Biutiful Trailer und Filmkritik
FSK Film: 16 | Länge: 147 Min | Kinostart: 10.03.2011 | Release: 22.09.2011 (DVD&BD)
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Schauspieler:Javier Bardem, Maricel Álvarez, Hanaa Bouchaib, Guillermo Estrella, Eduard Fernández
Die Story:BIUTIFUL erzählt die Geschichte von Uxbal (Javier Bardem): Hingebungsvoller Vater, verzweifelter Liebhaber und Kleinganove im Untergrund. Ein Mann, den die Last seines Lebens und immer neuer Herausforderungen erdrücken würde, hätte er nicht die Liebe zu seinen Kindern Ana (Hanaa Bouchaib) und Mateo (Eduard Fernández). Sie hält ihn aufrecht, wenn es nicht weiterzugehen scheint, gibt ihm Kraft, wenn er das Licht am anderen Ende des Tunnels aus den Augen verliert. Für ihr Leben gibt Uxbal alles, während er mit nicht immer legalen Mitteln versucht zu überleben. Wie ein Wanderer bewegt sich Uxbal zwischen den Welten am Rande eines modernen, unbekannten Barcelona, auf der Suche nach Versöhnung mit seiner Frau Marambra (Maricel Álvarez), seinen Kindern und doch letztendlich mit sich selbst. Eingängig, intim. Ein Film, der lange nachwirkt.
Hintergrund:Der Star des spanischen Films trifft den großen Poeten des mexikanischen Kinos: Unter der Regie von Alejandro González Iñárritu beweist Javier Bardem (Oscar für No Country for Old Men), warum er zu den großen Schauspielern der Gegenwart zählt. Als Mann, der selbst in Momenten der Verzweiflung nie vergisst, seinen Kindern ein guter Vater zu sein, und danach strebt, seine spirituelle Ader mit der harten Realität eines in Schatten getauchten Barcelonas auszusöhnen, liefert Bardem eine epochale Darstellerleistung. Nach Babel, 21 Gramm und Amores perros der neue Film des Regisseurs Alejandro González Iñárritu mit Oscar-Preisträger Javier Bardem in der Hauptrolle, für die dieser bei den Filmfestspielen in Cannes 2010 als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Vom Produzenten von Babel, Broken Flowers und Schmetterling und Taucherglocke. Iñárritus Barcelona-Blues zeigt das Porträt eines Mannes der anderen zu helfen versucht, um sich selbst zu retten. Eingängig, intim. Ein Film, der lange nachwirkt. BIUTIFUL ist unter anderem für den Golden Globe in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert. Die Verleihung findet am 16. Januar 2011 in Los Angeles statt.
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Der Star des spanischen Films trifft den großen Poeten des mexikanischen Kinos: Unter der Regie von Alejando Gonzalez Inàrritu beweist Javier Bardem (Oscar® für „No Country for Old Men“), warum er zu den großen Schauspielern der Gegenwart zählt. Als Mann, der selbst in Momenten der Verzweiflung nie vergisst, seinen Kindern ein guter Vater zu sein, und danach strebt, seine spirituelle Ader mit der harten Realität eines in Schatten getauchten Barcelona auszusöhnen, liefert Bardem eine epochale Darstellerleistung.
Vom Produzenten von „Babel", „Broken Flowers" und „Schmetterling und Taucherglocke". Nach „Babel“„21 Gramm“ und „Amores Perros“, das neue filmische Meisterwerk von Alejandro González Iñárritu.
Eure Meinung zu "Biutiful"

♥: Grandioser Javier Bardem, emotional mitreißendes Drama, bedrückendes Gesellschaftsporträt
−: zäher Anfang, zuviele Handlungsstränge, Längen
Die Filme von Regisseur Alejandro Gonzalez Inarritu wie "Babel" werden regelmäßig mit Preisen geehrt überschüttet. Für "Biutiful" wurde Javier Bardem beim Filmfestival in Cannes als bester Darsteller ausgezeichnet. Tatsächlich kann man sich keinen anderen Schauspieler vorstellen, der die Hauptrolle so vielschichtig und eindringlich auf die Leinwand bringen würde wie Javier Bardem.
