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Poll Trailer und Filmkritik

FSK Film: 12 | Länge: 139 Min | Kinostart: 03.02.2011 | Release: 21.10.2011 (DVD)
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TRAILER-TIPPS

 

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Schauspieler:Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Richy Müller

Die Story:Juni 1914. Die 14-jährige Oda von Siering kehrt zu ihrer Familie an die baltische Ostseeküste zurück, eine entlegene Provinz des Zarenreiches, in der Deutsche, Russen und Esten einander misstrauisch belauern. Oda begleitet die sterblichen Überreste ihrer Mutter, mit der sie bis zu deren Tod in Berlin lebte. Auf Poll, dem Gut der adeligen deutsch-baltischen Familie, trifft das temperamentvolle und etwas altkluge Mädchen auf eine Gesellschaft, die inmitten eines porösen Idylls ihrem Zusammenbruch entgegengeht. Ihr Vater Ebbo, ein verschrobener Arzt und Hirnforscher, widmet sich fanatisch seinen von der akademischen Lehre missachteten Studien; ihre somnambule Tante Milla ist in eine Affäre mit dem schroffen Verwalter Mechmershausen verstrickt; Cousin Paul, junger Kadett der russischen Armee, macht der herablassenden Verwandten ungeschickt den Hof. Als Oda zufällig einen von zaristischen Truppen schwer verwundeten estnischen Anarchisten in einem verlassenen Nebengebäude findet, entscheidet sie aus einem romantischen Impuls heraus, ihm zu helfen. Obwohl die Entdeckung des namenlosen Verletzten, der sich nur „Schnaps“ nennt, dramatische Konsequenzen für ihre Angehörigen und sie selbst haben könnte, verbirgt sie ihn mitten auf dem Gut Poll, um ihn heimlich gesund zu pflegen. Wann immer sie es es einrichten kann, flieht sie aus der erdrückenden Enge des Familienlebens zu diesem so ganz anderen Mann, einem geflohenen Sträfling und verbotenen Autor, der all ihr kindliches Sehnen nach einem Leben voll Romantik und Gefahr befeuert. Doch „Schnaps“ plant, das Gut Poll so schnell wie möglich wieder zu verlassen. Allerdings rechnet er nicht mit der Glut und Wucht der Gefühle einer leidenschaftlichen Halbwüchsigen, die mit ihrer ganzen Welt brechen möchte, bevor die Welt sie bricht. In der Hitze des estnischen Sommers spitzen sich die Konflikte auf dem Gut Poll unausweichlich zu, bis es um nichts weniger geht als um Leben und Tod.



„POLL ist ein historisches Drama, das ich aus sehr persönlichen Gründen seit 1996 verfolgt habe. Nicht etwa die Welt von gestern hat mich interessiert, sondern der Beginn einer Zeit, die noch heute die unsere ist. In vielen meiner Arbeiten spüre ich der Frage nach, wie ein Mensch gegen die Widerstände seines Umfelds bei sich selbst anzukommen vermag. Im Falle von POLL war dieser Mensch, der mir schon lange ein Leitbild wie auch ein Rätsel ist, Oda Schaefer.

Ich bin auf diese Schriftstellerin vor Jahrzehnten während meines Germanistikstudiums gestoßen. Zu meiner großen Überraschung stellte sich damals heraus, dass sie meine Großtante war, mit Mädchennamen Oda Kraus hieß und in meiner Familie wegen ihrer angeblich kommunistischen Gesinnung nicht erwähnt werden durfte. Sie wurde totgeschwiegen, galt als inopportun, weil sie als eher linksintellektuelle Autorin in meine in Teilen nationalsozialistisch geprägte Verwandtschaft nicht hineinpaßte. Schon damals hat mich beschäftigt, wie es meiner Tante, die ich persönlich nie kennengelernt hatte, gelungen war, trotz ihrer Herkunft einen so radikal unabhängigen Weg einzuschlagen, den Weg der Selbstdefinition, der den Bruch mit einem Großteil ihrer Familie zur Folge hatte. Ich glaube, dass für mich diese erste, vor über zwanzig Jahren gestellte Frage immer noch den Kern des Filmes bildet: Wie finden wir zu uns selbst, wenn die Welt uns anders gemeint hat? Welchen Preis bezahlt man für eine Emanzipation, die nicht gewährt wurde und niemals verziehen wird?

