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Der Ganz Grosse Traum Trailer und Filmkritik

FSK Film: 0 | Länge: 113 Min | Kinostart: 24.02.2011 | DVD/BD: 27.07.2011 (DVD&BD)
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TRAILER-TIPPS

 
75%

Da geht man gerne in die Verlängerung





Die Meinung zum Film - von

Eine launige Geschichtsstunde über die Anfänge der Engländerkrankheit, besser bekannt als Fußball in Deutschland. Top besetzt und liebevoll ausgestattet. Lektionen über Teamgeist, Diskriminierung und Nationalismus nehmen aber mehr Platz ein als das historische Gekicke.

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Links & Infos

 

Schauspieler:Daniel Brühl, Burghart Klaußner, Justus von Dohnányi, Thomas Thieme, Kathrin von Steinburg, Axel Prahl

Die Story:Der junge Lehrer Konrad Koch (DANIEL BRÜHL) soll in einem altehrwürdigen deutschen Gymnasium im Jahr 1874 Englisch unterrichten. Um die Schüler für die fremde Sprache zu begeistern, greift er zu ungewöhnlichen Mitteln und bringt ihnen einen seltsamen Sport nahe, den er aus England kennt: Fußball. Doch mit seiner unkonventionellen Art macht sich Koch bald auch Feinde: seine Kollegen, die nur auf preußischen Drill und Gehorsam setzen, genauso wie einflussreiche Eltern und Würdenträger der Stadt. Sie wollen Koch um jeden Preis loswerden - doch jetzt ergreifen die Schüler die Initiative...




Eure Meinung zu "Der Ganz Grosse Traum"



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♥: detailreiche, humorvolle Geschichtsstunde. Überzeugende Starbesetzung
−: zuviele Themen werden angerissen, einige platte Gags, klischeehafte Nebenfiguren

Absurde Millionengagen, Hooligans, Randale, Wettbetrug: Einige Entwicklungen im Fußball werden heute äußerst kritisch gesehen. In den Anfangsjahren des Spiels gings viel gesitteter zu. Aber die Angst vor den Gefahren der Balltreterei waren trotzdem riesig.


Der Lehrer Konrad Koch (Daniel Brühl) ist es, der 1874 erstmals in Deutschland an einem Gymnasium in Braunschweig seine Schüler in Kontakt mit dem damals neuen Sport bringt.. Im Film wird aus ihm ein Englisch-Lehrer, der frisch von der Insel zurückkommt und seine Erfahrungen mit Teamspirit und Fairplay sofort im Unterricht umsetzen will. Koch trifft auf Schüler, die durch und durch gedrillt sind. Auch der Sportunterricht ist eher eine militärische Übung, Spaß kein erwünschter Nebeneffekt. Und mit der Aussprache der fremden Vokabeln und vor allem dem "tie-äitsch" hapert es natürlich auch. Warum sollte man Englisch lernen, wenn man die Insel ohnehin bald erobern wird, fragen sich die Schüler. Und warum lächelt der Lehrer ? :"muss eine alte Kriegsverletzung sein". Das kennen die Jugendlichen von ihren Prügelpaukern nicht. Erst als Koch ihnen die englische Neuentwicklung "foot-ball" vorstellt, tauen die Schüler der Untertertia langsam auf. Der bislang schikanierte Arbeitersohn Joost (Adrian Moore) beweist dabei beonderes Talent. Das passt aber besonders dem reichen Felix Hartung (Theo Trebs) nicht, der die Klasse bislang im Griff hatte und Joost als unerwünschten Emporkömmling von der Schule drängen wollte. Aber seine bisher getreuen Klassenkameraden wechseln die Seiten und schützen ihre Mannschaft und damit auch Joost. Auch der bullige Fabrikantensohn Schricker (Till Valentin Winter) gewinnt neues Selbstbewußtsein und entdeckt sogar als erster das finanzielle Potential des Sports und beginnt in der Fabrik seines Vater (Axel Prahl) die ersten Bälle herzustellen - wobei die verwendeten Schweinsblasen erstmal für leichten Ekel sorgen. Die im Spiel neuentdeckte Freiheit lässt die Schüler aber auch mutiger und frecher werden. Der Geschichtslehrer (Thomas Thieme), der Pfarrer (Josef Ostendorf) und Felix' einflussreicher Vater (Justus von Dohnanyi) wittern anarchistische Tendenzen, ausgelöst durch die ruppige, englische Unsitte. Dabei lässt der Fördervereinsvorsitzende Hartung keinen Zweifel, dass schon der Englisch-Unterricht ein Experiment ist - das jederzeit eingestellt werden kann. Als das Spiel verboten wird, treffen sich die Schüler heimlich im Park. Dadurch riskiert Lehrer Koch nicht nur seinen Job , sondern auch die Schullaufbahn seiner Mannschaft, besonders die von Joost, der ohnehin kurz vor dem Rausschmiß steht.