Uxbal (Javier Bardem) ist ein widersprüchlicher Mensch. In den weniger schönen Ecken von Barcelona, in die Touristen sich nie verirren hält er sich unter illegalen Einwanderern und Kriminellen mit dubiosen Geschäften mühevoll über Wasser. Er ist gleichzeitig ein moderner Sklaventreiber, ein Opfer der Umstände aber auch ein liebevoller Vater, der sich neben seinen Kindern Ana (Hanaa Bouchaib) und Mateo (Guillermo Estrello), auch um seine psychisch kranke Ex-Frau Amrambra (Maricel Alvarez) kümmert. Als wäre das nicht genug, erfährt Uxbal, dass er todkrank ist. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit sein verkorkstes Leben in Ordnung zu bringen und für all die zu sorgen, die von ihm abhängen.
Nach seinem Oscar-Erfolg "Babel", in dem er mit Starbestzung (Brad Pitt, Cate Blanchett) eine globale Geschichte an drei über die Welt verstreuten Orten in verschiedenen Kulturen erzählte, hatte Innaritu genug von verschachtelten Erzählungen. Sein nächstes Projekte sollte schlichter sein. Dabei zeigt er jedoch ein ganz eigenes Verständnis davon, was ein simpler Film ist. Sicher, es gibt nur einen Schauplatz, und nur einen Hauptdarsteller. Aber dessen Leben und seine verzweifelte Odyssee durch Barcelona könnten kaum komplizierter sein. Dutzende Menschen hängen von Uxbal ab, zerren an ihm, wollen etwas von ihm. Und der Menschenhändler mit dem guten Herzen weiss nicht, wie er sich dem entziehen kann. Eine illegale Immigrantin aus Afrika (Diaryatou Daff)braucht seine Hilfe, weil ihr drogendealender Freund abgeschoben werden soll. Ein kleine Chinesin (Taisheng Cheng), die mit ihren Leidensgenossen in einem finsteren Keller haust, wird zur Babysitterin für Uxbals Kinder.
Seine Frau ist manisch depressiv, unberechenbar und oft unerträglich - und doch war sie einmal seine große Liebe und die Kinder brauchen sie. Dazu kommt noch Uxbals Bruder und das gestörte Verhältnis zum Vater der beiden, den sie nie richtig kennengelernt haben.
Mit all diesen Geschichten ist der Film eigentlich hoffnungslos überladen - aber eben auch umso realistischer. Wessen Leben ist schon wirklich überschaubar und einfach ?
"Biutiful" ist jedoch nicht nur ein Sozialdrama über das Leben am Rande des Wohlstands, unter den Verlierern der Globalisierung, sondern streift auch immer wieder die Welt des Surrealen und Übernatürlichen. So wie Uxbal körperlich zunehmend verfällt, so wird auch die Wohnung seiner Familie von einem fast schon grotesk großen Schimmelpilz zerfressen. Und ausgerechnet der abgerissene Gauner Uxbal hat offenbar einen direkten Draht ins Jenseits, er kann mit Toten reden und so die Hinterbliebenen trösten. Ihm selbst scheint diese Gabe aber keine Ruhe in Hinsicht auf sein eigenes Ableben zu geben. Oder ist dieses Talent auch wieder nur eine Geschäftsmasche ? Und was war das ? Bekommt Uxbal da in einer Szene etwa einen Heiligenschein verpasst ? Oder wars doch nur eine Sonnenreflexion ? In vielen Szenen muss man sich die Bedeutung selbst erarbeiten. Inarritu zwingt einem keine Deutung auf. Dadurch ist "Biutiful" ein sehr anstrengender Film. Auf dem ersten Blick ist "Biutiful" kein schöner Film, zuviele Geschichten werden hier verknotet, und trotzdem meint man manchmal in den zweieinhalb Stunden, dass es gar nicht vorwärts geht. Aber gerade das ist hier das Wunder. "Biutiful" ist wie das wahre Leben, oft frustrierend, anstrengend und trotzdem erstaunlich poetisch und berührend, man muß nur genau hingucken, dann gibt es viel zu entdecken. Und wenn Uxbal das schafft, kann das Publikum das vielleicht ja auch.