Oda Schaefer hat nie an große Menschheitsideen geglaubt. Ich teile diese Skepsis. Denn allen Ideen haftet grundsätzlich, wenn man sie radikal zu Ende denkt, etwas Unmenschliches an. Weil sie logisch sind, diese Ideen, in sich schlüssig wie Mathematik. Du kannst zur Humanität nur finden, wenn du bei dir selbst landest. Beim nackten, widersprüchlichen Ich. Wie unendlich schwer das ist, darum geht es in POLL.“
(Chris Kraus)

 

HINTERGRUND


POLL basiert lose auf den Memoiren der Berliner Autorin Oda Schaefer (1900 – 1988), in denen sie ihren Kindheitsbesuch in der russischen Ostseeprovinz Estland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges schildert. Die wechselhafte Geschichte dieses Landes ist heute kaum noch bekannt: Deutsche Kreuzritter hatten im Mittelalter weite Teile des Baltikums erobert, gerieten aber schließlich selbst unter die Hegemonie des Zarenreiches. Anfang des 20. Jahrhunderts übte die russische Regierung immer stärkeren Druck auf die Deutschbalten aus, denen ihre Privilegien, ihre Kultur und ihre Vorherrschaft über die unterjochten Esten genommen wurde. 1939 wurden die letzten Deutschbalten ins „Dritte Reich“ umgesiedelt.

Der Regisseur Chris Kraus schlägt ein fast vergessenes, faszinierendes Kapitel der europäischen Geschichte auf, vor dessen Hintergrund die leitsternhafte Liebe einer einst bekannten, heute weitgehend vergessenen Schriftstellerin aufleuchtet.



PRODUKTIONSNOTIZEN


Nach 14 Jahren Entwicklungszeit und drei Jahren Produktionsvorbereitung wurde POLL im Sommer 2009 in einem estnischen Naturschutzgebiet fernab aller Zivilisation realisiert. Der Hauptdrehort, das im Stile von Palladio entworfene Herrenhaus, wurde in sechsmonatiger Bauzeit auf Stelzen ins Meer gesetzt. Insgesamt über 1.000 Komparsen, Hunderte von Kostümen, 150 Teammitglieder aus halb Europa und eine ganze Flotte an Baumaterialien mussten in die Wildnis einer südestnischen Küstenlandschaft verbracht werden. Die enormen logistischen Probleme und die damit verbundenen Produktionsherausforderungen konnten nur bewältigt werden, da insgesamt 24 nationale und internationale Fernsehredaktionen und Filmförderer als Partner gewonnen werden konnten.


Eure Meinung zu "Poll"



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Eure Kommentare zu "Poll":

Estonus Kaum einer weiß, dass die Geschichte bereits von Werner Bergengruen in seiner Erzählung "Das Tempelchen" faszt identisch bearbeitet wurde, so das einige schon von Plagiat sprechen!

 




♥: aufwändige Austattung, morbide Atmosphäre
−: etwas zu gemächliches Tempo

Man könnte den Eindruck haben, Europa sei erst nach dem zweiten Weltkrieg zusammengewachsen. Oder nach dem Mauerfall, wenn man Osteuropa nicht vergessen will. Tatsächlich gabs aber schon lange davor enge Verbindungen zwischen vielen Ländern.
Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Estland eine russische Provinz, in der neben Esten und Russen auch viele deutsche Adelige lebten. Aber die Situation war höchst instabil, die Esten rebellierten gegen die russischen Besatzer und die deutsche Oberschicht.


