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Betty Anne Waters Trailer und Filmkritik

FSK Film: 12 | Länge: 107 Min | Kinostart: 17.03.2011 | Release: 21.07.2011 (DVD&BD)
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Schauspieler:Hilary Swank, Sam Rockwell, Minnie Driver, Melissa Leo, Peter Gallagher, Juliette Lewis

Die Story:Für Betty Anne Waters (Hilary Swank) ist ihr großer Bruder Kenny (Sam Rockwell) der wichtigste Mensch im Leben. Schon als Kind stand er ihr immer zur Seite. Doch nun braucht Kenny dringend Betty Annes Hilfe. Denn sie ist die einzige, die noch an seine Unschuld glaubt, als er wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Betty Anne gibt Kenny ein beinahe unglaubliches Versprechen: Wenn er durchhält hinter Gittern, wird sie Jura studieren, Anwältin werden und das Verfahren eigenhändig aufrollen. Egal wie lange es dauert. Mit Hilfe ihrer besten Freundin Abra (Minnie Driver) besteht Betty Anne Jahre später die Anwaltsprüfung, aber nun fangen die Probleme erst an: Der Fall ist inzwischen verjährt, vom Beweismaterial fehlt jede Spur und die Zeugen von damals sind alles andere als kooperativ. Mehr als einmal scheint die Lage hoffnungslos, doch aufgeben ist für Betty Anne keine Option. Entschlossen und unnachgiebig ermittelt sie immer weiter - und entdeckt schließlich eine heiße Spur...

Hintergrund:In ihrer Rolle einer ebenso verzweifelt wie entschlossen um Gerechtigkeit streitenden Frau empfiehlt sich Hilary Swank zweifellos für ihren dritten Oscar. Feinfühlig inszenierte Regisseur Tony Goldwyn die auf einem wahren Fall basierende Geschichte der couragierten Betty, die mehr als 18 Jahre für die Rehabilitierung ihres Bruders kämpfte.



Mehr zum Film:

Betty Anne Waters kämpft gegen die übermächtigen Flügel des Systems, das für Menschen vom Schlage ihres Bruders Kenny kein Erbarmen kennt. Betty Anne ist eine Heldin des Alltags, eine Kämpferin, wie sie im Kino noch nicht zu sehen war.

Aus einfachsten Verhältnissen stammt die schmale, unauffällige Schönheit, besitzt weder Geld noch Bildung, als ihr Bruder des Mordes an einer jungen Frau bezichtigt wird. Ohnmächtig muss Betty Anne mitansehen, wie Kenny der Prozess gemacht wird, wie man ihn auf der Basis von läppischen Indizien und fragwürdigen Zeugenaussagen zu lebenslanger Haft verurteilt. Kenny ist unschuldig, daran besteht für Betty Anne nicht der geringste Zweifel. Als er im Gefängnis einen Selbstmordversuch begeht, kommt für sie die Stunde des Handelns: Sie nimmt Kenny das Versprechen ab, am Leben zu bleiben, und gibt ihm im Gegenzug ihr Wort, ihn da rauszuholen, koste es, was es wolle.

Bettys Logik: Hilft dir sonst keiner, musst du dir eben selbst helfen. Fortan ist sie eine Frau mit einem langfristigen Ziel. Den Schulabschluss wird sie nachholen. Jura studieren. Die Anwaltsprüfung bestehen. Kennys Fall neu aufrollen. Ihn schließlich rehabilitieren. Und sollten unterwegs irgendwelche Hindernisse auftauchen, egal wie groß oder schmerzhaft, dann werden sie eben aus dem Weg geräumt. Betty Annes Geschichte ist so unglaublich, dass sie eigentlich nur wahr sein kann. Und tatsächlich basiert BETTY ANNE WATERS, die vierte Regiearbeit des auch als Schauspieler bekannten Tony Goldwyn, auf einer wahren Begebenheit.

Goldwyn und seine Autorin Pamela Gray haben den Waters-Fall genau recherchiert und konnten dabei auf die Kooperation der echten Betty Anne Waters zählen, die geschlagene achtzehn Jahre ihres Lebens in den Kampf um die Befreiung ihres Bruders investierte. Alle Eckdaten des Films sind authentisch: Der Fund der verstümmelten Leiche am Rand von Ayer, Massachusetts, im Jahr 1980. Kennys Verurteilung zwei Jahre später.

Bettys aufopferungsvolles „Doppelleben“ als Ehefrau, zweifache Mutter, Kellnerin und Studentin. Ihr hartnäckiger Einsatz als Anwältin für Kennys Rechte während der neunziger Jahre. Goldwyn und Gray brauchten sich nur zu bedienen, so ungewöhnlich und aufregend waren die Details der Story.

Goldwyn erzählt die Geschichte von Betty Anne Waters auf drei Ebenen: die sechziger Jahre, während Kenny und Betty Anne eine zerrüttete Kindheit durchleiden, die gleichwohl von inniger Geschwisterliebe geprägt ist; die frühen Achtziger, in denen die inzwischen erwachsenen Geschwister ein ganz normales Kleinstadtleben führen und der ebenso charmante wie aufbrausende Kenny zunächst unter Mordverdacht gerät und dann verurteilt wird; schließlich die Neunziger, in denen Betty Anne zur detektivischen Ermittlerin reift und mit Akribie und Durchsetzungsvermögen ihrem Ziel näher kommt - wobei sie in Kauf nimmt, dass ihre Ehe scheitert, ihre Söhne sie verlassen und sie sich ein ums andere Mal fragen lassen muss, wieso sie ihr ganzes Leben für eine womöglich hoffnungslose Aufgabe opfert. Der Film funktioniert dabei weniger als klassisches (Gerichts-) Drama, sondern eher als kriminalistische Recherche. Stück für Stück kommt die junge Anwältin der Wahrheit näher und muss sich dabei mit den Tücken des amerikanischen Rechtssystems ebenso herumschlagen wie mit den Umständen eines Mordfalls, der sein Geheimnis viele Jahre später immer noch nicht preisgibt.

