus Deutschland kaum kenne.“
Auch Kameramann Bernhard Jasper hatte keinen Grund zu klagen: „Die Crew war großartig, die Darsteller spielten phantastisch, es machte einfach Spaß. Und das sage ich nicht bei jedem Film!“ Für Kostümbildnerin Nadia Kruger prägte sich der Aufenthalt in Elandsdoorn auch deshalb ein, weil Kriminalität kein Thema war. „Hätten wir in einem Township in Johannesburg gedreht, hätten wir viel mehr aufpassen müssen, wäre es ständig um unsere Sicherheit gegangen. Ich lebe in Johannesburg und weiß, dass es dort sehr, sehr gefährlich ist. Dagegen war das hier die reinste Idylle und einfach nur schön.“ Gleichwohl verschweigt Produzent Oliver Stoltz nicht, dass sich angesichts des knappen Budgets, das ihm zur Verfügung stand, alle Beteiligten „gegen die Decke strecken“ mussten. „Aber wenn man die richtigen Leute dabei hat – die meisten kenne ich schon lange – und alle wissen, in welchem Rahmen sie arbeiten können, dann klappt das schon. Sparen per se ist nicht mein Ding. Ich habe aber ein gutes Händchen dafür, an welcher Stelle ich Geld ausgebe und wo eher nicht. Bei GELIEBTES LEBEN hat es jedenfalls gut funktioniert. Nicht zuletzt, weil Oliver Schmitz genauso tickt wie ich. Schließlich ist er es vom Fernsehen gewöhnt, mit Limitierungen zu leben.“
Er habe in der Vergangenheit mit Regisseuren gearbeitet, sagt Oliver Stoltz, bei denen zu spüren war, dass die Anwesenheit des Produzenten am Set ihnen nicht sonderlich behagte. Er sei beileibe keiner dieser Produzenten, die sich schon aus Prinzip in alles einmischen. Andererseits hält er es für unverzichtbar, am Set häufiger Präsenz zu zeigen – wobei es „immer auf den Film ankommt.“ Dass Stoltz während der Anfangsphase des Drehs von GELIEBTES LEBEN in Elandsdoorn erkrankte und zur Behandlung vorzeitig nach Berlin zurückkehren musste, „hatte ich mir natürlich anders vorgestellt. Aber ich sah ja die Muster und wusste, das Ding läuft. Bei Oliver musste ich mir ohnehin keine Sorgen machen. Erstens hatten wir intensiv zusammen am Drehbuch gearbeitet, zweitens haben wir ähnliche Ideen, und außerdem war Oliver froh, wenn mir in Deutschland etwas auffiel, was er vor Ort möglicherweise übersehen hatte.“ Krankheitsbedingt musste Stoltz auch seinen Plan aufgeben, in Elandsdoorn einen 45-minütigen Dokumentarfilm über das Ndlovu Medical Center und ein kleines Mädchen zu drehen, das er bei den Recherchen kennengelernt hatte, „praktisch die reale Chanda.“
Umso wichtiger ist es ihm klarzumachen, dass Schmitz und er mit GELIEBTES LEBEN keinen „Opfer-Film“ beabsichtigten. „Als meine Dokumentation „Lost Children„ anlief, musste ich mir anhören, ich hätte einen „Gutmenschen- Film“ gemacht. Auf der anderen Seite gab es Leute, die sich nicht trauten, daran Kritik zu üben, weil sie dachten, dass wäre bei einem Thema wie Kindersoldaten unangebracht. Das halte ich für falsch. In meinen Augen müssen Filme und die Geschichten, die sie erzählen, zunächst einmal emotional berühren. Wenn sie die Zuschauer darüber hinaus auch noch zum Umdenken bewegen oder sie veranlassen, ihr Handeln neu auszurichten, ist es für mich das Größte, was Unterhaltung erreichen kann. Natürlich transportiert GELIEBTES LEBEN auch eine starke Aids- Botschaft. In erster Linie geht es aber um Chandas Werdegang, ihren Reifeprozess. Das ist es, was den Film so spannend und bewegend macht.“