In diese Situation gerät die junge Oda, als sie nach dem Tod ihrer Mutter zu ihrem Vater zieht.
Der lebt in einer maroden Strandvilla und widmet sich obskuren Experimenten. Die russischen Offiziere sind häufige Gäste und liefern dabei die Leichen getöteter Widerstandskämpfer ab.
Systematisch untersucht Ebbo von Siering Leichen um durch die Messungen nationale Eigenheiten der Menschen festzustellen Seine Forschung wird später einmal den Nazis als Teil ihrer Rassentheorie dienen. Dabei ist Der etwas weltfremde Forscher sieht sich dagegen als nüchternen, der Wahrheit verpflichteten Wissenschaftler der sich ganz sicher ist, in den sezierten Gehirnen seiner Forschungsobjekte "die Drüse des Bösen" entdeckt zu haben. Er hat auch keine Skrupel, einen Schwerverletzten auf dem Seziertisch zu töten. Gleichzeitig ist er ein liebevoller Vater. Ein Vorgeschmack auf Hitlers Horrorärzte.
Oda entflieht nur zu gerne der bedrückenden Atmosphäre im Haus um ihr Tagebuch zu schreiben. Eines Tages stößt sie dabei auf einen verletzten Esten. Heimlich pflegt sie ihn und lernt "Schnaps" näher kennen. Der entpuppt sich als äußerst gebildet und fördert Odas literarisches Talent. Aber er stellt auch ihr bisheriges Weltbild auf die Probe - und bringt ihre gesamte Familie in Gefahr, denn einen Rebellen zu verstecken ist selbstverständlich strengstens verboten.

"Poll" ist ein morbides Historiendrama und Sittengemälde. Einerseits lernt man hier eine Gesellschaft kennen, die schon bals im ersten Weltkrieg untergehen wird, und gleichzeitig erkennt man hier Entwickungen, die auch heute noch nachwirken. Eingebettet in die Familiensaga wurde einer zarte Liebesgeschichte - die aber nicht sein darf. Oda erträumt sich zwar eine gemeinsame Zukunft mit "Schnaps", aber nicht nur die unterschiedliche Herkunft, auch ein deutlicher Altersunterschied trennen sie. Und ist es tatächlich Liebe ? Für den Esten ist die Freundschaft mit Oda schlicht überlebenswichtig, und für das junge Mädchen, ist der kernige Kämpfer vielleicht auch nur ein Laborexperiment, wie ihr gefangener Frosch oder die makabren Exponate ihres Vaters.

Die verfallende Welt von "Poll" wird ihn opulenten Bildern gezeigt, das verfallende,skurile Stelzenhaus ist ein echt starkes Symbol für die instabilen Zustände, irgendwann muss die Konstruktion zwangsläufig zusammenfallen, die rau-romantische Strandlandschaft wirkt ursprünglich und romantisch, die Kostüme sind aufwändig und die Besetzung grandios. Die Newcomerin Paula Beer liefert ein absolut faszinierendes Debüt ab, Edgar Selge und Richy Müller übertreiben es nurn etwas mit ihrem ostpreussischen Akzent
Was hier für gerade mal 7 Millionen Euro geschaffen wurde, ist absolut überwältigend. Die Grundlage der Geschichte bildet die Biographie der Dichterin Oda Schäfer, die eine Großtante des Regisseurs Chris Kraus war. Der hat allerdings keine authentische Familienchronik verfilmt sondern sich zugunsten von Dramatik und Atmosphäre etliche dichterische Freiheiten herausgenommen.
Mit über zwei Stunden ist die Geschichte etwas lang und hätte etwas mehr Tempo vertragen, aber damals tickten die Uhren nunmal anders.
"Poll" wirkt wie die Gothic-Variante der "Buddenbrooks" und zeichnet ein vielleicht nicht ganz
korrektes aber ebenso packendes wie melancholisches Drama über ein selten erzähltes Kapitel europäischer Geschichte und liefert ebenso viel Stil wie Substanz. Fans gediegener Historienschinken sollten mehr als nur ein Auge riskieren.



© Marcus Fliegel | Filmkritiken Übersicht