Hilary Swank, deren Biografie verblüffende Parallelen zu der von Betty Anne aufweist, spielt diese Frau mit einer wunderbaren Mischung aus Zerbrechlichkeit und Stärke. Anfangs noch das unbedarfte Mädchen vom Lande, verwandelt sie sich sukzessive in eine moderne und urbane Business-Frau, tauscht den Schlabberpullover gegen ein konservatives Kostüm - wobei sie keinen Zweifel daran lässt, dass jeder ihrer Schritte nur dazu dient, Kennys Befreiung ein Stück näher zu kommen. Die zweifache Oscar-Preisträgerin wirkt dabei so einnehmend und überzeugend, dass diese Rolle fortan als eine ihrer besten gelten wird. Und das will bei Swanks beachtlicher Filmografie etwas heißen.

Auch Sam Rockwell, zuletzt hochgelobt wegen seiner sensiblen Darstellung eines einsamen Astronauten im Science- Fiction-Drama MOON, bietet als Kenny Waters Schauspielkunst auf höchstem Niveau. Dieser Mann ist witzig und schlagfertig - wobei man nie so genau weiß, ob er im nächsten Moment mit Worten oder Fäusten austeilen wird. Kenny ist ein vielseitiger, unberechenbarer Charakter, eben noch humorvoll und verletzlich, jetzt schon rücksichtslos und brutal. Rockwell schafft es, diese ungewöhnliche Mischung glaubwürdig und selbstverständlich erscheinen zu lassen. Und er vermittelt die ungeheure Ambivalenz eines Mannes, dem man die Freiheit wünscht, obwohl man nie ganz sicher ist, ob er den Mord nicht doch begangen hat.

Neben den beiden verlässlich grandiosen Hauptdarstellern versammelt BETTY ANNE WATERS bis in die kleinsten Nebenrollen ein erstaunliches Ensemble. Das beginnt mit Melissa Leo als zwielichtiger Polizistin, setzt sich fort mit den von Clea DuVall und Juliette Lewis gespielten Lebensgefährtinnen Kennys, die vor Gericht fatale Aussagen gegen ihn machen, geht weiter mit der burschikosen Minnie Driver, die als Freundin und Kommilitonin mit Betty Anne durch Dick und Dünn geht und endet mit dem gewohnt imposanten Peter Gallagher als Chef des Innocence Projects, einer New Yorker Organisation, die sich auf die Wiederaufnahme bereits abgeschlossener Gerichtsfälle spezialisiert hat.


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nathalie kraftvoll

 




♥: Solide Hauptdarsteller, bewegende wahre Geschichte mit Zwischentönen
−: Biedere Optik, holperige Rückblenden, Träger Start, vorhersehbare Dramaturgie

In den USA kann man ziemlich schnell im Knast landen. Nach China haben die Vereinigten Staaten die höchste Inhaftierungsquote der Welt. Derzeit sitzen dort rund 2,5 Millionen Menschen hinter Gittern. Da darf davon ausgehen, dass auch die Quote der Fehlurteile ziemlich hoch ist. Entsprechend haben sich auch schon viele Filme mit fälschlich Verurteilten befasst, wie Clint Eastwoods "Ein wahres Verbrechen", Kevin Spaceys "Das Leben des David Gale" oder Harrison Fords "Aus Mangel an Beweisen". Auch "Betty Anne Waters" kämpft gegen einen Justizirrtum. Dabei ist der Film weniger aufregend als seine Artverwandten, basiert aber dafür auf einer wahren Geschichte.