Regisseur Alejandro González Iñárritu über seinen Film:
Nachdem ich die Welt mit „Babel“ (2006) bereist hatte, fand ich, dass es genug war mit parallel verlaufenden Handlungssträngen, zersplitterten Strukturen und sich kreuzenden Erzählungen. Jeder Film, den ich gemacht hatte, wurde in einer anderen Sprache gedreht, in einem anderen Land. Am Ende von „Babel“ war ich so erschöpft, dass ich mir sicher war, mein nächster Film würde nur eine Figur haben, einen Blickwinkel, eine Stadt, einen geradlinigen Erzählstrang, in meiner Sprache gedreht. Und hier bin ich jetzt: BIUTIFUL ist alles, was ich bisher noch nicht gemacht habe: eine lineare Geschichte, deren Figuren der Erzählung eine Form geben.
Für mich ist BIUTIFUL eine Reflexion, die unserer kurzen und bescheidenen Anwesenheit in diesem Leben nicht unähnlich ist. Unsere Existenz, so kurzlebig wie das Aufblitzen eines Sterns, offenbart uns ihre unbeschreibliche Kürze erst, wenn wir dem Tod nahe sind. Unlängst habe ich über meine eigene Sterblichkeit nachgedacht. Wo gehen wir hin und in was verwandeln wir uns, wenn wir diese Welt verlassen? In die Erinnerung anderer. Darin besteht das schmerzhafte und verstörende Rennen gegen die Zeit, mit dem Uxbal konfrontiert wird. Was macht ein Mann in den letzten Tagen vor seinem Tod? Widmet er sich dem Leben oder dem Sterben? Vielleicht hatte der japanische Kurosawa ja recht, als er sagte, dass unsere Träume von Transzendenz nicht mehr als das seien: eine Illusion. Wie auch immer, ich war nie daran interessiert, einen Film über den Tod zu machen, sondern vielmehr eine Reflexion in und über das Leben, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dass wir es verlieren.
Die moderne Gesellschaft leidet, neben vielen anderen Dingen, an einer grundlegenden Thanatophobie – einer Angst vor dem Tod. Aus diesem Grund ist mir der formale und thematische Widerspruch bewusst, ein Gedicht über einen erleuchteten Mann zu schreiben, der in die Dunkelheit stürzt und das Unbekannte als Herausforderung ansieht. Ich sage widersprüchlich, weil die interne Spirale Uxbals sich ins Innere und Spirituelle bewegt, während die Dringlichkeit der neuen sozialen und politischen Realität Europas seine externe Spirale in die entgegengesetzte Richtung biegt. Die Nachrichten vermelden Statistiken von Hunderten Millionen von Menschen, die in diesen menschlichen Bienenstöcken, die die Vorstädte der europäischen Großstädte formen, sterben oder ausgebeutet werden. Das Schwindelerregende, die nichtssagende Leere dieser Nachrichten ist schwierig zu verdauen. Die harte Realität der Armen, der Immigranten, derjenigen, die immer unsichtbar sind. Als ich 2007 Barcelona besuchte, flüsterte Uxbal mir ins Ohr, dass er zu dieser Welt gehöre. Mir war es die Sache wert, wenigstens eine dieser Realitäten als individuelle Geschichte zu erzählen. Vielen Menschen mag es wie eine extreme Wirklichkeit erscheinen. Aber für noch mehr Menschen bedeutet es einen ganz natürlichen Teil ihres Lebens und des Alltags, den sie Tag für Tag bestreiten. Viele der Darsteller in meinem Film sind Laien und führten parallel zum Film ihr eigenes Leben. Aber wie kam es zu der ganzen Sache?