Einen didaktischen Film zu drehen, hatte Oliver Schmitz nie im Sinn. „Die bringen nichts, weil sie den Zuschauer kalt lassen. Uns ist es hoffentlich gelungen, aus Chandas Schicksal eine Geschichte zu machen, die die Menschen berührt. Weil sie dann auch über die anhängenden Themen nachdenken. Obwohl Aids nicht im Vordergrund des Films steht, zeigen wir das damit verbundene Stigma und die Grausamkeiten, zu denen Menschen fähig sind.“ In diesem Zusammenhang erinnert sich Oliver Schmitz an einen Drehtag in Elandsdoorn, der nicht nur bei ihm Spuren hinterließ. „Wir drehten jene Szene, in der Chandas kranker Stiefvater zurückkehrt und die Nachbarn sich von ihm abwenden, obwohl er mitten auf der Straße praktisch im Sterben liegt. Der Crew, den Schauspielern, Komparsen und Schaulustigen – allen, die zusahen, war anzumerken, wie sehr diese Szene sie mitnahm. Und das auch noch bei der x-ten Wiederholung. Ich glaube, im fertigen Film wird sie eine der stärksten sein.“
SCHNITT, MUSIK & FESTIVAL-AUSZEICHNUNGEN
Noch während der ersten Drehphase Ende 2009 begann Cutter Dirk Grau („Same Same But Different“, „Salami Aleikum“) mit dem Filmschnitt. Für Regisseur Oliver Schmitz eine Methode, die er bei seinen Kino- und Fernsehprojekten schon seit längerem beherzigt – sobald genug Material vorhanden ist, also bereits ein, zwei Wochen nach Drehstart, gehe es mit dem Schnitt los: „Ich war lange selber Cutter“, sagt Schmitz, deshalb könne er gut verstehen, dass jeder Cutter erst einmal allein in das Projekt hineinfinden muss. „Irgendwann komme ich dann hinzu, gucke mir das Ergebnis an – und finde es gut oder schlecht“, meint er lachend. „Dass wir die mehrwöchige Drehunterbrechung hatten, war von großem Vorteil. Als wir in dieser Zeit intensiv am Schnitt arbeiteten, sah ich, was mir nicht gefiel und was man anders machen könnte.“ Zurück in Südafrika, drehte Oliver Schmitz tatsächlich ein paar Einstellungen noch einmal ganz neu.
Cutter Dirk Grau an den Drehort nach Elandsdoorn einzufliegen, erwies sich am Ende als unnötig. Erstens wurde der Film digital gedreht, weshalb die Materialübermittlung nach Deutschland mühelos klappte. „Und Detailfragen konnten wir telefonisch besprechen.“ Dass die Qualität eines Films mit dem Schnitt steht und fällt, hätte Oliver Schmitz vor 15 Jahren womöglich noch unterschrieben. Inzwischen sieht er das etwas differenzierter: „Der Schnitt ist auf keinen Fall die entscheidende Phase, in der kreativ etwas entsteht. Ich freue mich immer mehr auf die Drehphase und dass man dabei genau diese Momente einfängt, die wichtig sind.“ Beim Schnitt gehe es ihm vorrangig darum, dass die besten Augenblicke nicht verloren gehen. Und dass der Schnitt einen Rhythmus bekomme, der zur Geschichte passt. „Den zu finden“, sagt Schmitz, „ist manchmal aber gar nicht so einfach.“
Weil Produzent Oliver Stoltz die Absicht hatte, GELIEBTES LEBEN beim Auswahlkomitee des Internationalen Filmfestivals in Cannes einzureichen, musste der Film bis zu einem bestimmten Termin vorführbereit sein. „So ein Zeitdruck macht mir aber nichts aus“, sagt Schmitz. „Den finde ich sogar gut. Ich bin kein Freund davon, monatelang im Schneideraum zu sitzen. Dass man eine Deadline einhalten muss, bringt ja auch eine gewisse Dynamik und vorantreibende Energie in die Arbeit. Unabhängig davon herrschte aber wirklich keine Zeitnot – zehn, zwölf Wochen hatten wir unterm Strich für das Schneiden des Films Zeit.“
