Utopia Ltd Trailer und Filmkritik
FSK Film: 6 | Länge: 90 Min | Kinostart: 12.05.2011
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Schauspieler:Anton Spielmann, Jonas Hinnerkort, Sebastian Muxfeldt
Die Story:Anton, Jonas und Basti haben eine Band namens 1000 Robota. Von der Presse gut angenommen, müssen sie mit der Schule und dem Business klarkommen. Gefrust von den musikalischen Differenzen zwischen ihnen und dem Plattenlabel bringen sie zu der Frage, ob es in der Gesellschaft, die auf Wirtschaftlichkeit ausgelegt ist, überhaupt eine Nische für Ideale und eine freie Kunstproduktion gibt.
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Eure Meinung zu "Utopia Ltd"

♥: authentisches, intimes Band-Porträt und Einblick in die Independent-Szene
−: simple Chronologie ohne Struktur, oft sprunghaft, ziellos.
Wer in Deutschland ein Star werden will, der geht zu einem der zahlreichen Castingformate, oder hält sein Gesicht in einem von dutzenden Soapformaten vor die Kamera.
Mit einem eigenen Projekt und einer individuellen Leistung den Durchbruch zu versuchen scheint geradezu absurd. Wer nicht ständig dieselben geklonten "Künstler" sehen will, muß aber auch dafür sorgen, dass der Nachwuchs weiss,wie das geht. Und da gibt "Utopia Ltd." schon mal einen guten, wenn auch ernüchternden Einblick in die Mechanik der Musikindustrie. Allerdings nur in einen Teil davon. Denn die Hamburger Band "1000 Robota" hat bisher nur in der Independent-Szene für Furore gesorgt, die im Mainstream nur selten ein Echo auslöst.
Die Regisseurin Sandra Trostel hat sich die Band früh in deren Karriere geschnappt und drei Jahre lang begleitet. Wie man als Band den ersten Fuß in die Tür bekommt, erfährt man in "Utopia Ltd." allerdings leider nicht. Zu Beginn des Films haben die drei Jugendfreunde, die gemeinsam "1000 Robota" gegründet haben schon den ersten Plattenvertrag in der Tasche. Viele ambitionierte Amateure würde sicher auch interessieren, wie sie es dahin geschafft haben. Und auch die Regisseurin hat sich eben nicht "irgendeine" Band ausgesucht, sondern eine zumindest ansatzweise etablierte, deren Zukunft Spannendes versprach. Tatsächlich wurde die Band vor 3 Jahren gehypt wie keine andere.
Kein Szenemagazin, kein Musiksendung ohne überschwengliche Lobeshymnen und Hofberichterstattung. Auch wenn man sonst meint, Bravo, DSDS und Konsorten wären das einzige was es gibt: Magazine wie "Spex", "Musik-Express", der Kultur-Spiegel, Sender wie "Fritz", "1Live" und "Arte" haben immer noch jede Menge Platz für Musik jenseits des Mainstream. Und alle Redakteure dort standen damals auf 1000 Robota. Genauso wie die Regisseurin, die hier also quasi dem Alternative-Mainstream gefolgt ist.
Aber es ist ein Deal auf Gegenseitigkeit. Die Band muss auch abliefern, und in den Interviews das Image als unangepasste, visionäre Querdenker bestätigen. Das macht Frontmann Anton Spielmann gerne, aber in der Doku sieht man auch, dass er nur eine Rolle spielt, und es ihm sichtlich peinlich ist, wenn seine plakativen Kommentare für bare Münze genommen werden und er mit einem Mal als arrogant gilt.
Damals lehnte die Band es ab, bei Raab´s Bundesvision-Songcontest anzutreten. Ob sie das heute nochmal machen würden ? Stattdessen tritt die Band eine Minitour ins Musikmekka London an. Die wird im Feuilleton als Triumph gefeiert, dabei ist die Realität ganz anders. Geschlafen wird in der Jugendherberge, in der Location verlaufen sich nur wenig Zuschauer. In London kennt und braucht keiner die deutschen Alternative-Shooting-Stars. Die massive Medienpräsenz hat sich für die Band ohnehin nie in nennenswerten Verkaufszahlen niedergeschlagen. Das ist es eigentlich nicht, was Sandra Trostel erzählen wollte. Aber es ist im Film auch nicht zu übersehen - und eben viel spannender als die pseudoklugen Worthülsen, mit denen die Band ihre Bestimmung, ihren Anspruch und ihre Bedeutung beweisen will.