Ein Film beginnt für mich immer mit etwas sehr Vagem – einem Stück einer Unterhaltung, einem zufälligen Blick aus dem Fenster des Autos, einem Lichtstrahl oder ein paar Noten Musik. BIUTIFUL begann an einem kalten Herbstmorgen im Jahr 2006, als meine Kinder und ich das Frühstück zubereiteten und ich zufällig eine CD von Ravels Klavierkonzert in D-Dur einlegte. Ein paar Monate zuvor hatte ich dasselbe Stück Musik während der Rückfahrt eines Familienausflugs nach Los Angeles zum Telluride Film Festival gespielt. Die Szenerie der Four-Corners- Landschaft war atemberaubend schön, aber als die Musik zu Ende war, begannen meine beide Kinder gleichzeitig zu weinen. Die melancholische Qualität, der Sinn für Traurigkeit und Schönheit, den diese Musik beinhaltet, überwältigte sie. Meine Kinder hielten es nicht aus, und sie konnten es nicht erklären. Sie haben es einfach gespürt. An diesem Morgen klopfte eine Figur an der Tür zu meinem Kopf und sagte: „Hola, mein Name ist Uxbal.“ Die nächsten drei Jahre sollte ich mein Leben mit ihm verbringen. Ich wusste nicht, was er wollte, wer er war oder wo er hinging. Er ließ sich nicht in die Karten blicken und war voller Widersprüche. Aber ganz ehrlich, ich wusste, wie ich ihn einführen und wie ich ihn zu Ende bringen wollte. Ja, ich hatte den Anfang und das Ende. Sonst nichts.
Es dauerte ein weiteres Jahr, da spazierte ich durch die Gegend von El Raval in Barcelona. Und auf einmal setzte sich das Puzzle zusammen. Barcelona ist die Königin von Europa. Sie ist wahrhaftig schön, aber wie jede Königin hat sie auch eine weitere Seite, die viel interessanter ist als ihre offensichtliche und manchmal langweilige, bürgerliche Schönheit, die jeder Tourist und Postkartenfotograf verehrt. Seitdem ich 17 Jahre alt bin und die Welt auf einem Frachtschiff, auf dem ich als Bodenwischer angeheuert hatte, bereiste, fühle ich mich angezogen und bin fasziniert von den Vierteln, die versteckt liegen und die niemand sieht. Sie machen mich neugierig. Davon fühle ich mich angesprochen. Ich rede von der abwechslungsreichen, komplexen, marginalen und multiethnischen neuen Welt, die jüngst in Barcelona und den meisten anderen großen Städten in Europa errichtet wird. Als ich mit 17 erstmals in Barcelona war, wäre diese Welt noch undenkbar gewesen. Aber jetzt wusste ich sofort, dass Uxbal an diesen Ort gehörte. Ich wusste, dass er ein Teil dieser eklektischen und lebendigen Gemeinde ist, die gerade die Welt in neue Formen fasst.
Während der 1960er-Jahre gemeindete Franco Hunderttausende Menschen aus anderen Teilen Spaniens in Katalanien ein, um einen Keil in die katalanische Kultur zu treiben. Die katalanische Sprache wurde verboten. Inmitten einer gewaltigen wirtschaftlichen Rezession wurden kastilianisch sprechende Menschen, zumeist aus Extremadura, Andalusien und Murcia, zu Einwanderern in ihrem eigenen Land gemacht. Sie wurden in einem Vorort Barcelonas angesiedelt, der „Santa Coloma“ heißt. Man taufte sie „Charnegos“, ein abwertender Begriff für arme Einwanderer und ihre Kinder. Als sich die Wirtschaft in den 1980ern und 1990ern erholte, begannen die „Charnegos“ Santa Coloma zu verlassen. Ihren Platz nahmen Immigranten aus der ganzen Welt ein. Nun ist El Raval, das man auch als „Barrio Chino“ kennt, berühmt dafür, das bunteste Viertel Barcelonas zu sein. Aber verliebt habe ich mich in Santa Coloma und das nahe gelegene Badalona. Hier leben Senegalesen, Chinesen, Pakistanis, Sinti und Roma, Rumänen und Indonesier friedlich und ohne Probleme auf engstem Raum zusammen. Jeder spricht seine eigene Sprache, ohne sich darum zu kümmern oder darüber nachzudenken, in Spanien integriert zu werden. Und ehrlich gesagt zeigt auch die Gesellschaft wenig Interesse daran, sie zu integrieren.
