Deutsche Seelen - Leben Nach Der Colonia Dignidad Film
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Länge: 92 Min | Kinostart: 01.07.2010
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Die Story:Rüdiger war ein Kind, Aki zwei Monate alt und Kurt der Stellvertreter des pädophilen Sektenchefs. Sie kamen 1961 gemeinsam mit 500 anderen deutschen Sektenmitgliedern nach Chile und lebten über 40 Jahre weggeschlossen von der Welt. Der Film erzählt den Versuch, nach Jahrzehnten von Verbrechen wie Folter und Mord als Kollektiv weiterzubestehen. Es sind deutsche Geschichten von Verdrängung, Sehnsucht, romantischem Schwärmen und Verzweiflung. Es ist ein Film über Schuld, Opfersein und dem Umgang damit. Deutsche Seelen – Leben Nach Der Colonia Dignidad zeigt konfliktreiche, persönliche Geschichten, die jedoch weit über das Persönliche hinaus etwas über die Funktions- und Wirkungsweisen totalitärer Systeme und deren Folgen für den Einzelnen erfahrbar machen.
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Interview mit den Regisseuren Matthias Zuber und Martin Farkas:
Wie sind Sie auf das Thema „Colonia Dignidad“ gestoßen?
Matthias Zuber: Ich kannte die Autorin Britta Buchholz von der Berliner Journalistenschule, wo ich unterrichte. Sie war damals 2005 in Chile als Paul Schäfer, der ehemalige Sektenchef, in Argentinien verhaftet wurde. Britta fuhr auf gut Glück in die ehemalige Colonia Dignidad, um für „Die Zeit“ eine Geschichte zu machen. Sie war eine der ersten freien Journalistinnen, die nach Jahrzehnten der Isolation freien Zugang in die ehemalige Sekte bekam. Sie lernte neben anderen die Familie Schnellenkamp kennen. Nach ihrer Recherche rief sie mich noch aus Chile an, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr einen Film über die Situation vor Ort zu machen. Ende 2005 war ich dann das erste Mal selbst mit Britta vor Ort und lernte einige der Menschen in der ehemaligen Colonia Dignidad kennen.
Martin Farkas: Ich habe Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal von der Colonia Dignidad gehört. Seitdem haben mich die Berichte darüber sehr interessiert. Ich sah dort Übereinstimmungen mit meiner persönlichen Geschichte. Ich bin großgeworden in einer sehr engagierten religiösen Gemeinschaft, deren strenge Werte und Regeln wir als Kinder und auch noch als Jugendliche nicht hinterfragen konnten. Auch wir erlebten uns als Beauftragte und Auserwählte. Für mich war die Lösung aus dieser Bewegung als junger Erwachsener extrem schwer, im Grunde begleitet sie mich bis heute. Als Matthias mir das Thema vorschlug, war mir schnell klar, dass ich dazu mehr beizutragen habe als „nur“ als Kameramann. So kamen wir zu dem Beschluss, die Regie gemeinsam zu machen. Matthias mit seinem eher theoretischen Ansatz und ich mit dem persönlichen. Die meisten Menschen, die wir in dem Film sehen, sind von Kindheit in einem System sozialisiert, das sie nie hinterfragen durften. Denn das pure Fragen stellen hatte bereits brutale Bestrafung zur Folge, die eben nicht nur physisch sondern auch psychische Folterung war. Und heute leben diese Menschen immer noch mit ihren Folterern zusammen. Die das gemacht haben, waren aber auch Elternersatz. Die Opfer kannten es nicht anders. Und erst seit kurzer Zeit, erst seit Paul Schäfer im Gefängnis ist, beginnen sie nach und nach zu verstehen, was mit ihnen passiert ist. Wir haben ganz bewusst nicht über Menschen erzählt, die sich daraus gelöst haben, die gibt es ja auch, die haben „ihre Wurzeln“ damit abgeschnitten. Das ist ganz merkwürdig, aber es scheint keine Heilung möglich im schlichten Weggehen. Zu sehr sind sie geprägt. Und darum wollten wir untersuchen, wie das geht, dass man langsam in der Gemeinschaft nach Lösungen sucht. Das ist ungeheuer schwer und schmerzhaft.
Was hat Sie daran gereizt, einen Film über dieses Thema zu machen?
Martin Farkas: Wenn man den Gedanken weiter fasst, hat mich die Konstellation in der Villa Baviera erinnert an die Zeit nach 45 in Deutschland. Hier die Täter, dort die Opfer. Der Wunsch, sich für eine bessere Welt zu engagieren und dafür ganz viel aufzugeben, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, sich in hierarchisch religiöse Strukturen zu begeben, diese nicht zu sehr zu hinterfragen, um des gemeinsamen Ideals Willen. Die Punkte zu suchen, wo das bricht, die zu beschreiben, zu verstehen, schien mir ein sehr geeignetes Thema für einen Dokumentarfilm zu sein.
Matthias Zuber: Ich war fasziniert von dem Phänomen, dass Menschen über vierzig Jahre in einer parallelen Welt eingeschlossen waren, in einem – für uns – absurden und perversen Wertesystem, das aber für diese Menschen normal war. Ein großes, perverses Menschenexperiment. Anhand dieses Phänomens lassen sich eine Menge spannender Fragen stellen: Sind ethische Systeme schlicht Erziehungssache? Ist Widerstand dann überhaupt möglich? Gerade eingebettet in die Geschichte des Dritten Reichs ist die Frage spannend in Hinsicht auf die Verantwortung des Einzelnen in einer Diktatur. Die Menschen in der ehemaligen Colonia Dignidad dachten – jedenfalls viele davon – dass sie das Richtige, das „Gute“ tun. Dass sie sogar die „Brautgemeinde Christi“ sind. In dieser Überzeugung errichteten sie ein Terrorregime. Ein Phänomen, das sich in vielen Staaten und Gruppen beobachten lässt, die den Gottesstaat auf Erden realisieren oder schlicht eine andere Ideologie in einem sozialen Gefüge radikal materialisieren wollen. Auf einer weniger theoretischen Ebene war ich schlicht berührt von den Schicksalen und dem Leid einiger Menschen in der ehemaligen Colonia Dignidad. Und ich fragte mich, wie es möglich ist, nach diesen Erlebnissen von Opfersein, aber auch Tätersein gemeinsam weiterzuleben. Das hat mich gereizt, zu erfahren.