Schon als Kinder sind Kenny Waters (Sam Rockwell) und seine Schwester Betty Anne unzertrennlich. Der Vater ist unbekannt, die Mutter egoistisch, lieblos und verantwortunglos. So wurden die Geschwister von einer Pflegefamilie zur anderen durchgereicht. Schon damals ist Kenny ein impulsiver, aber nicht allzu cleverer Troublemaker, und Betty-Anne gleichzeitig sein Schützling und seine Verteidigerin.
Die Rückblenden in die Kindheit und speziell in die Achtziger Jahre setzen auf Rockklassiker ("My Sharona") und schlimme Perücken, um oberflächlich das Gefühl der Zeit zu vermitteln.
Auch als sie erwachsen sind, geht Kenny keinem Streit aus dem Weg. Dabei haben beide inzwischen eigene Familien und Kinder. Als Kenny wieder mal verhaftet wird ist das keine Überraschung. Auf dem Polizeirevier ist er sowieso Dauergast. Irgendwas ist ja immer. Aber diesmal ist es ernst. Kenny soll eine alte Frau ausgeraubt und bestialisch erstochen haben. Es gibt Zeugen, denen er die Tat gestanden haben soll, der Täter hat dieselbe Blutgruppe und auch die Tatwaffe sieht aus wie Kennys Messer. Ein fairer Prozeß sieht anders aus. Wer schon ein paar US-Gerichtsdramen gesehen hat, könnte die Argumente der Anklage mit Leichtigkeit zerpflücken. Aber so wird Kenny 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Noch im Gerichtssaal verspricht Betty-Anne ihm, dass sie ihn rausholen wird. Aber wie ? Das braucht im US-Rechtssystem viel Geld - oder viel Zeit.
Sie beginnt mit einem Jurastudium, um ihren Bruder irgendwann selbst zu verteidigen. Das Geld für die teure Ausbildug verdient sie als Kellnerin, aber immer wieder steht sie kurz vor dem Abbruch oder dem Rausschmiß, weil sie wichtige Prüfungen vermasselt oder verpasst denn sie ist weder reich noch besonders talentiert. Dafür aber umso entschlossener. Doch die Doppelbelastung geht zu Lasten ihrer eigenen Familie. Ihr Mann verlässt sie und auch ihe Söhne haben irgendwann die Schnauze voll und wollen nicht mehr bei ihr leben. Diese Trennung erzählt der Film ziemlich routiniert, erst gibts Vorwürfe vom Ehemann, dann müssen die Kinder auf einen Angelausflug verzichten und schon ist die Familie im Eimer. Dabei hat sie sich geschworen, nie zu werden wie ihre eigene Mutter. Aber durch ihre Bruderliebe gerät sie in Gefahr, genau das selbe zu tun, wenn auch mit besseren Motiven. Einer ihrer Söhne stellt die entscheidende Frage: Warum hat sie ihr Leben dieser Sache geopfert ? Völlig unter den Tisch fallen lässt der Film die acht Geschwister, die Kenny und Betty-Anne hatten. Das hätte die dramaturgische Hänsel-und Gretel-Konstruktion der aufeinander angewiesenen Kinder gestört. Eine gute Freundin findet Betty Anne in der eleganten Abra Rice (MinnieDrier). Als Tochter wohlhabender Eltern ist sie eher die typische Jurastudentin, finanziell abgesichert und topgestylt. Wer in den USA vor Gericht bestehen will, ob als Verteidiger oder Angeklagter, der muss Geld haben. Oder enorm viel Geduld. Tatsächlich macht Betty-Anne mit ihrem Vorhaben lange Zeit kaum Fortschritte und so tritt der Film auch auf der Stelle. Das ändert sich erst 16 Jahre nach dem Urteil durch die Entwicklung der DNA-Analyse. Als Betty-Anne davon erfährt, sieht sie eine neue Chance für Kenny. Hier stellt die Realität der Filmdramatrugie ein Bein. Die Lösung fällt praktisch vom Himmel - und Betty-Annes mühselige Ausbildung wäre dafür auch kaum nötig. Allerdings ist es von der Chance des Gentests bis zur Anwendung und einem möglichen Freispruch immer noch ein weiter Weg. Denn die Behörden verschleppen jeden notwendigen Schritt, eine ehrgeizige Staatsanwältin will sich keine Verfahrensfehler nachweisen lassen und da sind auch noch die belastenden Zeugenaussagen unter anderem von Kennys Ex-Freundin (Juliette Lewis in ihrer standardisierten Schlampen-Darstellung). Da gibts für Betty Anne und Abra viel zu tun, bevor Kenny seine Freiheit genießen kann. Juristische Tricks spielen hier eine geringere Rolle als pure Hartnäckigkeit. Der Befreiuungskampf reduziert sich allerdings wenig packend darauf, Verantwortliche immer wieder mit Anrufen zu bombardieren und zu nerven.
Die Schuldfrage wird im Film auffallend augeblendet. Betty-Anne hat nie Zweifel an Kennys Unschuld und reagiert auf Fragen des Umfelds ziemlich gereizt. In der Realität belastende Indizien werden im Film heruntergespielt, um den Eindruck eines unfairen Prozesses zu verstärken.
Das starke Band zwischen Betty Anne und Kenny steht im Mittelpunkt. Dabei muss sie auch ihren Bruder immer wieder motivieren durchzuhalten. Denn der droht im Gefängnis zu zerbrechen, mal rastet er aus, mal droht er mit Selbstmord. Hier kann Sam Rockwell ("Iron-Man 2") sich schauspielerisch austoben. "Betty Anne Waters" ist eher ein Familien- als ein Justizdrama.

Regisseur Tony Goldwyn ist als Schauspieler ("Ghost", "Nixon") eigentlich bekannter als für seine Arbeit hinter der Kamera. Dabei hat er reihenweise an Top-Serien wie "Damages, "Grey´s Anatomy" und "Dexter" gearbeitet. Eine gute Schule für dramatisches Geschichtenerzählen, aber stilistisch bietet sein erster Kinofilm seit über zehn Jahren leider nur Hausmannskost.
Dass der Enkel von Studiogründer Samuel Goldwyn selbst als Regieneuling keine Probleme hatte Topstars wie Meryl Streep, Diane Lane und Viggo Mortensen für seine ersten Filme zu verpflichten, dürfte niemand überraschen. Autorin Pamela Gray hat schon für seine ersten Filme das Drehbuch geliefert, die allerdings eher leichte Kosten waren wie die Wohlfühldramen "A walk on the Moon" und "Music from the Heart".

Hauptdarstellerin Hilary Swank hat bereits zwei Oscars, zuletzt 2005 für "Million Dollar Baby". Und auch Julia Roberts konnte als Selfmade-Juristin im Justizdrama "Erin Brockovic" einen Goldjungen einsacken. Da wäre es nicht unwahrscheinlich, für Betty Anne Waters ähnliche Hoffnugnen zu hegen. Tatsächlich gabs Preise, die meisten allerdings aus bei Filmfesten in Boston/Massatchusetts, also dort wo die geschichte spielt und die Menschen mit dem Schicksal der Familie Waters seit Jahren bestens vertraut sind.

"Conviction" heißt der Film im Original. Das bedeutet einerseits Verurteilung, und bezieht sich auf den Schuldspruch gegen Kenny Waters. Andererseits bedeutet es Überzeugung und meint damit den festen Glauben von Betty Waters. Das war dem deutschen Verleih wohl zu hintergründig, der mit dem plumpen "Betty Anne Waters" vermutlich an den Erfolg von Julia Roberts Hit "Erin Brockovic" anknüpfen möchte. O.k., ganz unpassend ist der Vergleich nicht. Auch Betty ist eine simple Hausfrau und Mutter, die sich in den juristischen Dschungel wagt, um gegen Ungerechtigkeit anzukämpfen. Dabei ist sie weniger glamourös, oder schrill, als Erin. Und sie kämpft auch nicht für hunderte Geschädigte, sondern letztlich "nur" um ihren Bruder.