Dies ist ein Viertel, das nicht pasteurisiert ist. Es ist menschlich, es riecht und hat eine Textur und viele Widersprüchlichkeiten. Es ist ein echtes Beispiel für eine „convivencia“ – eine Gemeinde – und hat die DNS einer perfekten UNO. Die Völkerwanderungen und die Vermischung der Ethnien, die früher 300 Jahre in Anspruch nahmen, haben hier nur 25 Jahre gedauert. Natürlich gibt es auch Schmerz und Tragödien. Jedes Jahr ertrinken Hunderte afrikanischer Menschen, die die Küste Spaniens zu erreichen versuchen. Die Bilder sind fast nicht zu ertragen. Und fast täglich liest man in den Zeitungen von chinesischen Einwanderern, die irgendwo in Europa missbraucht oder ausgenutzt werden.
Allein in Großbritannien gibt es mehr als eine Millionen chinesische Menschen, wie Hsiao-Hung Pai in „Chinese Whispers: The True Story Behind Britain’s Hidden Army of Labor“ schreibt. Anders als in den USA kommen die Menschen nicht in europäische Städte, um in deren Kultur aufzugehen. Eigene Nachforschungen ergaben, dass die meisten Menschen hierherkommen, um zu leben und denen zu helfen, die zurückbleiben mussten.
Aber es war weniger dieses interessante soziologische Phänomen in Barcelona und den meisten anderen europäischen Städten, sondern vielmehr die emotionale Wirkung auf mich, die einen großartigen Kontext für die Geschichte von BIUTIFUL lieferte. Obwohl ich sehr privilegiert bin, bin ich ein Einwanderer, seit mehr als zehn Jahren. Das Bewusstsein des Immigranten, das geografische Waisentum ist ein Geisteszustand. In BIUTIFUL geschieht nicht wirklich viel. Es gibt nur den individuellen Blick auf den schwierigen Alltag eines von Hunderten Millionen moderner Sklaven, die in diesem Schatten und Licht leben. Wenn ein Film kein Dokument ist, ist er zwangsläufig ein Traum. Und als Träumer ist man immer allein, so wie ein Maler allein ist mit der weißen Leinwand. Und allein zu sein, bedeutet, Fragen zu stellen (wie Godard einst gesagt hat) ... Und Filme zu machen, bedeutet, diese Fragen zu beantworten.
Ich schrieb für jede der Figuren eine ausführliche Lebensgeschichte. Auch für die chinesischen und afrikanischen Charaktere. Jeder sollte eine Vergangenheit haben und einen Grund und nicht einfach nur eine funktionale Figur sein. Ich habe das gemacht, um sie selbst besser kennenzulernen und auf diese Weise auch den Schauspielern zu verstehen zu helfen, wo ihre Figuren herkommen. Uxbal wurde als „Charnego“ geboren und ist einer der zehn Prozent Kastilianisch sprechender Menschen, die in Santa Coloma geblieben sind. Die Einwanderer sind ihm nicht fremd. Er ist mit ihnen groß geworden. Er arbeitet mit ihnen. In diesem Viertel an einem Sonntag spazieren zu gehen, ist eine körperliche, spirituelle und emotionale Erfahrung. Man sieht Sinti und Roma, die in den Straßen musizieren, während Moslems im Park beten oder durch den Lautsprecher einer kleinen Moschee singen, und eine katholische Kirche ist gefüllt mit Chinesen. Ich wollte, dass mein Film genauso wird: eine körperliche, spirituelle und emotionale Reise.
Seit meinem Besuch in Barcelona begann mein Unterbewusstsein geradezu zwanghaft, mir die Geschichte zu diktieren. Meine Tochter Maria Eladia erzählte mir, dass eine Eule zum Zeitpunkt ihres Todes einen Haarball ausspuckt. In der folgenden Nacht träumte ich dieses Bild. Und dann fing alles anders an. Ich entdeckte all die Widersprüche, die Uxbal ausmachen. Ein Kerl, dessen Leben so geschäftig und kompliziert ist, dass er nicht einmal beim Sterben seinen Frieden hat. Ein Kerl, der Einwanderer vor dem Gesetz beschützt, während er ihre Arbeitskraft ausbeutet. Ein Mann der Straße, der eine spirituelle Gabe besitzt und mit den Toten reden und sie ins Licht begleiten kann ... Aber er verlangt Geld dafür. Ein Familienmensch mit einem gebrochenen Herzen und zwei Kindern, die er liebt und bei denen er dennoch sein Temperament verliert. Ein Mann, auf den sich jeder verlässt, der sich aber selbst auf alle verlässt. Ein primitiver, einfacher, bescheidener Mann mit einem übernatürlichen Gespür.