1874 war das gerade frische gegründete Deutscher Kaiserreich im Stimmungshoch. Der "Erbfeind" Frankreich war besiegt worden, die beginnende industrielle Revolution brachte zunehmenden Wohlstand und neue Erfindungen und Entdeckungen nährten einen hoffnungsvollen Zukunftsglauben.
Die Zeit war aber auch geprägt von bedingungsloser Obrigkeitshörigkeit nicht nur gegenüber dem Kaiser sondern jeder Amtsperson und extremem Nationalismus, umso absurder, da kaum einer jemals im Ausland war.

"Der ganz große Traum" zeigt dabei ein angemessen wiedersprüchliches Bild der Zeit. Das Gymnasium in Braunschweig wird ans Telegraphennetz angeschlossen, so dass der Kontakt zur Hauptstadt Berlin nur noch Stunden dauert. Ein frühes Spiegelbild der Veränderungen die 120 Jahre später das Internet auslösen wird. Aber immer noch herrschen in Fabriken und Arbeiterquartieren Elend und Ausbeutung. Der Glaube an Autoritäten, Traditionen und die eigene Überlegenheit werden als Abwehrreaktionen gegen neue Einflüsse noch gestärkt. Im Bürgertum gibt es zwar liberale Strömungen und der Rektor darf mit Rückendeckung des mächtigen Fördervereins ein paar Neuerungen ausprobieren - aber nur solange die keine wirkliche Veränderung bringen. Die konservativen deutsch-nationalen Kreise- dazu gehörten nicht zuletzt die gut organisierten Turner, die in eigenen Spottschriften über die "Engländerkrankheit" lästerten - fürchteten die Einflüsse von der Insel als Gefahr für die eigene Identität. So sind auch die Lehrer im Film äußerst skeptisch und lösen nicht nur eine Razzia sondern auch eine gehässige Pressekampagne gegen das Fußballspielen aus. Dabei hätte doch vieles am Fußball sehr gut in ihr Weltbild gepasst. Das Vokabular "shoot, attack, defend" ist militärisch geprägt, die Spielzüge an der Tafel erinnern frappierend an Kriegstaktiken und dem Gegner eine Niederlage beibringen zu wollen sollte eigentlich das Herz jedes Militaristen höher schlagen lassen. Die deutschen Lehrer sind aber zu engstirnig um dieses Potential zu erkennen. Erst als es am Ende in einem Schülermatch "gegen die Engländer geht", strömen die Massen und auch die Pädagogen fiebern mit beim Kampf. Heute gilt der Sport als friedlicher Ersatz für kriegerische Auseinandersetzungen - damals war wohl genauso eine Vorbereitung darauf.
Eine spannende Zeit in der Fortschritt und Tradition einen verbissenen Kampf austragen und die hier aufwändig und unterhaltsam bebildert wird.
Ein wenig übertreibt der Film es hier allerdings mit den Gegensätzen. Schüler in Deutschland wussten sicher auch vor 1874 schon was Ungehorsam ist und wie man Streiche ausheckt. Und England war damals sicher auch kein Idyll von Fairplay-Idealisten, sondern eine mindestens ebenso starre und autoritäre Klassengesellschaft. Außerdem übertreiben die Macher mit der Geschichtsstunde und streifen zuviele Themenfelder, so daß ihr Film überkonstruiert wirkt.
Technischer Fortschritt, die aufkeimende Emanzipation, übertriebener Nationalstolz, Militarismus, Klassendenken, der Kampf zwischen Individualismus und Gehorsam, zwischen liberalen und traditionellen Idealen und dazu noch eine unnötige und außerdem halbherzige Lovestory sind selbst für 111 Minuten Spielzeit zu viel.
Tollen Fußball bekommt man natürlich nicht zu sehen. Die Anfänge des Sports waren ein ziemlich unansehnliches, planloses Gekicke, das jede F-Jugend besser hinkriegt. Da kann dem Film aber kaum einen Vorwurf machen. So sah das eben aus. Zum Glück gibts hier keine Fallrückzieher und brasilianischen Dribblings zu bestaunen.
Aber auch so macht der Film genügend Spaß. Die wahre Geschichte des Konrad Koch wird hier kräftig umgedichtet (tatsächlich war er erst spät in seinem Leben in England) und ein fast durchweg ironischer Ton angeschlagen. Die wahre Streit um Bildungsideale war damals sicher viel langweiliger. Besonders die beachtliche Besetzung der erwachsenen Hauptrollen kann voll überzeugen. Burghart Klaußner als liberaler Schulleiter, Justus von Dohnanyi als verbissener Adeliger, Axel Prahl als bürgerlicher Aufsteiger und Thomas Thieme als bärbeißiger Geschichtslehrer spielen zwar allesamt Fleisch gewordene Klischees, machen das aber mit viel Vergnügen. Blasser bleiben dagegen die Schüler. Die größte Aufgabe hat dabei Theo Trebs, der anfangs den elitären Scharführer spielt und im Laufes des Films eine Kehrtwende vollzieht und sich mit Bravour schlägt. Adrian Moore ist dagegen als schmächtiger Arbeitersohn Joost eigentlich eine Fehlbesetzung. Zwei Jahre jünger als Theo Trebs ist er glatt zwei Köpfe kleiner und wirkt mehr wie ein kleiner Junge neben seinen fast erwachenen Mitschülern, so daß man ihn instinktiv beschützen möchte. Als echtes Balltalent ist er der Dreh- und Angelpunkt des Films, verdeutlicht er doch den Sinn eines durchlässigen Bildungssystems. Sein ständig drohender und immer wieder verhinderter Rausschmiß am Gymansium ist der rote Faden des Films, der jedoch durch ständige Wiederholung abnutzt.