"Betty Anne Waters" erzählt eine berührende wahre Geschichte, manipuliert sein Publikum aber auch durch etliche Verkürzungen. Vor allem wird eine letzte tragische Entwicklung völlig verschwiegen:

 

ACHTUNG SPOILER:
Kenny starb sechs Monate nach der Freilassung bei einem Unfall. Das lässt den Einsatz seiner Schwester natürlich in einem anderen Licht erscheinen und hätte einen Schatten auf das Happy-End geworfen. Dabei wäre doch gerade dieses Finale ein starkes Plädoyer, bei Schuldsprüchen sorgfältiger zu sein.



© Marcus Fliegel | Filmkritiken Übersicht

Weitere Infos zum Film:

BETTY ANNE WATERS erzählt eine unglaubliche, aber wahre Geschichte. Sie handelt von einer scheinbar gewöhnlichen Frau aus der Arbeiterklasse, die etwas gänzlich Ungewöhnliches auf sich nahm. 18 Jahre lang ließ sie nichts unversucht, um die Unschuld ihres Bruders Kenny zu beweisen, den man wegen eines abscheulichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt hatte.

Betty Anne holte den Highschool-Abschluss nach, dann das College. Schließlich studierte sie Jura und bestand die Prüfungen in zwei Bundesstaaten. Ihr einziges Ziel dabei war: ihren Bruder, dem sie schon als Kind versprochen hatte, ihn niemals im Stich zu lassen, selbst als Anwältin zu vertreten. In dieser Funktion ließ sie nichts unversucht, folgte jeder noch so kleinen Spur, um Kennys Unschuld zu beweisen.

Im Frühling 2001 wurde die Geschichte von Betty Anne und Kenny Waters publik. Regisseur Tony Goldwyn wurde von seiner Frau, die einen Beitrag darüber im Fernsehen gesehen hatte, auf das Thema aufmerksam gemacht. Goldwyn, dessen Regiedebüt A WALK ON THE MOON ebenfalls ein Frauenporträt vor historischem Hintergrund war, erkannte auf Anhieb das filmische Potential des Stoffes. Diese Story würde über das klassische Gerichtsdrama weit hinausgehen und stattdessen eine emotionale Detektivgeschichte über familiäre Loyalität und Entschlossenheit erzählen. „Betty Anne hat ihrem Bruder, der genauso gut schuldig hätte sein können, so sehr vertraut, dass sie dafür unglaublich viel aufgegeben hat. Für mich ergaben sich daraus zwei Fragen: Wie entstand diese innige Verbindung zwischen den beiden? Und: Wie kommt es, dass wir so viel Energie aufbringen können für die Menschen, die wir lieben?“

Goldwyn musste sich selbst auf eine neunjährige Reise begeben, um seinen Traum von der Verfilmung des Falles realisieren zu können. Seine Mission begann mit dem Erwerb der Rechte, die sich bereits der New Yorker Produzent Andrew S. Karsch gesichert hatte, der den Film schließlich gemeinsam mit Andrew Sugerman produzierte. Danach machte sich Goldwyn an die Recherche. Er fuhr nach Massachusetts, in die Heimatstadt der Waters’, um herauszufinden, wer Betty Anne und Kenny wirklich waren.

Obwohl sie als Kinder oft bei verschiedenen Pflegeltern gelebt hatten, waren die beiden einander stets liebevoll verbunden geblieben. Die wesentlichen Fakten des Falls: 1980 hatte man die Kellnerin Katharina Brow ermordet in ihrem Wohnwagen gefunden, mit mehreren Stichwunden und um 1.800 Dollar beraubt. Gleich danach hatte man Kenny Waters, der in der Nähe von Brow lebte und einen Ruf als Unruhestifter besaß, vernommen und er hatte unmissverständlich seine Unschuld beteuert. Zwei Jahre später führten jedoch die Aussagen zweier Exfreundinnen, die beide erklärten, er habe ihnen gegenüber die Tat gestanden, zur Verurteilung wegen Mordes und zu lebenslanger Haft. Konkrete Beweise waren im Lauf der Verhandlung allerdings nicht aufgetaucht. Betty glaubte nicht eine Sekunde an die Schuld ihres Bruders.

Das Drehbuch

Ein paar Wochen später kehrte Tony Goldwyn gemeinsam mit der Drehbuchautorin Pamela Gray, mit der er bereits bei A WALK ON THE MOON erfolgreich zusammengearbeitet hatte, in das Waters-Haus zurück. Eine Woche lang ließen sie sich von Betty Anne Details aus ihrem Leben und dem ihres Bruders erzählen. Sie berichtete ihnen von dem ungewöhnlichen Versprechen, das sie ihrem Bruder gegeben hatte. „Ich sagte: ‚Du versprichst, dass du am Leben bleibst, und ich werde dafür Jura studieren’“, erinnert sich Betty Anne. „Es dauerte unglaublich lange, und Kenny verzweifelte zusehends. Aber irgendwie glaubte er daran, dass ich einen Weg finden würde. Er hat mir wirklich vertraut. Ich kann immer noch nicht glauben, wie sehr er mir vertraute.“

„Betty Anne ist eine großartige Geschichtenerzählerin“, sagt Gray. „Sie war so voller Leidenschaft und man erkannte sofort, dass sie nur aus Liebe gehandelt hatte. Sie versuchte das Unmögliche, und ganz gleich, wie oft sie Angst vor dem Scheitern hatte, sie machte immer weiter.“ „In gewisser Weise übten wir eine therapeutische Wirkung auf sie aus“, meint Goldwyn. „Wir zeichneten alles auf, und abends im Hotel überlegten Pamela und ich dann, wie wir all diese wahrhaft unglaublichen Geschichten aus mehr als 40 Jahren in einen Film packen sollten.“ Sie entwickelten eine Struktur, die all die Stränge aus dem Leben von Bruder und Schwester zu einer Art persönlicher Detektivgeschichte verwoben. Außerdem studierte Gray bergeweise Gerichtsprotokolle, die sie durchaus fesselnd fand. „Es gab Leute, die logen oder sich in Widersprüche verstrickten, und es war faszinierend, die Ereignisse aus dem Gerichtssaal mit Betty Annes Erzählungen zusammenzufügen“, erinnert sie sich.