Eine Sonne umgeben von Satellitenplaneten. Ich sah ihn als physikalisches System, in dem der Körper die Straße ist, das Herz die Familie und die Seele die Suche nach dem Vater, der schon lange tot ist. Bevor ich mit dem Drehbuch begann, malte ich erst einmal eine Karte. Ich zeichnete zwei spiralenartige Kreise und eine Linie, die für mich die grafische Entsprechung von Uxbals Reise und seiner Geisteshaltung war. Eine Spirale bewegte sich von innen nach außen. Sie stand für seinen außer Kontrolle geratenen Alltag. Die andere Spirale bewegte sich von außen nach innen. Sie stand für Uxbals Herz, das sich in tiefgründiges Territorium wagt. Und dann zeichnete ich einen Strich, der die beiden Spiralen kreuzt: den Geist.
Mein Vater behauptete immer, dass schlecht bezahlte Arbeiter und Taxifahrer nicht depressiv werden können. „Das ist ein Luxus, den sich nur die Reichen leisten“, sagte er. Das Leben erlaubt es ihnen nicht zu sterben. Genau so sehe ich Uxbal: ein verzweifelter, einsamer Mann auf der Suche nach dem Vater, den er nie gekannt hat. Nachdem ich eine erste Fassung des Drehbuchs fertiggestellt hatte, lud ich mit Armando Bo und Nicolás Giacobone zwei weitere Autoren in den Prozess ein. Das Schreiben ist ein mir nicht fremder Vorgang, aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass in dieser sehr frühen und technischen Phase bei der Herstellung eines Films Zusammenarbeit hervorragende Ergebnisse hervorbringen kann. Armando Bo ist ein sehr energetischer und bekannter Werberegisseur, den ich seit Jahren kenne. Giacobone ist sein Cousin, ein sensibler und begabter Autor, der mehrere Kurzgeschichten geschrieben hat und in Kürze seinen ersten Roman veröffentlichen wird. Beide sind jung, talentiert und Fans des argentinischen Fußballs. Dank ihres Beitrags erhielt das Drehbuch eine ganz besondere Unschuld und Frische. Dies ist ihre erste Arbeit an einem Drehbuch, aber gewiss nicht ihre letzte.
Schon als ich BIUTIFUL zu schreiben begann, schwebte mir Javier Bardem als Idealbesetzung für Uxbal vor. Ich hätte den Film nicht ohne ihn machen können, denn für mich war nur er Uxbal. Seit Jahren haben Javier und ich immer wieder versucht zusammenzuarbeiten. Ich dachte, diese Figur würde die Brücke sein, die uns endlich gemeinsam an einen Filmset führt. Mein Stil und Umgang mit Schauspielern ist nicht locker oder einfach. Ich bin besessen von Perfektion – oder was ich unter Perfektion verstehe. Körperlich und emotional muss man sich auf einen harten Ritt vorbereiten. Nun, Javier mit an Bord zu nehmen war, als würde man den Hungrigen mit dem Verhungernden zusammenbringen. Wir sehnten uns beide nach Befriedigung. Javier ist nicht einfach nur ein herausragender Schauspieler. Er ist ein Unikat. Jeder weiß das. Er bereitet sich erschöpfend vor und schreibt ausführlichste Notizen über seine Figur nieder. Er ist eingeschworen, intensiv und ebenfalls besessen von Perfektion. Was Javier so besonders und einzigartig macht, ist eine Wucht, eine Gravitas, eine geheimnisvolle Präsenz auf der Leinwand, die auf seiner tiefen, starken Auseinandersetzung mit der Figur und den Themen sowie seinem profunden Innenleben basieren. Das kann man nicht lernen. Das ist etwas (Engel oder Teufel), das man hat oder eben nicht.
Anders als meine anderen Filme, bei denen ich verschiedene Geschichten mit verschiedenen Schauspielern im Verlauf von mehreren Wochen drehte, war dies ein langer und intensiver Dreh mit Javier in fast jeder Szene. Er trägt den Film zu jedem Zeitpunkt, buchstäblich, auf seinem Rücken. Es war nicht einfach, die Präzision und emotionale Intensität, die von jeder Szene verlangt wurde, aufrechtzuerhalten, speziell wenn man mit Laien und Kindern dreht. Im Verlauf des Herbstes und Winters 2008/2009 verschwand Javier Bardem, der Mann, den ich kannte, und wurde zu Uxbal.