Ein bißchen zu glatt werden alle Probleme dann im Finale weggegrätscht. Eine englische Schülergruppe reist zum ersten Länderspiel der Geschichte an just als eine kaiserliche Delegation in Braunschweig auftaucht um den Sinn und Unsinn von Fußball als erzieherische Maßnahme zu erkunden. Da jubelt selbst die Mutter von Joost mit, obwohl ihrem Sohn kurz zuvor die schulische Laufbahn zerstört wurde. Das ausgerechnet sie, die das Fußballspielen vorher vehement abgelehnt hat, dann auch noch die komplizierte Abseitsregel in verständliche Worte packt, ist ein absurder plumper Schlußgag.

Was bringt uns so ein Film heute, abgesehen von einer launigen Zeitreise ? Die Feststellung, dass viele der Probleme auch heute noch akut sind. Das Mobbing von Mitschülern, der Streit um Erziehungsmethoden, um Selbstverwirklichung oder Drill, Vorurteile über fremde Kulturen, schlechte Bildungschancen für Außenseiter und der Kampf gegen das damals schon als Problem erkannte "Stubenhockertum". Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor ?
Nachwuchskickern und Bildungsmuffeln wird der Film trotzdem egal sein.

Die Ballszenen dürften dabei eher für Schmunzeln sorgen - genauso wie viele andere Momente im Film. Die Teufelskickerfraktion wird hier nicht bedient. Zielgruppe sind eher die Zuschauer von "Das Wunder von Bern", der sich genauso detailreich und ebenso bieder einer anderen entscheidenden Phase der deutschen Fußballgeschichte widmete.
Facettenreich wird hier eine vergangene Epoche zum Leben erweckt. Unterhaltsam aber nicht wirklich spannend. Qualitativ ist "Der ganz große Traum" kein Titelmatch sondern eher ein nettes Freundschaftspiel.



© Marcus Fliegel | Filmkritiken Übersicht