Eine der größten Herausforderungen beim Schreiben des Drehbuchs bestand laut Gray darin, dass es schlicht und ergreifend zu viel Material gab und sie sich von vielem nur schweren Herzens trennen konnte. „Die wahre Geschichte besaß eine erstaunliche Menge an Spannung und Drama, mehr als ich mir je hätte vorstellen können“, sagt Gray. „Es gab Überraschungen und viel filmtaugliches Material. Die wichtigste Frage war für mich, was ich streichen konnte und wie sich die Geschichte auf ergreifende Weise vorantreiben ließ.“

Während der Arbeit empfand die Autorin ein großes Gefühl der Verantwortung gegenüber den Waters-Geschwistern. „Ich wollte Betty Annes Leistung aufrichtig würdigen, genau wie ihren Bruder, der wegen einer furchtbaren Ungerechtigkeit sein halbes Leben verloren hat.“ Zugleich wollte Gary sich aber in kreativer Hinsicht nicht behindern lassen. Wie bei allen „wahren Geschichten“ musste sie die Balance zwischen Authentizität und Erfindung herstellen. „Es war ein Prozess, bei dem ich die wahren Ereignisse mit den Mitteln der Fiktion in eine erzählerische Form brachte“, erklärt sie. „Drei Themen ziehen sich durch den ganzen Film: Geschwisterliebe, die mutige Frau, die eigentlich keine realistischen Erfolgschancen besitzt, und das Rechtssystem, das manchmal korrupt ist und Menschenleben zerstört.“

Diese Vielschichtigkeit überzeugte Oscar-Preisträgerin Hilary Swank davon, nicht nur die Hauptrolle des Films zu übernehmen, sondern auch als Ausführende Produzentin zu fungieren. „Wir alle wollten diese außergewöhnliche Geschichte erzählen“, sagt Swank, „und es hat lange genug gedauert, bis es endlich soweit war. Wahre Geschichten haben immer schon eine starke Faszination auf mich ausgeübt, denn das Leben ist seltsamer als die Fiktion – und diese Geschichte erstaunte, berührte und inspirierte mich. Die starke Verbindung zwischen Bruder und Schwester hatte es mir besonders angetan.“

Die Entwicklung des Drehbuchs verlief alles in allem problemlos, doch bei der weiteren Umsetzung stießen Tony Goldwyn und seine Produzenten auf eine ganze Reihe von Hindernissen. Als sie gerade loslegen wollten, „fiel alles auseinander“, berichtet Goldwyn. „Die Screen Actors Guild drohte mit einem Streik, die Branche machte einen Veränderungsprozess durch, und die Studios stoppten sämtliche Produktionen. Nach langwierigen Verhandlungen gab uns die Schauspielergewerkschaft schließlich grünes Licht, den Film als unabhängige Produktion herzustellen. So konnten wir ihn in einer ziemlich verrückten Phase doch noch machen, und von da an konnte uns nichts mehr stoppen.“

Das Casting

Beim Casting ging es Goldwyn in erster Linie um die Ausgewogenheit des Ensembles. Gleich drei Oscar-nominierte Schauspielerinnen konnte er seinen beiden Hauptdarstellern an die Seite stellen: Minnie Driver, Juliette Lewis und Melissa Leo.

„Es sind eine Reihe außergewöhnlicher darstellerischer Leistungen, die diesem Film seine Kraft verleihen“, erklärt Produzent Andrew S. Karsch. Und Andrew Sugerman ergänzt: „Unser Cast bestand durchweg aus starken Schauspielern, zugleich war niemand in der Lage, dem anderen die Show zu stehlen, denn jeder von ihnen schafft es, seine Figur ganz real erscheinen zu lassen. Es waren keine Egos oder Attitüden im Spiel. Alle verband das gemeinsame Ziel, diese Geschichte so wahrhaftig wie möglich zu erzählen.“

Es begann natürlich mit der Besetzung von Betty Anne, für die Goldwyn eine Schauspielerin suchte, die eine große innere Kraft darzustellen vermag – eine Fähigkeit, die man nicht nur wegen ihrer Rolle als Boxerin in Clint Eastwoods MILLION DOLLAR BABY oder wegen ihres „Geschlechtertauschs“ in BOYS DON’T CRY mit Hilary Swank assoziiert. Für den Regisseur lag der Schlüssel in den Gemeinsamkeiten zwischen Swank und Betty Anne. „Im Kern sind sie einander sehr ähnlich“, sagt er. „Hilary wuchs in einem Trailerpark auf und kam im Alter von 15 Jahren mit ihrer Mutter nach L.A., um Schauspielerin zu werden. Sie lebten in einem Auto. Sie mag nicht unbedingt dieselben Probleme gehabt haben wie Betty Anne, aber auch Hilary musste viel tun, um ihre Träume zu verwirklichen. Sie ist unermüdlich. Sie arbeitet hart und ist so gut vorbereitet, dass alles mühelos wirkt. Sie ist einfach Betty Anne.“