Mit Ali N. Askin, der für den Soundtrack zu GELIEBTES LEBEN verantwortlich zeichnet, hatte Regisseur Oliver Schmitz zuvor schon bei mehreren TV-Projekten zusammengearbeitet. Er zeigte Askin (für seine Musik zu „Leroy“ mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet) bereits in der Pause zwischen den beiden Drehphasen Anfang 2010 einen Rohschnitt des Films, woraufhin Askin sofort mit dem Komponieren begann, eine Arbeit, die sich bis hin zur Mischung über die gesamte Postproduktionszeit zog. „Mit der Filmmusik“, so Schmitz, „haben wir es uns nicht leicht gemacht. Die Geschichte spielt zwar auf dem Land, eignet sich aber nicht für eine traditionelle ethnografische Musik. Trotzdem wollten wir, dass sie afrikanisch beeinflusst ist. Ali hat schließlich einen wunderschönen, reduzierten Score geschrieben, der den Film vervollständigt, ohne ihn zu dramatisieren oder sentimental aufzuladen.“ Obwohl Oliver Schmitz privat sehr viel Musik hört, legt er keinen Wert darauf, in seinen Filmen jede Szene musikalisch zu unterlegen. „Entscheidend ist doch, welche Farbe die Musik dem Film hinzufügt. Und dass sie ihn zum Schwingen bringt – das finde ich wichtig.“
Nachdem der Film rechtzeitig fertig gestellt worden war, begann das Warten auf Nachricht vom Auswahlkomitee in Cannes. Regisseur Oliver Schmitz, der mit „Mapantsula“, „Hijack Stories“ und seiner Episode in dem Ensemblefilm „Paris je t„aime“ bereits drei seiner Arbeiten beim wichtigsten Filmfestival der Welt präsentieren konnte, war „recht zuversichtlich“, zumindest in die Reihe „Un certain regard„ zu kommen. „Cannes- Veteranen haben es diesbezüglich immer etwas leichter. Wir hatten sogar ein bisschen Hoffnung, es in den Wettbewerb zu schaffen. An dem Abend, als wir die Absage erhielten, waren wir schon sehr enttäuscht.“ Tatsächlich stellte das TIME MAGAZINE im Rahmen ihrer Festival-Berichterstattung nach der stürmisch gefeierten Welturaufführung von GELIEBTES LEBEN die Frage, weshalb der deutsch-südafrikanische Beitrag nicht im offiziellen Wettbewerb gelaufen sei, sondern „nur“ in einer Nebenreihe. „Aber ich kann mich wirklich nicht beschweren“, meint Oliver Schmitz. „Cannes war ein unglaubliches Erlebnis, bessere Reaktionen und Kritiken hätten wir nicht bekommen können. Nach der ersten Vorführung stand plötzlich Roger Ebert, der berühmte US-Kritiker, vor mir und zeigte mit beiden Daumen nach oben.“
Der Prix François Chalais, mit dem GELIEBTES LEBEN in Cannes schließlich ausgezeichnet wurde, sollte nicht der einzige Preis bleiben: Im August 2010 lief der Film beim Durban International Film Festival und gewann dort nicht nur die Auszeichnung als „Bester afrikanischer Spielfilm“. Auch die mittlerweile 13-jährige Khomotso Manyaka wurde geehrt – als „Beste Hauptdarstellerin“. „Die vielen Reden während der Veranstaltung“, erinnert sich Oliver Schmitz amüsiert, „müssen Khomotso total gelangweilt haben. Oder aber sie war müde. Jedenfalls schlief sie genau in dem Moment ein, als ihr Name genannt wurde. Natürlich schreckte sie sofort wieder auf – und freute sich dann wahnsinnig!“