Wir wussten, dass es sein würde, als müsste man den Mount Everest erklimmen. Jeder Tag war schwieriger als der davor. Wir planten und diskutierten die Route. Ich entwarf die visuelle Grammatik und jeden einzelnen Aspekt des Films – der chronologische Dreh, die Garderobe, das Szenenbild, die Kamerabewegungen und selbst der Einsatz verschiedener Formate in verschiedenen Phasen der Geschichte. Das sollte Javier bei der Navigation helfen und dafür sorgen, dass wir am Ende an das von uns beiden erhoffte Ziel gelangen: Er sollte sich von einem harten, kontrollierenden Typen zu einem Mann entwickeln, der befreit ist, der versteht, wann die Zeit zum Loslassen gekommen ist, und genug Weisheit erlangt hat, um durch all seinen Schmerz hindurch das Licht zu sehen und zu fühlen. Wir beide gaben viel von uns. Die Geschichte verlangte, dass wir uns auf gefährlichem Terrain bewegten, aus dem die Rückkehr manchmal außerordentlich schwerfällt. Ein solcher Film erschöpft. Aber der außergewöhnliche Einsatz und der Opferwille standen in direktem Zusammenhang mit der immensen künstlerischen Befriedigung, die wir miteinander teilten.
Eine der schwierigsten Rollen beim Schreiben und Besetzen war die der Marambra. Bipolarität, eine komplexe emotionale Störung, die man manchmal auch manische Depression nennt, kann leicht zur Karikatur verkommen. Ich suchte nach einer ganz besonderen Stimmung, einem ganz bestimmten Geist. Ich organisierte Casting- Termine in ganz Spanien. Und obwohl sich mir viele talentierte Schauspielerinnen vorstellten, war die richtige nicht dabei. Ich konnte einfach nicht finden, wonach ich suchte. Drei Wochen vor Beginn der Dreharbeiten hatte ich sie immer noch nicht gefunden und spielte bereits mit dem Gedanken, den Dreh zu verschieben. Ich versuchte es mit einer Vorsprechsession in Argentinien. Dort sahen wir Maricel Álvarez. Es war nur ein Videotest, aber ich wusste: Das ist sie. Maricel wurde nach Spanien eingeflogen. Und nach 24 Stunden ohne Schlaf und bewaffnet mit einem Text, den sie erst 24 Stunden davor erhalten hatte, präsentierte sie die unglaublichste Casting-Performance, die ich je erlebt habe. Ich machte zudem noch einen Kameratest mit ihr, bevor sie wieder nach Argentinien flog, zwölf Stunden, nachdem sie in Spanien angekommen war. Ich stellte sie zum ersten Mal in ihrem Leben vor eine Kamera und bat sie, sich ohne etwas zu tun gewisse Bilder und Umstände vorzustellen, die ich ihr vorschlug. Der Set war absolut still. Eine Minute später hatte ich Gänsehaut auf den Armen, Tränen liefen mir übers Gesicht. Es war pure Alchemie und Magie. Maricel erfüllte Marambra mit der Gefahr und der Zärtlichkeit, die sie brauchte. Sie ist seit Jahren eine großartige Theaterschauspielerin und verfügt über eine Bandbreite und pures Können, wie man es auf diesem Planeten nur selten findet.