Als Goldwyn ihr die Rolle anbot, hatte Swank eigentlich gerade beschlossen, vorerst keine realen Figuren mehr zu spielen. Aber nachdem sie sich erst einmal mit dem Stoff befasst hatte, ging ihr Betty Anne nicht mehr aus dem Kopf. Insbesondere das intensive Verhältnis der Geschwister, die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen, hatte es ihr angetan. Zunächst war sich Swank nicht sicher, ob sie die wahre Betty Anne überhaupt kennenlernen wollte, aber schließlich entwickelten die beiden ein enges Verhältnis, was Swank dabei half, die Figur plastischer zu gestalten. „Ich machte mir Sorgen, dass ich, wenn ich sie erst einmal kennengelernt hätte, mich verpflichtet fühlen würde, genauso zu sein wie sie. Und diese Art von Realitätstreue halte ich eigentlich nicht für notwendig, um eine Geschichte authentisch zu erzählen. Ich wollte lieber meinen eigenen Weg finden, sie auf glaubwürdige Weise darzustellen“, erklärt Swank. „Als ich sie dann schließlich doch traf, gab mir das einfach nur die Möglichkeit, sie besser zu verstehen.“

Am Ende durfte die echte Betty Anne sogar am Set zuschauen. „Davon habe ich oft gar nichts mitbekommen“, erzählt Swank. „Für sie hatte das, glaube ich, etwas Kathartisches. Es kam mir nie so vor, als würde sie meine Arbeit kritisch begutachten.“ Waters empfand es als surreal, Swank in ihre Rolle schlüpfen zu sehen: „Es war ein seltsames Gefühl. Als würde ich mir selbst zuschauen.“

Swank ging voll in ihrer Rolle auf. „Hilary ist eine Schauspielerin, die sich nie über jemand anderen stellt. Sie benimmt sich nicht wie ein Star, und deshalb kann man ihr wie einer ganz normalen Person begegnen“, sagt Produzent Sugerman. „Ich glaube, das ist eine wichtige Qualität, die sie in ihre Rolle einbringt, denn schließlich war Betty Anne eine ganz durchschnittliche Frau, die eine überlebensgroße Aufgabe zu erfüllen hatte. Hilary stellt das auf eine Art und Weise dar, die das Publikum sehr berühren wird.“

Goldwyn wusste, dass Betty Annes Glaubwürdigkeit außerdem stark von der Darstellung des Kenny Waters abhängen würde – eines Mannes, der sich vom jungen Draufgänger in einen verbitterten Häftling verwandelt, betrogen vom System, im Stich gelassen und verzweifelt um sein Leben kämpfend. Von Anfang an hatte Goldwyn für diesen Part an Sam Rockwell gedacht. Rockwell ist bekannt für seine Fähigkeit, extreme Charaktere darzustellen, so etwa die Hauptfigur in George Clooneys GESTÄNDNISSE – CONFESSIONS OF A DANGEROUS MIND, sowie den verrückten Killer in Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford an der Seite von Brad Pitt oder zuletzt der mehrfach geklonte Astronaut im hochgelobten MOON.

„Wir wussten, dass wir für Kenny jemanden brauchten, der extreme Kontraste in sich vereint“, erinnert sich Goldwyn, „jemanden mit einem großen Herz, in den man sich auf der Stelle verlieben kann, der aber auch etwas Wahnsinniges hat, etwas Gewalttätiges, so dass man ihm einen Mord zutrauen würde. Jemand Launenhaften – wie Sam.“

Karsch schloss sich Goldwyns Meinung an, als er Rockwell als unverstandenen Außenseiter in LAWN DOGS – HEIMLICHE FREUNDE sah, eine Darstellung, die dem Schauspieler viel Kritikerlob eingebracht hatte. „Da bekam ich eine Ahnung von der unglaublichen Bandbreite, die er für die Rolle des Kenny mitbrachte“, erklärt Karsch. „Trotzdem ist dies eine ganz andere Art von Rolle für Sam. Sie hat etwas Poetisches an sich.“

Sugerman ergänzt: „Sam verfügt über alles, was Kenny ausmacht: die Fähigkeit, hart, wild, ein bisschen verrückt, aber auch einfühlsam zu sein. Er ist so unvorhersehbar, dass man ihm einen Mord zutrauen würde, weil man nie weiß, was er als nächstes tun wird. So wie Sam ihn verkörpert, möchte man ihm nicht im falschen Moment begegnen, aber er verfügt auch über echte Wärme und Zärtlichkeit. Am Ende ging seine Leistung weit über das hinaus, was wir uns je vorgestellt hätten.“

Um sich in Kenny hineinversetzen zu können, betrieb Rockwell eine intensive Recherche über das Gefängnisleben. Er sprach mit ehemaligen Häftlingen und las mehrere Gefängnis-Memoiren, darunter „In the Belly of the Beast“ von Jack Abbott. Der wahre Kenny war leider in der Zwischenzeit verstorben, aber Rockwell konnte sich Aufzeichnungen der Gerichtsverhandlung ansehen und ausgiebig mit Betty Anne über Kenny sprechen. „Ich fand Betty Anne großartig“, sagt Rockwell. „Sie ist eine Frau, die aus Liebe zu ihrem Bruder Außergewöhnliches leistete. Ich denke, das ging zurück bis in ihre Kindheit, die so traumatisch war, dass sie sich wie ein Krieg anfühlte, den die beiden durchstehen mussten. Als man sie in verschiedene Pflegefamilien steckte, gaben sie einander das Versprechen, immer füreinander da zu sein, und dadurch entstand dieser starke Zusammenhalt, der sie auch noch als Erwachsene verband.“

