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Mad Men - die neue US Serie bei ZDF_neo


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24.08.2010 20:48

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New York in den frühen 60er Jahren: Die Werbebranche ist noch eine Goldgrube und ein kleiner Seitensprung am Arbeitsplatz gehört wie der Whiskey zum guten Ton. Don Draper ist Ende 30 und erfolgreicher Creative Director in der Werbeagentur Sterling Cooper.

Als einer der selbsternannten "Mad Men", wie sich die Werbeleute aus der Madison Avenue nennen, konnte er mit seinen herausragenden Fähigkeiten als Texter bereits den ein oder anderen Coup landen. Ein Mann mit Prinzipien, der die Schmierenkomödie der egozentrischen Werbebranche perfekt beherrscht. Nach der Arbeit pflegt der umtriebige Werbestar diverse Affären, während seine bezaubernde Ehefrau Betty als Hausfrau und Mutter die familiäre Vorstadtidylle aufrechterhält.

Das Leben könnte so schön sein, wären da nicht eine Hand voll unerfreulicher Widrigkeiten, die Draper das hart erkämpfte Leben in der Upperclass zu versalzen drohen. Während überambitionierte Nachwuchskräfte, wie der skrupellose Pete Campbell, unerschütterlich an seinem Stuhl sägen, buhlt die Konkurrenz um die Gunst der Kundschaft. Und dann ist da noch die eigene Vergangenheit, die drauf und dran ist, die mühsam errichtete Fassade des nonchalanten Werbestars zum Einsturz zu bringen.


Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx über Mad Men: Ach, waren das noch Zeiten. Als Männer einfach nur unverschämt gut aussahen, wie Dressmen aus einem Anzugkatalog. Und Frauen diesen blassen, durchscheinenden Teint aufwiesen, kombiniert mit einem schüchternen Augenabschlag. Als Männer Frauen rund um die Uhr hektisch anbaggerten und öffentliche sexistische Witze zum guten Ton gehörten. Als man rund um die Uhr rauchten musste, bis man die andere Wand nicht mehr sehen konnte - und dabei fröhlich einen Whisky nach dem anderen kippte. Und alles vertilgte, was die Nahrungsmittelindustrie gerade erfand, ohne auch nur einen Gedanken an Gesundheit ver-schwenden.

"Mad Men" frönt auf den ersten Blick bedingungslos dem Nostalgietrend. Gezeigt wird ein gesellschaftliches Universum der Unschuld, in dem man noch tat, was man eben tat - ohne zu zweifeln, zu kritisieren, zu klagen, zu "diskutieren". Straight life eben. Diejenigen, die alles Unglück der heutigen Welt der 68er-Generation in die Schuhe schieben, müssten sich in dieser Welt (eigentlich) zu Hause fühlen: Es herrscht Vor-Emanzipa-tion, Vor-Gesundheitswelle, Vor-Jugendrebellion. Kein Mensch läuft mit Piercings durch die Gegend, keine Ohren sind mit iPod-Stöpseln verstopft, die Manieren sind höflich, zumindest auf dem Flur. Der Boss ist der Boss. Egal, ob er säuft oder seine Frau betrügt. Keine Spur von jener postmodernen Beliebigkeit, die heute alle wortreich beklagen.

"Mad Man" ist auch ein wunderbarer Kostümfilm, der lustvoll in den Accessoires der frühen Wohlstandsgesellschaft schwelgt. Die Kamera huldigt den Braun- und Orangetönen einer aufbrechenden Designmo-derne, die Radios, Fernseher, Schreibmaschinen, Autos zu runden, metallischen, irgendwie utopischen Artefakten formt. Der Glaube an Technik und Fortschritt, an Zukunft eben, ist ungebrochen. "Dieses Ding kommt aus der Zukunft, dem Ort, wo alles voller Annehmlichkeiten ist", schwärmt einer der Werbeleute in der Sterling Cooper Advertising Agency, dem Hauptort der Handlung, über eine sensationelle Neuerfin-dung, die Spraydose. Wir befinden uns mitten im "Raketenzeitalter", jener Epoche, in der Amerika die Welt gehörte. Und jene Bürokultur des tertiären Sektors entstand, die heute zutiefst unsere Sitten und Gebräu-che prägt.

So entstand die Konsumgesellschaft: Als naives, tapsiges, zynisches Spiel mit einer völlig neuen Menschen-Spezies, die sich aus den Wirren und Ängsten des Weltkriegs herausmendelte: dem VERBRAUCHER. So entstand aber auch all das, was danach kam: Frauenemanzipation und Psychologie-Welle, sexuelle Befreiung und politische Korrektheit, Sinnsuche und Ich-Findung. Hinter den Kulissen der Macho-Chauvi-Welt wohnt eine versteckte Utopie, in der das Verdrängte, das Un-Erlöste, sich Bahn bricht gegen die Welt der zynischen Konventionen. Mit großem Mit-gefühl schildert die Serie das Leben von Frauen, die beim Frauenarzt um die Pille betteln müssen, von Männern als Repräsentanzmaschinen benutzt und in einer bigotten Familienwelt depressiv und neurotisch werden. Die sich aber, allen männlichen Zumutungen zum Trotz, dennoch in der Berufswelt durchsetzen und ihren eigenen Weg finden. Auch die emotional gepanzerten, seelisch sprachlosen Männer erleben ihre Katharsis, die sie von innen her zu verändern beginnt. So illustriert "Mad Men" die Keime der Gefühlsmoderne, in der wir heute leben.

"Mad Men" ist tiefes, komplexes Fernseh-Handwerk, wie es derzeit offenbar nur die Amerikaner beherrschen. Komödie, Epos, Melodrama, Farce, Soap, Historienfilm und "Entwicklungsroman" in Einem. Aber was interessiert uns eigentlich an dieser längst versunkenen Welt? Was macht den Kult-Charakter aus, den viele Fans der Serie beschwören? "Mad Man" ist nicht so lustig wie "Desperate Housewifes", nicht so schrill wie "Dr. House" und nicht so spannend wie "LOST".

Aber die Serie lässt uns auf doppelte Weise über Gegenwart und Zukunft reflektieren. Wenn die Kamera eine Weile auf einem Gesicht, einer Geste, einer Hand mit Zigarette und Whiskyglas ruht, wird man bisweilen vom unheimlichen Gefühl beschlichen, es habe sich nie etwas geändert. Der Zynismus, die Gier, das Machtspiel, das alte Mann-Frau-Drama - statt Whisky trinkt man heute eben Latte Macchiato, statt zynischer Witze gibt es krampfigen Psychotalk. Und doch möchte man am liebsten Alice Schwarzer umarmen und Hymnen auf verkannte Tugenden wie Toleranz, Emanzipation und jene sprachliche Sensibilität singen, die sich "political correctness" nennt. Lang lebe die Postmoderne! Lang lebe die Welt der Probleme! So spiegelt "Mad Men" das, was in unserer Heute-Kultur immer noch reaktionär, stupide, unerwachsen bleibt, sich aber dennoch im ständigen Wandel be-findet. Und die Goldenen Sechziger, die längst durch Abgründe von uns getrennt schienen, rücken uns wieder ganz nahe.












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