Für die Rolle der Igé sahen wir uns mehr als 1.200 Frauen in Spanien und Marokko an. Diaryatou Daff fanden wir in einem Friseursalon in der Innenstadt von Barcelona, wo sie Haare schnitt. Sie ist Senegalesin und riskierte, so wie Hunderte anderer afrikanischer Frauen, ihr Leben und verließ ihr Land, um nach einem Job zu suchen, mit dem sie ihre Familie finanziell unterstützen konnte. Ihr Leben war nicht einfach. Mit 15 war sie mit einem 50-jährigen Mann verheiratet, gemäß einer senegalesischen Tradition, in der ein Onkel mütterlicherseits sich ein Mädchen zum Heiraten aussuchen kann. Sie floh vor diesem gewalttätigen Menschen, heiratete später einen netten Mann und bekam ein Kind mit ihm. Weil die wirtschaftliche Lage in der Kleinstadt, in der sie lebte, verzweifelt war, beschloss sie, in Spanien nach einem Job zu suchen. Als ich sie besetzte, hatte sie ihren Sohn seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Sie arbeitet Tag und Nacht und unterstützt nicht nur Ehemann und Kind, sondern auch noch 30 weitere Menschen, die von dem wenigen Geld abhängen, das sie zurück in den Senegal schickt. Diarytou hatte immer Angst, sie könnte ihren Job in dem Friseursalon verlieren.
Während wir probten, spürte ich, dass sie ganz klar verstand, was für eine Rolle ich sie spielen lassen wollte. Sie machte es mit Ehrlichkeit und großer Tiefe. Selbst wenn sie nur ein Kissen trug, als wäre es ihr Kind, hörte ich, wie ihre Stimme brüchig wurde. Die Geschichte von Igé war ihre eigene Geschichte. Ich habe nie eine Person in einem Film erlebt, die ihrer Rolle so nahestand wie sie. Die Realität tanzte vor meinen Augen mit der Fiktion. Sie rang mit sich während der Dreharbeiten, aber ihr Einsatz, Millionen von Frauen eine Stimme zu geben, war stärker. Mir gefällt, dass Igé einem zunächst wie eine Nebenfigur vorkommt und dann völlig überraschend zum Fundament der Geschichte wird. Sie ist Mama Afrika – eine rationale, intelligente, liebende Mutter. Das ist Diaryatou auch in ihrem wahren Leben. Subtil, talentiert, sensibel, schön und, vor allem, echt.
Kinder sind immer schwer zu finden. Die Szenen mit den Kindern waren aufgrund der Thematik besonders heikel. Und in diesem Fall machten die körperlichen Charakteristika von Javier und Maricel die Sache gewiss nicht leichter. Guillermo besetzten wir für die Rolle des Mateo schon sehr früh, aber Uxbals Tochter zu finden, machte uns ziemlich zu schaffen. Es waren nur noch zwei Wochen bis zum Produktionsstart, als wir uns bereits damit abgefunden hatten, den Film ohne sie durchzuziehen, da hatte ich einen technischen Test an einer örtlichen Schule, in der wir drehen wollten. Auf einmal klopfte Ana, die auf diese Schule geht, an meine Schulter und fragte mich, was ich hier täte. Ich drehte mich um und sah sie. Ich sagte: „Ich mache einen Film.“ Und sie sagte: „Da würde ich gerne mitmachen.“ Das war’s. Sie war ein Engel, der an der Tür eines verzweifelten Mannes anklopfte, der in ganz Spanien gesucht hatte, ohne zu wissen, dass die Antwort direkt vor seiner Nase auftauchen würde.
Ich könnte Stunden verbringen und über Eduard Fernández, Ruben Ochandiano, Cheng Tai Shen, Luo Jin, Martina Garcia und all die anderen wunderbaren Schauspieler meiner Besetzung erzählen. Aber ich würde es vorziehen, der Zuschauer sähe sich ihre Arbeit einfach an. Das ist besser als alles, was ich sagen könnte.
Wie immer hatte ich das Privileg, an diesem Film mit meinen alten Weggefährten zu arbeiten, dieselbe Rock’n’Roll-Band, deren Basslinie, Schlagzeug und die anderen Instrumente die Musik üppiger und noch freudvoller machten, je weiter man sich wegbewegt von dem kalten und technischen Notenpapier. Jeder Film muss sich irgendwann von seinem Drehbuch lösen und sich auf die Reise begeben ins Land der Erinnerungen, Bedürfnisse, Träume, Andeutungen und der subjektiven Realität von Licht und Bildern.
Wie immer habe ich den Film einem Familienmitglied gewidmet. Nicht, weil es meine Familie, sondern weil sie der Grund oder die Quelle für den Film ist – oder weil ich sie direkt durch meinen Film ansprechen will. Dieser hier ist für meinen Vater. Und er weiß genau, warum.