Man nimmt den Musikern ab, dass sie mit Leidenschaft bei der Sache sind. Und wenn Frontmann Anton Spielmann ungelenk das Credo ausgibt "wir wollen Entstehung verursachen", dann ist das ein frommer Wunsch. Wirklich Neues bietet die Band nämlich nicht - oder nur für junge Fans, die die Vergangenheit gar nicht kennen. Ein paar Anti-Establishment-Plattitüden, Naivität, viel Tatendrang und reichlich angestaubten Schrammelrock. Anders als in den Magazinen sieht man im Film auch, wo die Jungs herkommen: Aus behüteten Verhältnissen und verklinkerten Einfamilienhäusern im Hamburger Umland. Im Umfeld ihrer Mitabiturienten gehen die Musiker komplett unter. Selbst die Eltern unstertützen den eingschlagenen Weg der Sprößlinge. So´n Mist aber auch ! Schließlich sind die Eltern normalerweise das erste Feindbild , gegen das man rebelliert. Das fällt hier weg. Na dann legt man sich eben mit allen anderen ein. Daher auch der Name der Band, der sich auf die angeblich so ferngesteuerten, automatisierten Menschenmassen bezieht, die man so täglich sieht. Eine reichlich naïve, abgegriffene und arrogante Sichtweise, zu denen die Abiturienten aus dem Hamburger Speckgürtel durch nichts berechtigt sind. Was, außer ihrem wohlbehüteten Vorortidyll haben sie denn schon erlebt ?
Aber an irgendwas muss man sich ja reiben. Also am besten an den musikalischen Vorbildern, die dem eigenen Ruhm im Weg stehen. Bei 1000 Robota sind das besonders die Independent-Ikonen ud Feuilleton-Lieblinge Tocotronic. Und wenn man die in seinen Texten erwähnt, hilft das auch der Eigenpromotion. Schließlich hatten die Kritiker, die jetzt 1000 Robota feiern, denen damals auch schon in den Sattel geholfen. So wird man immerhin einmal in einem Atemzug mit den Idolen genannt. Dabei sagt Spielmann selbst im Film, er wolle an keine Band erinnern, die irgendwann mal cool war. Reichlich paradox, etwas Neues kreieren zu wollen und gleichzeitig Vorbilder zu zitieren. Wer an die eigene Bedeutung glaubt, hat sowas nicht nötig. Bleibt noch die Auseinandersetzung mit der immer gern gescholtenen Musikindustrie, die die Künstler angeblich verbiegt und ausbeutet. Man sieht die Band bei spannenden Beratungen mit ihrer Plattenfirma über die erste Veröffentlichung (im Beisein von Dirk Darmstädter), wo dann auch der alternative Labelchef kommerzielle Interessen ins Feld. Auch ( oder gerade) kleine Firmen haben kein Geld zu verschenken.
Wo ist die Grenze zwischen künstlerischer Beratung, die Newcomer brauchen, und Einmischung im Interesse der Plattenverkäufe ? Das ist auch kein leichter Kampf. Schließlich nutzt man die Mechanik der Branche sehr gerne zum eigenen Vorteil. Spätestens als Anton Spielmann eine Lehre bei seinem Label anfängt, ist er selbst Teil der verhassten Industrie. Das verträgt sich nicht so ganz mit seiner Aussage "keiner kann mich zwingen, meine Musik zu verkaufen". Aber Künstler dürfen natürlich gerne schizophren sein. So macht die Band irgendwann Werbung mit dem fettgedruckten Slogan "Werbung nervt". Pure Ironie ? Oder pure Verarsche ?
Das Resultat der Werbekampagnen, der Touren, der Interviewmarathons ist ernüchternd. Die Band gibt es zwar immer noch. Auch einen Plattenvertrag hat sie. Aber der ganz große Erfolg hat sich nicht eingestellt. Und ohne den geht auch in der angeblich so alternativen Independent-Szene nicht.
Die Musik kommt im Film etwas zu kurz. Fans der Band werden den Film sicher trotzdem sehen. Aber diese Doku betreibt zum Glück keinen Starkult und hat darum auch Nicht-Fans etwas zu bieten. "Utopia Ltd." ist ein gelungener Film über das Innenleben einer Band und die Mechanismen der Independent-Musikszene in Deutschland. In einigen Jahren wird er außerdem als wichtiges Zeitdokument dieser ganz speziellen Ära gelten.