Das erstaunliche Ensemble um Swank und Rockwell besteht nicht nur aus Lewis, Driver und Leo, sondern auch aus Peter Gallagher, Ari Graynor und Clea DuVall. „Wir haben viel auf uns genommen, um jede Rolle perfekt zu besetzen. Jeder Charakter, ob gut oder böse, musste sich lebendig, komplex und total authentisch anfühlen“, erklärt Goldwyn. Minnie Driver wurde für die Rolle der Abra Rice ausgewählt, die während Betty Annes Jurastudium zu ihrer besten Freundin wird, ihr lebenslustiger Gegenpart und der Fels in der Brandung, den Betty ein ums andere Mal braucht, um durchzuhalten. „An Abra gefällt mir“, erklärt Driver, „dass sie und Betty Anne einander so ergeben sind. Wenn man diese Art von Freundschaft in seinem Leben hat, jemanden, der einem so nah steht, als sei er Teil der eigenen Familie, kann man sich glücklich schätzen. Diese beiden Frauen würden füreinander durchs Feuer gehen.“ Melissa Leo, für ihre Rolle in FROZEN RIVER als Beste Nebendarstellerin für den Oscar nominiert, übernahm den Part von Polizistin Nancy Taylor und überraschte Tony Goldwyn mit ihrer Interpretation der Rolle. „Sie liefert eine überaus interessante und überzeugende Darstellung“, schwärmt er.

Juliette Lewis spielt eine der beiden Ex-Freundinnen, die vor Gericht gegen Kenny aussagen. „Sie hat nur zwei Szenen im Film“, erklärt Goldwyn, „aber Juliette stürzte sich voll und ganz auf die Rolle der Roseanna. Sie kümmerte sich leidenschaftlich um jedes Detail und schuf so einen unvergesslichen Charakter, obwohl sie über kaum mehr als zehn Minuten Leinwandzeit verfügt.“ Eine weitere zentrale Figur, Barry Scheck, der Leiter des Innocence Project, das es sich zum Ziel macht, unschuldig Verurteilte frei zu bekommen, wird von Peter Gallagher verkörpert. Kurz zuvor hatte er noch in dem Bühnenstück „The Exonerated“ mitgewirkt, das von sechs Menschen handelt, die zu Unrecht des Mordes für schuldig befunden werden. Bei seinen Recherchen setzte sich Gallagher intensiv mit dem Innocence Project auseinander. „Wenn man von den Methoden erfährt, mit denen falsche Geständnisse erpresst werden, oder von dem Eifer, mit dem einige Polizisten und Staatsanwälte Verurteilungen herbeiführen, anstatt für Gerechtigkeit zu sorgen, dann ist das schon ziemlich schockierend“, berichtet Gallagher. „Kennys Misere ist zutiefst bewegend, er erfuhr keinerlei Unterstützung von offizieller Seite.“

Der Dreh

Als es an die Konzeption des visuellen Designs von BETTY ANNE WATERS ging, hatte Tony Goldwyn ein klares Ziel vor Augen: Kamera, Szenenbild und Kostüme sollten absolut realistisch sein und dabei die Veränderungen während Bettys fast zwanzigjähriger Geschichte dokumentieren. Dabei arbeitete Goldwyn eng mit dem brasilianischen Kameramann Adriano Goldman zusammen, zu dessen Filmen SIN NOMBRE und CITY OF MEN zählen. Ihre Schauspieler wollten die beiden so fotografieren, „dass sie wie normale Menschen mit heroischen Absichten“ erscheinen würden, so Goldman. Dabei blieb er seinem Handkamerastil treu. „Die Szenen, in denen wir näher an den Figuren dran sein wollten, haben wir alle aus der Hand gedreht“, erklärt Goldman. „Ich mag diesen Stil. Er erlaubt mir, permanent den Bildausschnitt zu verändern und eine direkte Beziehung zwischen dem Schauspiel und den Kamerabewegungen herzustellen. Ich sage immer gerne, dass die Kamera mit den Akteuren tanzt. Nur in den Gerichtsszenen haben wir uns für einen Dolly entschieden, um das Ganze eher klassisch und neutral zu halten.“

Produktionsdesigner Mark Ricker, zu dessen Filmen JULIE & JULIA und die HBO-Produktion YOU DON’T KNOW JACK gehören, hatte die Aufgabe, drei verschiedene historische Phasen abzubilden: Mitte der Sechziger (als Betty Anne und Kenny noch Kinder waren), die frühen Achtziger (als der Mord und Kennys Verurteilung stattfanden) und Mitte der Neunziger (als Betty Anne Jura studierte und Kennys Fall aufrollte). Auch Ricker erhielt von Tony Goldwyn die Ansage, alles so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. „Nichts durfte künstlich wirken in diesem Film“, sagt Ricker, „nicht nur, weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, sondern weil alles sehr unmittelbar rüberkommen sollte.“ Für Ricker bedeutete das, sehr detailgetreu zu arbeiten, ohne die Ausstattung je in den Vordergrund treten zu lassen. „Selbst 1995 darzustellen kann eine Herausforderung sein – es ist nur fünfzehn Jahre her, aber man muss erst einmal all die Computer, Handys und Alltagsgegenstände von damals auftreiben, denn gerade dieses Zeug verändert sich sehr schnell.“

Gedreht wurde in Michigan, wo Ricker diverse Locations bauen und ausstatten musste, von Diners zu Bars, vom Gericht über die Polizeiwache bis zur Uni-Bibliothek, und alles mit einem Massachusetts-Touch, denn dort ist die Geschichte angesiedelt. „Wir unternahmen eine Mini-Tour durch Massachusetts, um uns die Umgebung, in der Betty Anne und Kenny lebten, ganz genau anzusehen“, berichtet Ricker. „Das war für uns sehr wichtig.“

Wann immer es möglich war, wurden Gegenstände, die den realen Personen gehörten, im Film benutzt, was zu noch mehr Authentizität führte. „Schnitzereien, Tabletts und Kisten, die von Kenny hergestellt worden waren, wurden zu Requisiten“, sagt Ricker. „Wir verwendeten auch reale Kinderfotos von Kenny und Betty Anne. Sie schickte uns ihre Jura-Jahrbücher, ihre Schreibhefte, ihre Notizbücher. Sogar Aidans Pub in Bristol schickte uns Fotos von seiner Bar.“ Kostümdesignerin Wendy Chuck, die zuvor die Kostüme für den Vampirhit TWILIGHT entworfen hatte, konzentrierte sich ebenfalls auf Authentizität. Sie nahm Kontakt mit Betty Anne und Abra Rice auf, um sich von ihnen berichten zu lassen, welche Kleidung sie seinerzeit getragen hatten. Sie arbeitete auch mit Fotos von Betty Anne und Kenny und durchstöberte sämtliche Secondhandläden von L.A. auf der Suche nach passenden Outfits. Anschließend arbeitete sie eng mit Hilary Swank, Sam Rockwell und dem Rest des Ensembles zusammen, um den jeweils richtigen Look für die Figuren zu entwickeln. „Für jeden von ihnen machten wir uns Gedanken darüber, wo sie wohl einkaufen gehen, was und wie sie es wohl tragen würden“, erklärt Chuck. Die Realität hatte dabei großen Einfluss auf das Design. „Zum Beispiel“, fährt Chuck fort, „erfuhr ich von Betty Anne, dass sie im Laufe der Zeit zehn Pfund zugenommen hatte, und das brachte mich auf die Idee, wie man die Zeitsprünge darstellen konnte. Wir haben dann einen leichten Fat Suit für Hilary hergestellt, sehr subtil, aber es vermittelt die Veränderung und war auch für Hilary eine Hilfe.“

Bei der Postproduktion arbeitete Tony Goldwyn eng mit dem Cutter Jay Cassidy zusammen, der beim Schnitt von Sean Penns INTO THE WILD schon einmal bei einer verschachtelt erzählten Geschichte nach wahren Begebenheiten Grandioses geleistet hatte und dafür mit einer Oscar- Nominierung belohnt worden war. Die beiden suchten nach Wegen, um die Puzzleteile ihres Plots so zusammenzusetzen, dass das Publikum sowohl gespannt als auch emotional involviert bleiben würde. „Die Geschichte erstreckt sich über achtzehn Jahre zwischen Kennys Verhaftung und Freilassung. Dazu kommen die Flashbacks in die Kindheit von Kenny und Betty Anne – und im Schneideraum bestand die große Herausforderung darin, für jede Figur eine schlüssige emotionale Linie über die gesamte Spanne hinweg zu finden“, erklärt Cassidy. „Tony war entschlossen, die Zeitsprünge so hinzubekommen, dass wir auf konventionelle Titel mit Jahreseinblendungen verzichten konnten. Und das ist uns gelungen.“

Unschuld

Ohne die bemerkenswerte Entschlossenheit seiner Schwester wäre Kenneth Waters niemals freigekommen. Aber auch sie erhielt Unterstützung von einer Organisation, die schon viele Menschenleben gerettet hat: das New Yorker Innocence Project, 1992 von den beiden Anwälten Barry Scheck und Peter Neufeld gegründet, um Strafgefangenen zu helfen, deren Unschuld sich womöglich mithilfe eines DNS-Tests nachweisen ließe. Bis heute sind in den Vereinigten Staaten 258 Menschen aufgrund von DNS-Tests nachträglich freigesprochen worden, darunter 17 unschuldig zum Tode Verurteilte.

Diese Menschen verbüßten bis zu ihrer Entlassung im Schnitt eine 13-jährige Haftstrafe, rund 70 Prozent von ihnen entstammen gesellschaftlichen Minderheiten. Das Innocence Project weist immer wieder auf die strukturellen Fehler im amerikanischen Rechtssystem hin, die dazu führen, dass Männer und Frauen für Straftaten belangt werden, die sie nicht begangen haben. Als Betty Anne Waters Beweisstücke entdeckte, die zu einer Freilassung Kennys hätten führen können, wandte sie sich mit einem leidenschaftlichen Appell an Barry Scheck und bat um seine Unterstützung. Das Innocence Project erhält jedes Jahr hunderte solcher Anfragen, aber als Barry Betty Annes Geschichte hörte, wusste er, dass dieser Fall etwas Besonderes war. „Man bekommt nicht jeden Tag einen Anruf von jemandem, der sagt: ‚Ich habe gerade meine Anwaltsprüfung abgelegt und vertrete jetzt meinen Bruder.’ Sie war voller Leidenschaft und Entschlossenheit“, erinnert sich Scheck. „Wir nahmen uns die Gerichtsmitschriften vor und mir war sofort klar, dass wir es mit einem unschuldigen Mann zu tun hatten.“ Scheck traf Kenny gegen Ende der Ermittlungen auch persönlich. „Er war einer der interessanteren und humorvolleren Gefangenen, die ich kennengelernt habe“, sagt er. „Er war sehr intelligent, ein großartiger Geschichtenerzähler, und er hatte eine wirklich besondere Beziehung zu Betty Anne.“

Mit Schecks Hilfe gelang es Betty Anne Waters schließlich im März 2001, die Freilassung ihres Bruders zu erwirken. Der Mordfall Katharina Brow bleibt weiter ungelöst. Die gefundene DNS könnte den Mörder zwar überführen, aber es gibt keine Verdächtigen. Der Film ist Kenny gewidmet. Er starb, nach nur sechs Monaten in Freiheit, am 19. September 2001 an den Folgen eines Sturzes. Er war 47 Jahre alt. „Egal, ob Kenny noch sechzig Jahre, sechs Monate oder auch nur sechs Tage gelebt hätte, er war schließlich wieder ein freier Mann und starb als freier Mann. Endlich konnte er eine Beziehung zu seiner Tochter aufbauen, die ihn nie kennengelernt hatte“, sagt Betty Anne. „Als er starb, war seine Ehre wiederhergestellt, und die Wahrheit war ans Licht gekommen.“